Ausgabe 
23.1.1897
 
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Die Goldhähnchen verdienen gewiß gehegt und durchaus nicht verfolgt zu werden, wie daS leider noch hie und da durch Feinschmecker geschehen soll. Man biete ihnen vielmehr alle Annehmlichkeiten, die sie zum Ansiedeln in der Nähe unserer Städte und Dörfer locken können!

Jetzt will ich meinen zweiten Zwerg, den Jedermann, der auch nur ein wenig die Natur beobachtet, gewiß kennt, einer näheren Betrachtung unterziehen. Wer den Zaun­könig, der auch Schneekönig genannt wird, auf Bäumen oder sonst in der Höhe sucht, der wird chn nur selten finden, denn seine Luftreviere sind in der T'efe nahe am Boden. Hier treibt er sein Wesen, hier schlüpft er mit fast, senkrecht gehobenem Schwänze mit einer wahrhaft erstaunlichen Ge­wandtheit durch die dichtesten Dornhecken, durch Gesträuch und Gestrüpp und geht dabei stets seiner Nahrung nach. Dieselbe besteht in Kerbthieren, deren Larven und Eiern­aber ganz besonders nützlich macht er sich durch Vertilgung der gefürchteten, unheimlichen Ohrwürmer, und da er ein Standvogel ist, der diese Arbeit auch im Winter den ganzen Tag über ununterbrochen fortsetzt, so geht daraus von selbst hervor, daß auch mein zweites Zwergvöglein als ein höchst nützliches Thierchen erachtet werden muß.

Der kleine Zaunkönig, dem schon die alten Griechen zu Aristoteles Zeiten den Namen Basileus (König), wohl nur in scherzhaftem Sinne, beilegten, weil er seine Reviere, wie schon oben bemerkt, mit so großer Gewandtheit und Sicher­heit beherrscht, erfreut uns auch im Winter durch seinen Gesang, denn wenn bei strenger Kälte, bei tiefem Schnee selbst die frechen Gesellen, die Spatzen, unzufrieden, miß- muthig und dabei ihr Gefieder sträubend, stumm auf Zweigen sitzen, dann vernehmen wir wohl von einer niederen Dach­firste herab oder von einem Zaunpfahl her das einfache, hell­klingende Liedchen des Schneekönigs, das er so vergnügt und fröhlich erschallen läßt, als ob er von Frühlingsluft und Blüthenduft umgeben wäre, und dies ist doch sicherlich die Ursache der bekannten Redensart:Er freut sich wie ein Schneekönig." Männchen und Weibchen sind kaum in der Färbung zu unterscheiden- ihr Gefieder ist oben rostbraun, vom Rücken bis zum Schwanzende befinden sich schwärzliche Querbinden - unten sind sie weißlich-rostgrau mit dunkelbraunen Wellen und einigen weißen Punkten unter dem Schwänze. Die Lange derselben beträgt nur etwas über 9 Zentimeter. Kaum aber ist der Wimer von dannen gezogen, so schreitet das liebliche Zaunkönigpärchen oftmals schon Mitte April zum Nestbau, und dazu wählen sie sich nur düstere, versteckte Orte unter faulenden Stämmen und Wurzeln, wie in dichten Dornenhecken, unter Brücken und unter Strohdächern. Männ­chen und Weibchen bauen etwa 12 bis 14 Tage lang aus verschiedenem Material ein riesig großes, sehr künstliches Nest mit manseähnlichem Eingang, polstern dasselbe mit Federn weich und glatt aus, und das Weibchen legt 6 bis 8, mit rothen Punkten versehene Eier, auS denen nach 12 Tagen die Jungen herauskriechen. Unermüdlich thätig pflegen die Alten ihre zarten Kinder und tragen ihnen eine recht große Menge Insektenlarven zu.

Schließlich will ich nun noch bemerken, daß ich glaube, dargethan zu haben, daß meine beiden Zwergvöglein, die man auch die Kolibris Europas nennt, den Schutz aller Menschen verdienen, und ich bitte daher ganz besonders meine verehrten Herren Collegen, freundlichst denselben ihre Aufmerksamkeit zu schenken und ihren Schulkindern das überaus nützliche Thun und Treiben derselben im Haushalte der Natur recht eindringlich vor die Augen zu stellen.

Gießen, im Januar 1897.

H. Cur schmann, Lehrer i. P.

VeimEehtes.

