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Schritt auf der Treppe vernahm.
Sie stutzte, als sie den Mann so plötzlich vor sich erblickte, er aber lachte, ein halb melancholisches, halb spöttisches Lachen, und sagte: „Sie brauchen sich nicht zu erschrecken, Fräulein Wernicke. Und guten Morgen auch."
„Guten Morgen, Herr Neuert. Sie sind's, — ich hatte Sie nicht gleich erkannt," gab sie rasch gefaßt zur Antwort
nur geholt? Hier auf dieser
zur Antwort, aber seine Augen nicht bei seinen Worten war. doch. Da, an der Treppe hier.
rufe ich um Hilfe." , ,.„6 s;.
Die Worte brachten ihn zur Besinnung - er ueg
kühler Helle erfüllte.
Ein Einbau, der die eine Ecke am Giebel einnahm, höhte den Eindruck des Bewohnbaren. Eia Zimmer war hier hergerichtet, zu dessen braungelb gestrichener Thür zwei Stufen emporführten. Ein Fenster befand sich auch in ihr, doch war es von innen durch ein davor genageltes Brett fest geschlossen. Im Augenblick war sie offen- der Bewohner des Zimmers hatte am Fenster der Giebelwand im Bodenraum gestanden und wandte sich um, als er Marthas leichten
Schmerzen?"
Er lachte wieder das halb traurige, halb höhnische Lachen .... vorhin. „Eine Schramme, die in ein paar Tagen heil ist. Die macht mir nichts."
„Wo haben Sie sich's
Treppe?"
„Nein, unten," gab er verriethen, daß seine Seele Dann besann er sich. „Ja, Sie müssen das Blut noch sehen können."
Sie blick!e hinunter, aber ihre Augen vermochten nichts zu entdecken. Sie wandte sich ihm wieder zu, doch fand sie den Muth nicht, ihn Lügen zu strafen. Wieder stand er, schweigend und heftig athmend, ihr gegenüber, während seine Augen immer heißer brannten, sich immer tiefer, durstiger in die ihren versenkten. Ein beängstigendes Gefühl überkam sie, die Empfindung willenlosen Hingegebenseins an eine fremde Macht. Erst einmal hatte sie Aehnliches gefühlt. Als Dollar Jaksch vor ein paar Monaten zu ihr in das Zimmer getreten war, während die Eltern vom Hause fort waren, und lange mit ihr geplaudert hatte. Von ganz harmlosen Dingen, ohne diese seltsamen Pausen voll tiefen, geheimnißvollrii Schweigens, aber mit demselben unverwandt auf sie gerichteten, machtvollen Blick, der ihr die Freiheit des Denkens und Handelns zu rauben schien.
Vergeblich suchte sie nach Worten, den Bann zu brechen. Endlich that sie eine thörichte, gleichgiltige Frage, nur um die eigene Stimme wieder zu hören. „Wo sind Sie eigentlich zu Hause, Herr Neuert?"
„Nirgends!" rief er, und in seinem Lachen war M nur noch wilder, wüthender Hohn. „Auf der Straße, im Dreck, auf dem Mist — da ist mein Zuhause!" _
„Aber Sie müssen doch Eltern haben, eine Heimath?
„Muß ich? Daun wird es ja wohl auch so sein. Nm daß sie nichts von mir wissen wollen. Eine Heimath? Nein, die habe ich nie gehabt und die werde ich niemals haben. Er sprach immer leiser, zwischen den 'Zähnen, und indem er die leidenschaftlichen Worte hervorstieß, bewegte er sich langsam, lautlos, Schritt vor Schritt auf das Mädchen hin, das zu zittern begann in furchtbarer Angst und doch den Fuß a" den Boden hilflos gefesselt fühlte. „Wenn ich nicht verhungert bin, ist's ein Zufall, und vielleicht wäre es am besten, m wäre verhungert. Nein, keine Heimath! Niemals! memai ■ Sonst, Mädchen, müßtest Du dabei sein, Du und Du allem. Mein müßtest Du sein und mir gehören."
