Ausgabe 
28.8.1897
 
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die Hand aus und sagte ruhig:Gute Nacht, Doctor Vandine! Da, Ihrer Ansicht nach, die Epidemie so gut wie erloschen ist, so werden wir uns so bald nicht wieder treffen.''

Er hat ihre Hand ergriffen und hielt dieselbe fest.Was?!" rief er.Ich soll Sie nicht wieder treffen ?! Das ist ein hartes Wort, das Sie da zu einem alten Freunde sprechen, Polly, ein sehr hartes Wort nach solchen Wochen, wie wir sie miteinander in den Blackporter Hütten zugebracht nachdem Sie mir das Ideal der Frauenwürde und des Frauenwerthes, tote ich es so nie vorher geahnt, entschleiert haben."

Er nannte sie bei ihrem alten Namen.

Das Mondlicht fiel voll auf Ethels feingeschnittenes dunkles Antlitz; er sah Thränen in ihren Augen.

Ein unarticulirter Schrei entrang sich den Lippen des Doetors.Ich liebe Dich, Polly!" jubelte er auf, und ich bin nun davon überzeugt, daß ich Dich Dich allein immer geliebt habe! Wollen wir uns Wiedersehen oder nicht?" Ethels Hand lag still in der seinen. Die Thränen, welche bisher an ihren Wimpern gehangen, rollten jetzt langsam über ihre Wangen.Wie darf ich glauben, daß ich von Ihnen geliebt werde," murmelte sie,so viel Glück kann mir nicht bestimmt sein."

Er zog sie an sein Herz und bedeckte ihren Mund mit Küssen.

Die Arme um seinen Hals geschlungen, den Kops an seiner Brust geborgen, erzählte ihm Ethel unter Thränen des Glücks, in der stillen, mondhellen Nacht, daß sie ihn geliebt habe, von dem Tage an, da sie ihn zum ersten Mal gesehen, und wie sie ihr Geheimniß doch so sorgsältig zu verbergen gewußt, daß kein menschliches Wesen je eine Ahnung davon gehabt habe.

Dick blickte sie halb erstaunt, halb begeistert an. Großer Gott! Wie blind war ich doch!" rief er aus. Sicherlich, mein Liebling, ist kein Manu so thöricht gewesen wie ich!"

Auf so einfache Weise verschenkte die Herrin von Grey- lock Woods ihre Hand und all ihre Reichthürner. Sie wurde wenige Wochen später dem jungen Arzt in derselben Kirche angetraut, in welcher Non und der Baronet das Gelübde der Treue miteinander getauscht hatten.

* * *

Es ist fast zwölf Uhr. Ueber dem Mittelländischen Meere, den Palmen, Gärten und Hügeln der Riviera, dem schönen, im Schutze der Alpen liegenden Nizza, das von Bergnügungsjägern und Gesundheitsuchenden aus allen Theilen der Erde saft übersüllt ist, brütet die Mittagshitze. Auch aus die hübsche, von Orangen- und Citronenbäumen beschattete, gerade in der Hauptstraße liegendeVilla Maria", welche von einer schönen Amerikanerin bewohnt ist, fallen die heißen Strahlen der Sonne- es scheint fast, als ob die strahlende Himmelskönigin alles Leben in dem schmucken Häuschen er- tödtet hätte, so still und regungslos ist es in demselben.

Die Uhren in der Villa schlagen eine nach der anderen zwölf, und wie durch die hellen Töne erweckt, erscheint auf der Treppe ein schwarzer Page in Livröe, welcher in der Hand eine kostbare, über und über mit Theerofen gefüllte Vase trägt. Er giebt an einer der seidenen Portieren ein leises Zeichen, und gleich darauf wird dieselbe von einer zierlichen Kammerzofe bei Seite geschoben.

Schläft Mrs. Iris Grehlock noch?" erkundigte sich der Schwarze.

Ja," versetzt das Mädchen, indem sie die duftende Vase in Empfang nahm.Als sie gestern von Monaeo zurückkam, war sie erschöpft- sie hat am Spieltisch viel ver­loren, und" die Kleine zuckte die Achselnes ver­stimmt die Gnädige immer, wenn sie verliert. Mein Himmel! Diese Amerikaner sind ja so reich, daß ein paar Tausend Francs mehr oder weniger ihnen doch unmöglich etwas ausmachen können!"

