Ausgabe 
29.4.1897
 
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ünverantwortliche Geduldprobe, wenn die Suppe so heiß auf den Tisch kommt, daß ohne vieles langathmigeS Pusten fern Söffet genoffen werden kann. Auch soll Mittags möglichst bald nach Eintreffen der Kinder aus der Schule gegessen werden, damit sie einerseits nichtüberhungern" und andrer­seits in aller Gemüthsruhe essen können. Mit keineswegs frommen Segenswünschen sür meine ehemaligen Pensionseltern gedenke ich noch der Zeit, wo wir als Schüler meist erst um halb zwei Uhr unser Mittagsmahl erhielten- ein genügendes Kauen und anständiges Essen war dann nicht mehr möglich- hastig wurden die heißen Bissen fast ganz hinuntergeschluckt, und oft nur halb gesättigt ging es im Trabe zur Schule.

Von großer Bedeutung bei der Ernährung der Jugend ist die Regelmäßigkeit und Ordnung der Mahlzeiten. Kinder sollten, ebenso wie ältere Leute, fünfmal täglich essen: ein erstes und zweites Frühstück, ein Mittagsmahl, ein Vesperbrot und ein Abendessen. Zum ersten Frühstück, welches, wie schon erwähnt, in voller Ruhe genoffen werden muß, wird am besten süßer Milchkaffee, das heißt viel Milch und wenig (Malz.) Kaffee, Butter und Weißbrod verabreicht. Sind bte Kinder an Thee oder Caeao gewöhnt, so möge man diesen beibehalten - auch kann man mit den Getränken zeitweise ab­wechseln. Jedenfalls ist es Morgens zur Auffrischung von Geist und Körper sehr angebracht, ein leicht anregendes Ge- nußrnittel wie diese drei zu sich zu nehmen und nicht gleich den Magen mit weichlichen Mehlsuppen zu füllen. Hierzu mögen, wenn es das Wirthschaftsgeld irgend erlaubt, als sehr nahrhafte Stoffe: Zucker, Butterbrot oder Honig gegeben werden. Fleisch aber bleibe ferne vom Frühstückstisch. Das zweite Frühstück, welches die Kinder gut eingewickelt mit in die Schule nehmen, bestehe aus Schwarzbrod mit Butter und womöglich etwas Obst. Auch dies Brot braucht nur aus­nahmsweise zur Belohnung 'sür Artigkeit oder an häuslichen Festtagen mit Braten oder Wurst belegt zu werden. Die Gründe hierfür werden wir nachher kennen lernen. Geld zum Selbsteinkauf des Frühstücks für die Unterrichtspause möge man den Kindern nicht mitgeben, denn meistens werden sich diese bann Näschereien, aber keine nahrhafte Sachen kaufen. Sinb Mittags bte Kinber au« der Schule gekommen und haben sich die Hände gewaschen, so muß ihnen eine kräftige, nahr­hafte, aber einfache Hausmannskost geboten werden. Suppe, Braten, Gemüse und Kartoffeln sollen dabei die Hauptbestand- theile bilden. Hiervon lasse man die Kinder essen, so viel sie wollen. Auch Obst als Nachtisch ist wegen der den Magen angenehm anregenden Fruchtsäuren empfehlenswerth. Eine zu reichliche und große Auswahl von Speisen ist ungesund, weil sie durch den Wechsel der Gerichte den Appetit immer wieder neu anregt und daher zu Übermäßiger Nahrungsaufnahme und Uebersättigung führt. Dagegen ist eine größere Abwechslung der Gerichte an den verschiedenen Tagen überaus wünschens- werth, aber nicht in der Weise, daß die einzelnen Speisen immer genau an den bestimmten Tagen wiederkehren. Als Getränk diene während des Mittagessens nur Wasser, und auch dies nicht in zu großen Mengen. Bier ist gar nicht zu empfehlen, höchstens bei festlichen Gelegenheiten ein Glas Wein. Nach der Schule, also um halb fünf ober halb sechs Uhr, sollen bie Kinber Milch mit etwas (Malz-) Kaffee trinken und bazu Brot mit Butter ober Honig essen. Abenbs, min­destens eine Stunde vor Schlafengehen, sind leicht verdauliche Milch- und Mehlsuppen, Eier und ein wenig leichte, kalte Fleischspeisen das beste. Als Getränke verabreiche mau im Sommer Buttermilch, süße ober saure Milch, int Winter Thee mit Milch, ober bett größeren Kinbern ein Glas leichtes Bier. Ganz zu verwerfen ist ber in bürgerlichen Familien noch vielfach übliche Kaffeegenuß am Abcnb. Daburch werben die Kinder aufgeregt, schlafen schwer ein, träumen unruhig und stehen am andern Morgen mit matten Gliedern und schläfrigen Sinnen auf.