Masken-Costitme. Die Lust an Verkleidung und Maskenscherz liegt tief in der menschlichen Natur. Dem Einen bedeutet sie eine Rückkehr zur jugendlichen Fröhlich­keit, dem Anderen das Vertauschen der Maske, deren Tragen das Leben ihm aufnöth!gt, mit einer freigewählten- einem Dritten bereitet es Freude, ein paar Stunden lang mit dem Costüme auch das Gehaben eines Lieblingshelden zur Schau zu tragen. Ein Jeder aber freut sich, aus der Monotonie moderner Farben und Formen in die bunte Welt des Scheins flüchten zu können und unter dem Schutz der Maskenireiheit frohe Abenteuer zu erleben. Jedes Maskenfest gleicht ein wenig dem Feste, zu dem Aschenbrödel eingeladen war. Wenn auch nicht jede Theilnehmerin ihren Prinzen Tausendschön findet, so bleiben ihr doch einige hoffnungsvolle Stunden und eine süße Erinnerung als Gewinn. Diese Bedeutung der Maskenfeste erklärt ihre Beliebtheit- sie sollte auch für den Charaeter der Costüme maßgebend sein. Illusion, holde Täuschung ist die Devise des Festes- deshalb soll bei der Wahl der Costümes Alles vermieden werden, was diese zer­stören könnte und vor Allem die Uebereinstimmnng der Maske mit Figur, Individualität, Charaeter-Eigenschaft, Teint und Haarfarbe der Trägerin niemals außer Rücksicht gelassen werden ein schwarzhaariges Gretchen wäre genau so sinn­widrig und wirkte gerade so störend und zu mißliebigen Be­merkungen herausfordernd, wie eine kleine Heroine, eine statt­liche, historische Figur in Miniatur-Ausgabe. Schwere Broeat- stoffe und mächtige Kragen, die Fraise der Maria de Medieis, überhaupt pomphafte und umfängliche Trachten paffen ebenso­wenig für schwächliche, zarte Frauen, wie sich ein zartes Blumen-Costüme für eine große Gestalt, eine breitschulterige Figur eignen würde. Uebrigens gießt es auch bei der Dar­stellung von Blumen Manches zu bedenken. Die hohe Sonnen­blume, die stolz aufragende Königskerze z. B. beanspruchen andere Figuren, wie das zarte Vergißmeinnicht und das be­scheidene Heckenröslein- man wird auch bei Wahl der Stoffe und bei der Art des Anbringens der Blütden auf bereit Eigenarten bedacht fein müssen. Zartblüthige Blümlein dürfen an Costümen nicht massenhaft auf treten, um den Ein­druck des Ganzen nicht ungünstig zu gestalten. Es lassen sich bei richtiger Anwendung des Materiales ganz hübsche Erfolge erzielen, soferne der Kostenpunkt nicht gerade die Hauptrolle spielt. Es herrscht nämlich vielerorten die irrige Ansicht, daß sich Costüme aus alten Sachen Herstellen lassen, daß es gar nicht nöthig sei, sich über Art und Charaeter des Vorbildes zum Costüme genauer zu informiren. Wohl lassen sich vorwiegend zu Blumen Costümen ältere Seidenkleider verwenden, da meistens irgend ein duftiges Ueberkleid den Hauptbestandtheil bildet, doch kann dies auch nur infoferne geschehen, als Farbe und Machart mit dem Costüme-Vorbilde in Uebereinftimmung stehen. Neben den vielen Blumen, welche sich auch zu gruppenweisen Verkleidungen vorzüglich eignen, sind es Charaeter-Costüme historischen und Bühnen- Ursprungs, welche erwünschten Stoff zu Masken bieten. Eine Elsa von Brabant ausLohengrin", die Nedda aus Bajazzo", die Santuzza aus der OperCavaleria rusticana, dieManon" aus der gleichnamigen Oper sind dankbare Vorbilder zu Masken-Costüme, soferne, wie bereits bemerkt, die Eigenschaften der betreffenden, die Rollen dar­stellenden Personen nicht in birectem Widerspruche mit den Originalen stehen. Immer kommt es auf die Darstellung eines Costümes an- es giebt reizende Fledermäuse, graziöse Radsahr-Gigerldamen fine de siede und gar nicht unheim­lich anmuthende Waldgeister, wenn man es versteht, das Costüme von der picanten Seite zu erfassen, ihm irgend etwas Interessantes abzugewinnen.

AusDer Moden-Salon", Heft 2.

Redaktion: SU Echeyda. Druck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & »cheyda) in ®if6 tt.