Ausgabe 
28.8.1897
 
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Das Kind der Tänzerin.

Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.

(Schluß.)

Am nächsten Tage eilte er wieder nach der Hütte. Als er in Sicht derselben kam, bemerkte er mit Erstaunen, daß aus dem Schornstein eine dünne Rauchmule in die klare Luft emporstieg. Rasch öffnete er die Thür, trat auf die Schwelle und blieb aufs Angenehmste überrascht, stehen. An Stelle der wüsten Unordnung und des jammervollen Elends von gestern erblickw er heute Sauberkeit, Speisen, einen Ueberfluß von neuen Kleidern, Eis, eingemachte Früchte, und, was bas beste von Allem war, eine Krankenwärterin, welche geräuschlos von einem Kinde zum anderen eilte und mit der sicheren und zarten Sorgsamkeit, welche ein aus­schließliches Erbtheil des Weibes zu sein scheint, um dieselben bemüht war.

Welcher Engel des Himmels ist hier gewesen?!" rief Vandme aus, als er seine freudige Rührung und sein Er­staunen etwas bemeistert hatte.

In diesem Augenblicke erhob sich eine schlanke Mädchen­gestalt in einfach dunklem Gewände, welche bisher, unbemerkt von dem jungen Arzte, in einer Halbdunkeln Ecke des Raumes an dem Bette eines der kranken Kleinen gesessen hatte.

Der junge Arzt zog rasch und höflich den Hut- sein wettergebräuntes, halb von einem röthlichen Bollbart be­decktes Gesicht zeigte keine sonderliche Bewegung, aber seine Stimme bebte leicht, als er sagte:Ich finde keine Worte, um Ihnen für diese so rechtzeitige Hülfe in der Roth zu danken- wie kommen Sie hierher, Miß Greylock?

Er hatte Ethel-Polly erkannt. Ihre Figur hatte an Rundung und Fülle gewonnen, und in ihrem Gesicht mit den großen, dunklen Augen und dem regelmäßigen, scharf­geschnittenen Profil war trotz der unverändert brünetten Färbung der Haut nur wenig zu finden, das an Groß­mutter Serags Enkelin erinnerte. Auch ihre Hände, welche damals roth, rauh und arbeitshart gewesen, waren nun

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er Tag hat seine Mühe, greif zu, sei fest und wach, Das Schwerste thu' am ersten, leicht folgt das Leichte nach. Hab' viel Geduld mit Andern, mit Dir hab' nie Geduld: Die ungethane Arbeit ist unbezahlte Schuld.

von einer sammetartigen Weiche und marmorweiß. Dick bemerkte, daß sie keinen Ring trug, und dachte unwillkürlich: Was für schöne Hände sie hat! Wie es scheint, findet sie jetzt noch ebenso viel Vergnügen wie früher daran, dort zu helfen, wo Hülfe noth thut."

Ich hörte zufälliger Weise heute Morgen von der traurigen Lage dieser armen Wesen," erwiderte Ethel ruhig. Wenn sonst irgend etwas hier gebraucht wird, soll die Wärterin es sogleich besorgen. Das arme Blackport! Es ist eine böse Zeit über seine Einwohner gekommen."

Ja," antwortete Dick ernst,die Zahl der Fieber­kranken in der Stadt hat sich heute Morgen wieder ver­größert."

Wie können Sie es nur möglich machen, ganz allein für so viele Patienten zu sorgen?" fragte Ethel mit einem Blick voll so warmer Theilnahme, daß der junge Arzt sich an die Polly früherer Zeiten erinnert fühlte.

Ich habe in den Nachbarorten um Hülse gebeten," versetzte er,aber leider ohne Erfolg, da das Fieber auch dort überall auSgebrochen ist. Glücklicherweise genügt für den Nothfall meine Kraft wenigstens vorläufig. Aber Sie, Miß Greylock wissen Sie nicht, daß die Krankheit in hohem Grade ansteckend ist? Dadurch, daß Sie Plätze, wie diesen hier, besuchen, setzen Sie sich der grüßen Gefahr aus."

Ethel lächelte ruhig und sagte:Ich fürchte mich nicht im Mindesten."

Das hätte ich allerdings ohne Ihre Versicherung wissen können," entgegnete er mit einem tiefem Athemzuge.

Dick begleitete sie dann bis zur Equipage, welche in der Nähe hielt, erkundigte sich höflich nach Miß Pamela Greylock und blickte dem davonrollenden Wagen lange nach.

Es war dies das erste Mal gewesen, daß die Beiden sich während jener schrecklichen Tage der Krankheit und des Todes trafen, aber nicht das letzte. In jedem Hause, wo Mangel und Armuth herrschten, fand er sie wieder. Wochen und Wochen hindurch kämpften der junge Doctor und die reiche Erbin Schulter an Schulter gegen den furchtbaren Gegner- er mit Kunst und Gewissenhaftigkeit des Arztes sie, indem sie für tüchtige Krankenwärterinnen und für die zahllosen Hülfeleistungen sorgte, welche einzig und allein mit Hülfe des Geldes verschafft werden können. Nur Vandine selbst wußte, wie viele Leben sie ihm retten half, wie viele er ohne ihren Beistand niemals hätte retten können.

Sie sprachen wenig miteinander, wenn sie bei der Aus­übung ihres edlen Werkes zusammentrafen. Er war der einfache, sich von seinen pflichttreuen Collegen durch nichts