Zu diesem speeiellen Tagesspeisezettel sei noch im all­

gemeinen folgendes bemerkt^: Unter den Gerichten sollen nicht, wie bei ganz kleinen Kindern, die breiigen Speisen vor­herrschen, sondern gerade compacte und feste Speisen müffen in dem Erstarkungsalter die Zähne und Berdauungsorgane zur Thätigkeit und Arbeit anregett, damit sie sür spätere Zeiten gekräftigt werden und nicht frühzeitig erschlaffen. Daher ist z. B. Mittags und Abends Schwarzbrot zweckmäßiger als Weißbrot- die norddeutsche Methode, die Gemüse unversehrt zu lassen, ist beffer als die süddeutsche, sie zu einem Brei zu zerkleinern. Sehr nahrhaft sind alle Hülsenfrüchte und Hirn, sowie alle Fette, unter denen die Butter den ersten Rang ein­nimmt. Freilich darf man die Kinder nie zu fetten Speisen zwingen. Ueberhaupt soll der oft merkwürdige Widerwille eines Kindes, den es gegen eine bestimmte Speise hat, mög­lichst berücksichtigt werden- Zwang kann hier sogar schwere Erkrankungen nach sich ziehen.

Wir haben vorhin erwähnt, daß Kinder Morgens gar kein Fleisch und Abends nicht viel bekommen sollen. Es tritt nämlich durch zu kräftigen Fleischgenuß eine körperliche Früh­reife ein, mit ber die Entwicklung des Geistes bann nicht gleichen Schritt hält. Das Nervensystem wird überernährt, die Sinne werden überreizt, und die Reifezeit des Knaben und Mädchens, welche im Allgemeinen doch erst jenseits der Schule liegt, tritt schon unnatürlich früh auf. Dies hat dann viele körperliche und geistige Nachtheile im Gefolge, auf die wir hier nicht näher eingehen können. Eine gleiche Gefahr liegt auch in dem Genuß von aleoholüchen und alealoidhal- tigen Getränken (starker Kaffee und Thee) und in zu sehr gewürzten Speisen.

Wohl soll bie Nahrung durch Würzen schmackhaft ge­macht werden, aber dazu sind mehr die inländischen Gewürze (Salz, Zwiebeln, Suppenkräuter), als die scharfen auslän­dischen (Pfeffer, Zimmet, Vanille, Nelken, Museal) zu ver­wenden.

Daher, ihr Eltern, gewöhnt eure Kinder frühzeitig an einfache und kräftige Hausmannskost, denn nur diese kann ihren Körper wahrhaft kräftigen. Ihr werdet dadurch Ge­sundheit und Lebensdauer eurer Söhne und Töchter auf feste und unerschütterliche Säulen bauen und ihnen einer unantast­baren Reichthum hinterlassen, ber burch blühenbe Gesundheit und langes Leben, durch Einfachheit der Gewohnheit und Zu­friedenheit des Herzens ganz gewiß die ergiebigsten Zinsen tragen wird!

Gein-iirnÄtzig-s.

Eingehen junger Hühnchen. Die Erfahrung lehrt, daß eine große Anzahl junger Hühnchen weniger in Folge von Ungeziefer, Witterungs- und Fütterungsverhältnissen ein- gehen, als vielmehr durch frühzeitiges, schnelles Wachsthum und damit eintretenbe plötzliche Entkräftung. Man erkennt biete Küken an ben unverhältnißmäßig großen Flügeln, welche sie nicht an sich zu ziehen im Staube sinb, sondern hängen lassen - babei piepen sie unaufhörlich, auch wenn bie Glucke habet ist - suchen, ba sie beftänbtg frieren, mit Vorliebe sonnige Plätze auf und gehen, falls man sich weiter keine Mühe mit ihnen gibt, zu Grunde. Bei einigen beginnt dieses Kränkeln sehr früh, schon in den ersten vierzehn Tagen, bei anderen in ber fünften bis achten Woche. Sehr häufig zeigt sich die K ankheit bei starkknochigen Thieren und Hähnen. Solche Thiere bringe man in einen warmen sonnigen Stall, Mere sie reichlich mit kleingehacktem Fleisch und Ei, eingeroeidjtem Weißbrot, Hanfsamen und trockenem Bruchreis, wobei sie sich nicht allein in kurzer Zeit erholen, sondern sich zu überau großen Thieren heranbilden. Besonders findet man den Uebelstand bei Truthühnern mit ihren starken Knochen un dem unverhältnißmäßig schweren Körper.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Ließen.