Der Schwarze zog sich in den Corridor zurück. Die Zofe wurde ungeduldig- sie öffnete die Thür des Schlaf­zimmers ihrer Herrin und blickte hinein.

Es war wirklich ein reizendes, kleines Gemach, dessen Fenster eine herrliche Aussicht aus die Promenade und das Meer boten. Die Wände waren mit Spiegeln und Ver­goldung reich geschmückt, die Möbel kostbar eingelegt und das Bett, welches in der Ecke stand, mit künstlerisch ausgeführtem Schnitzwerk verziert. Die Zofe schlich leise und vorsichtig auf dasselbe zu

Eine schön geformte Hand lag bewegungslos auf der Decke; das wachsbleiche Antlitz der Schläferin war in die gestickten Kiffen gepreßt. Die Zopfe schaute hin- sie beugte sich über das Bett, berührte die Herrin, schob den Fenstervorhang zurück, blickte noch einmal hin und floh dann, einen gellenden Schrei ausstoßend, aus dem Zimmer.

Laufe zu dem englischen Arzt!" rief sie dem herbei­eilenden Neger zu-mit der gnädigen Frau ist etwas nicht in Ordnung.Oh, mein Gott! ich glaube, sie ist tobt!"

Der Schwarze raunte davon.

Wenige Minuten später kam der Arzt- er prüfte die still und kalt auf dem Bett liegende Mrs. Iris Grehlock, betrachtete aufmerksam eine kleine Flasche und ein Glas, welche auf dem Tische standen, und erklärte dann kurz: Sie ist schon seit mehreren Stunden tobt!"

Oh, mein Herr!" kreischte bie Zofe,ist es Selbstmorb ?"

Eine zu starke Dosis Chloral wahrscheinlich," meinte ber Arzt.

Mabame mußte ihre Tropfen haben," sagte das Mädchen-sie konnte ohne dieselben nicht schlafen, und gestern Abend in Folge ihrer Spielverluste in Monaeo besah! sie mir, die Dosis ein wenig, ein ganz klein wenig stärker zu machen. Ach, wie schrecklich! Man wird sie in Nizza sicherlich noch sür lange Zeit nicht vergessen- kannte doch Jedermann die hübsche, lahme Dame, welche mit ihrem Gelbe so freigebig war wie eine Herzogin."

In Nizza wird an Niemanden lange gedacht," bemerkte der Arzt kühl, als er das Haus des Todes verließ.

Das ewig Pläne schmiedende Hirn und das rastlose Herz der ehemaligen Tänzerin sie hatten endlich Ruhe gefunden. Auf einem Tisch, nahe dem Bett, lag ein un­vollendet: Brief, der, wie die Aufschrift erkennen ließ, für die jenseits des Oceans lebende Tochter der Verstorbenen be­stimmt war.

Die letzten Zeilen lauteten:Das Leben ist nicht werth, gelebt zu werden, Ethel- das meinige ist hoffnungslos ver­fehlt- Alles belästigt und ermüdet mich- Du bist glücklich zu preisen, daß Du die Natur Deiner Mutter nicht geerbt hast. Ich bin und war all mein Leben lang eine unglückliche Frau"

Dieser unvollendete Brief wurde mit der Nachricht von dem Tode der Schreiberin über das Meer gesandt, denn Mutter und Tochter waren ja durch Tausende von Meilen von einander getrennt. Die Leiche der Mutter ruhte, wenn auch im sonnigen Italien, so doch in fremder Erde, während die Tochter in ber Heimath, im freien Amerika, als glückliche Gattin lebte.

Ethel nahm beti Tob ber Mutter nicht allzu tragisch auf- hatte sie boch nie bie Liebe bes Kinbes sür sie em« pfinben können. Nau war von bem plötzlichen Hinscheiben Derjenigen, welche sie seit ihrer frühesten Kinbheit als Mutter zu betrachten gewöhnt worben war, mehr erschüttert- sie machte sich Vorwürfe barüber, baß sie ihr, ber sie boch eigentlich ihr ganzes Lebensglück verbankte, nicht das gewesen, was sie ihr eigentlich hätte sein sollen eine hingebende Tochter.

Ihr Gemahl tröstete sie hierüber- in seiner ruhigen Weise meinte er:Ihretwegen hättest Du noch heute ein Straßenkind sein können- Du warst ihr nur das Mittel zum Zweck- Dank hast Du ihr nie geschuldet."

Im Sommer des nächsten Jahres trafen sich die