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deutend besser, wenngleich ich noch immer hinke und wohl auch zeitlebens an diesem Gebrechen tragen werde!"
Er drückt stürmisch, aufgeregt ihre weiche, kleine Hand: „oh, das ist ja ganz unbedeutend — das ist ja ganz nebensächlich ! Welch ein Glück, daß Sie so frisch und wohl sind! Habe es mir gar nicht träumen lassen, Baroneß — . . . sonst ... ja — sonst wäre ich wohl schon eher gekommen !"
Sie erglüht abermals und bittet mit freundlicher Handbewegung Platz zu nehmen.
„Es ist eine Ueberraschung, Sie einmal wieder in der Residenz zu sehen, Herr Graf!" lächelte sie so unbefangen wie möglich: „Wie lange Jahre haben Sie sich nicht mehr blicken lassen!"
Er sieht sie ehrlich an: „Was sollte ich hier, Fräulein Johanna? Sie wissen es wohl selber, wie man mir hier begegnet ist. Die traurigen Erfahrungen haben mich menschenscheu und wunderlich gemacht, die Welt gab mir kein Glück, darum bin ich in die Einsamkeit geflüchtet, wohin solch ein ungeschlachter, häßlicher Geselle wie ich einzig hingehört!" — Wie in flehender Angst hing sein Blick an ihren Lippen, Johanna aber schüttelte voll milden Ernstes das Haupt und antwortete: „Wie können Sie so etwas sagen, Herr Graf! Schönheit und Häßlichkeit sind Geschmacksache!"
„Wie urtheilt Ihr Geschmack, Baroneß?" fragt er leise, wie ein bittendes Kind.
Sie schaute ihm — abermals erröthend — in die Augen.
„Ich finde selbst das schönste Antlitz häßlich, wenn es den Ausdruck gemeiner, unlauterer und sündhafter Empfindungen und Begierden trägt, und ich nenne das häßlichste Gesicht schön — wenn sich in seinen Augen eine Seele spiegelt, wenn Güte, Treue, Wahrheit ihm ihren Stempel ausgeprägt haben!"
Der Klang ihrer Stimme sagte mehr noch wie ihre Worte, wie in einem Taumel des Entzückens faßte Willibald ihre Hand und zog sie mit einer Kühnheit, welche er selber nicht begriff, an die Lippen.
„Wenn die Wahrheit schön macht, Johanna — so lassen Sie mich auch durch sie schön werden!" rief er ungestüm: „denn wahr sein möchte ich in dieser Stunde mehr denn je! Lassen Sie uns jetzt nicht von gleichgültigen Dingen reden, denn das würde eine Lüge sein Angesichts unserer tiefinnersten Empfindungen. Sie wissen, warum ich hierher komme, Johanna, Sie wissen es so gut wie ich! Da ist nur ein Wunsch und Gedanke, welcher mich beschäftigt, und Alles, was eine Entscheidung aufhält, quält und beunruhigt mich! Ich kann nicht über Wetter, Menschen und Theater mit Ihnen sprechen, wenn mein Herz ganz andere Dinge denkt! — Warum wenden Sie sich ab? — Erschreckt Sie diese schnelle, ehrliche Wahrheit nun doch? — Habe ich es falsch angefangen? Oh, dann vergeben Sie mir! Haben Sie Nachsicht mit einem Mann, welcher der Welt so fremd geworden ist. — Ich meine es ja gut, Johanna — so von Herzen gut!"
Er hatte ihre Hand ergriffen und drückte sie wie beschwörend zwischen den seinen.
Abermals begegneten sich ihre Blicke, und in beider Augen lag derselbe Ausdruck, eine selig bange Scheu, eine Bescheidenheit und Verzagtheit, an das Glück zu glauben!
Johannas Wangen färbten sich immer höher, wie eine glühende, blühende Rose lächelte ihn ihr Antlitz an, und die engelhafte Güte und Demuth, welche sich darin aussprachen, ließen sein Herz wie in trunkenem Entzücken aufjauchzen. Er preßte ihre Hand an seine Lippen.
„Sie kennen mich noch nicht, Johanna — und Alles, was Sie wohl von mir hörten, war nicht dazu angethan, mir Ihr Herz zu gewinne»! Ich weiß, welch eine Vermessenheit es von mir ist, hier vor Ihnen zu stehen und unter solchen Umständen um Ihre Hand zu werben! Aber bei Gott, Johanna, Sie sollen es nie bereuen, mein Weib geworden zu sein! — Mich selber und meinen äußeren Menschen kann ich ja leider nicht ändern, den müssen Sie
nachsichtig mit in den Kauf nehmen, aber mein Leben — mein Handeln — Denken — Fühlen — das steht in meiner Gewalt, und das will ich Ihnen in innigster, treuester Liebe zu eigen geben — das soll Sie glücklich machen!"
