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Das Kind der Tänzerin.
Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.
(Fortsetzung.)
„Sie sprechen wohl ans eigener Erfahrung?" fragte Ethel spöttisch.
„Nein," entgegnete er, „vor einem Monat noch waren die Liebe und ich einander sogar völlig fremd, sodaß ich schon anfing, mich für einen Ausnahmemenschen zu halten. Doch heute —"
„Fahren Sie fort," entgegnete Ethel scherzend, als er inne hielt. Wie lieblich sie aussah, als sie ihre großen, leuchtenden Augen auf ihn heftete! „Die Sache wird interessant ! Also heute?"
„Heute erkläre ich mich von der Macht der Liebe überwunden."
Sie erröthete und versetzte mit kaltem Tone: „Entschuldigen Sie, wir müssen zu Großpapa zurück. Wir haben ihn allein gelassen." Mit diesen Worten verließ sie die Statue und schritt rasch den grünen Abhang empor der Terrasse zu, auf welcher ich den alten Herrn vor wenigen Minuten wandeln sah.
Ihr Gefährte erhob sich mit betrübter Miene, rief die Hunde zu sich und folgte ihr.
Ich athmete tief auf. Das also war der englische Freier, der junge Lord, der über das Meer gekommen war, um die junge Erbin heimzuführen.
„Er ist gut und edel," dachte ich, „und er liebt sie! Sie hat hier Alles, was ihr Herz nur begehren kamt — Reichthum, Rang, Glück und Liebe. Wie seltsam dies Alles erscheint!"
Konnte dieses glückliche, aristokratische Wesen meine verlorene Schwester sein? Sollte nicht eine zufällige Aehulich- keit mich getäuscht haben? Durfte ich meinem Jnstinet,
1897$
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X'J.,- in Freund, der mir den Spiegel zeigt, Den kleinsten Flecken nicht verschweigt, Mich freundlich warnt, mich herzlich schilt,
Wenn ich nicht meine Pflicht erfüllt:
„Der ist mein Freund,
So wenig et’ä auch scheint."
Gellert.
meinem Gedächtnis; trauen? Wo war die lahme Frau? Wo war die pockennarbige Person, welche Nan gekauft und Großmutter Serag das Geld für sie bezahlt hatte?
Bald jedoch kehrte meine Ueberzeugung mit verdoppelter Macht zurück. Nein, ich täuschte.mich nicht! Mochte sie sich jetzt nennen, wie sie wollte, mochte sie noch so sehr mit Pracht und Reichthum umgeben sein — die Erbin von Greylock Woods und Nan, meine verlorene Schwester, waren dennoch eine und dieselbe Person.
Was sollte ich nun thun? Ich vermochte keinen bestimmten Entschluß zu fassen, unter allen Umständen erschien es mir nicht rathsam, länger in der Nähe des Hauses zu bleiben. Ich arbeitete mich daher rasch durch das Immergrün hindurch und schlug den ersten Pfad ein, den ich traf,- ich hoffte, derselbe würde mich sicher zu der Eingangspforte führen. Dies war indessen nicht der Fall, denn als ich dem Weg eine Strecke gefolgt war, erreichte ich eine hübsche Villa, die einsam in einer Lichtung des Parkes stand.
Es war noch so hell, daß ich alle Gegenstände um mich her deutlich erkennen konnte. Ich näherte mich dem Hause vorsichtig. „Welch' ein reizender Platz!" dachte ich. „Wer wohl hier wohnen mag?"
Ich gewahrte nun, daß eine Piazza an der Front des Hauses entlang tief; dort unter Blumen und wilden Ranken hing eine Hängematte, in welcher eine Frau lag, die sich hin und her schaukelte.
Ich vermochte ihr Gesicht, das seitwärts gekehrt war, nicht zu sehen, ich konnte nur die hübsche Form ihres Kopfes, der mit dunklem Lockenhaar bedeckt war, erkennen. Ein wallendes Gewand von Gaze und Spitzen hüllte ihre Gestalt ein, und ein weißer Arm, der mit goldenen, juwelenbesetzten Spangen geschmückt war, hing nachlässig über den Rand der Hängematte herab.
Eine fieberhafte Neugierde bemächtigte sich meiner. Leise schlich ich über die Lichtung hin, leise näherte ich mich der Piazza. Ich war entschlossen, kostete es, was es wolle, die Züge der Gestalt zu erblicken, die dort in träger Ruhe lag.
Ich hatte den Rasen schon halb überschritten, als eine eorpulente, brünette Frauensperson mit den Worten herans- trut: „Der Thau fällt schon, Madame- wollen Sie herein- kommen, oder soll ich Ihnen einen Shawl bringen ?"
Die Gestalt in der Hängematte erhob sich halb und erwiderte gähnend: „Reiche mir die Hand, Hannah! Ich kann wohl nicht länger hier liegen bleiben. Mein Gott, wie langweilig ist es doch hier in der' Rosen-Villa!"
Die dicke Braune half der Dame aus der Hängematte