Er hatte schnell, leidenschaftlich erregt gesprochen, er staunte nicht über seine Kühnheit und wunderte sich nicht, woher er all die Worte nahm — sie flössen ihm ungesucht aus dem tiefsten Herzen heraus — und darum gingen sie auch zu Herzen. Große, leuchtende Thränen glänzten in Johannas Augen.
„Wie sind Sie so gut zu mir, der Einsamen, Kranken, die auf der Welt kein Glück mehr erhoffte! Aber ich fürchte, Graf Niedeck, Sie überschätzen mich, Sie halten mich für gesünder als ich bin —"
„Ich wähnte Sie noch im Rollstuhl sitzend und kam dennoch als Freier zu Ihnen!" rief er stürmisch, legte den Arm um sie und zog sie an sich — „ich bin wie geblendet von dem, was ich sehe!"
„Aber Sie kennen mich noch so wenig —"
Da lachte er, und das Lachen machte sein Gesicht, das glückstrahlende, schön.
„Mir ist es zu Sinnen, als ob wir uns schon lange, lange Jahre kennten, — so wie ein Kind sich seine Weihnachtspuppe in Gedanken ausmalt und wenn es sie dann am heiligen Abend in den Händen hält, ausruft: „ja — die meinte ich! die gerade, die wollte ich haben!"
Nun lachte sie auch, aber sie lehnte das Haupt an seine Schulter und flüsterte: „Es ist ja erst Sommerzeit! ich kann es noch gar nicht fassen und begreifen, daß" es schon Weihnacht für mich geworden!"
Einen Augenblick blieb cs still, nur zwei übervolle Menschenherzen köpften in dem Rausch unglaublichen Glückes zum Zerspringen. Ein nie gekanntes Getühl durchschauerte den einsamen Mann, als er die weiche, kleine Mädchenhand mit festem Druck in der seinen fühlte, als er die Wange auf ihr seidenweiches Haar preßte.
Er, welcher aus Haß und Rachsucht den Plan gefaßt, zu heirathen, welcher hierher gekommen war, einzig um eine Gemahlin zu gewinnen, welche die Wünsche und Hoffnungen des Grafen Rüdiger durchkreuzen sollte, er saß plötzlich als zärtlicher Bräutigam zu Füßen der Erwählten, voll himmel- anstürmcnder Seligkeit den Inbegriff alles Glückes in ihr vergötternd! Und Johanna, welche im ersten Augenblick in dem Freier nur einen Erlöser aus tiefster Verlassenheit gesehen, von welchem sie nur das Bescheidenste erhofft, den Genuß, ohne Sorgen in Niedeck, dem freien, waldumrauschten wohnen zu können, sie fühlte es plötzlich so frühlingswarm in ihrem Herzen emporquellen, als sei ihr in dem Freier, welchen alle Welt so häßlich nannte, das Ideal aller edlen, treuen, preisenswerthen Männlichkeit erschienen.
Wenn es bei den Frauen vom Mitleid bis zu der Liebe nur eines kleinen Schrittchens bedarf, so gehr bei ihnen die Dankbarkeit mit der Liebe wohl immmer Hand in Hand.
Es war ein wunderliches Finden, welches die beiden Herzen dieser einsamen, freudearmen Menschen verband. Eines fühlte sich tief und unauslöschlich in der Schuld des Anderen, eines erblickte in dem Anderen seinen größten Wohlthäter, Jedes empfand das Glück, welches ihm geworden, als unverdientes Gnadengeschenk, welches ihm die Barmherzigkeit geschenkt. Im Uebermaß des Empfindens waren sie Beide verstummt. Hand in Hand saßen sie nebeneinander, — vor einer Stunde noch fremd und weltenfern — jetzt im innigsten Glück vereint für alle Zeit. Willibald küßte die Braut auf den Mund: „Laß uns zu Deinem Bruder gehen!" bat er.
Und sie gingen, wie von Engelsschwingen getragen. Ein wunderliches Brautpaar. Der häßliche, unförmige Mann, das hinkende, verkrüppelte Mädchen; und doch stand der Himmel über ihnen offen, und sie hörten den Liebespsalter der Cherubim.
(Kortsetzung folgt.)