Jetzt war er unmittelbar vor ihr, sie suhlte letm glühenden Athem und sah die brennenden Augen dicht vor den ihren leuchten. Und bei den letzten Worten packte er p an den Schultern- die verwundete Hand ruhte wre ei> schwerer Hammer auf ihr, die Finger der anderen aber m spannten sie mit der Gewalt eines Schraubstocks -pl°6 da sie eine Gefahr nun wirklich vor sich erblickte, kam? Muth ihr zurück, um den sie bisher vergeblich gerungen ya - Sie schrie nicht auf- ganz ruhig, kühl, ein wenig ■ sagte sie: „Wenn Sie den Unsinn nicht lassen, Herr 1« '
und wollte an ihm vorüber, der an der anderen Seite weiter emporführenden Treppe zu. Er aber vertrat ihr den Weg. „Haben Sie's so eilig?" fragte er.
„Das nun just nicht," entgegnete sie und blieb stehen. Doch obwohl er durch seine Frage den Wunsch ausgedrnckt hatte, mit ihr zu plaudern, fand er jetzt keine Worte. Schweigend, mit halb geöffneten Lippen hörbar athmend, stand er vor ihr, eine heiße Flamme leuchtete in seinen Augen, und zwischen den Brauen erschien eine tiefe, leidenschaftliche Falte. Sein Gesicht war sehr bleich, so weiß fast wie der Verband um seine verletzte Hand.
Um die Stille zu unterbrechen, die sie beklemmte, wies Martha mit einer leichten, verlegenen Bewegung auf das verbundene Glied. „Was macht Ihre Wunde? Haben Sie
worden, und nur ganz oben war eine Oeffnung gelassen, I ein kleines Fenster mit eisernen Sprossen.
Martha kannte den Raum genau, jetzt aber, aU> ste die Thür wieder hinter sich schließen wollte, hielt sie erstaunt plötzlich inne. Von den untersten Stufen der niederführenden Treppe blinkte und flimmerte ihr etwas entgegen, und als sie neugierig hinunterstieg, sah sie, daß es die Stücke und Splitter von ein paar zertrümmerten Glasscheiben waren. Scheiben, die bisher in dem Fenster der vermauerten Thur aesessen hatten und jetzt zerbrochen am Boden lagen. Nachdenklich hob Martha ems der Stücke von der feuchten, steinernen Stufe empor. „Wunderlich," dachte ste köpf- I chüttelnd, „es sieht aus, als wäre das Fenster von innen I)er zerschlagen, sonst könnte doch nicht alles Glas hier außen liegen. Aber dort hinein kann ja Niemand kommen.'
Doch nicht lange hielt sie sich mit Nachgrübeln aus. I Sie warf das Glas zur Erde, daß es klirreud noch einmal zerschellte- daun lief sie rasch die Stufen wieder empor, schloß die Thür nach dem Corridor hin und eilte nach oben. Hier mündete die Treppe dicht neben der Küche des ersten Stockwerks, und Martha ries einen freundlichen Morgengruß zu der Köchin hinein, die glühend vor Eifer an ihrem Herde liantirte. Doch trat sie nicht ein, sondern ging mit geflügelten Schritten weiter bett Corridor hinunter, als hebe und trage das Glücksgefühl sie über die Erde hin.
Als sie am Zimmer des Assessors vorüberkam, öffnete sich die Thür, und er selbst trat heraus. Aber er schien das Mädchen kaum zu erblicken- zaudernd hielt er die Klinke der Thür in der Hand, als hätte er vergessen, was er gewollt, und schaute leeren Blickes gerade vor sich hin. Martha erschrak über seinen Anblick, er schien ihr um Jahre gealtert.
Guten Morgen, Herr Assessor," sagte sie freundlichem warmer Ton des Mitleids klang aus ihren Worten. Jetzt richtete er die Augen auf sie, und ein Strahl des Erkennens leuchtete darin auf. „Guten Morgen, Fräulein Wernicke," gab er zur Antwort, und sie erschrak über die verzehrende Schwermuth in seinen Augen. Dann wandte er sich ab, seufzte tief auf und ging in das Zimmer zurück, dessen Thür er hinter sich schloß.
Langsam schritt Martha nun vorwärts, die Haupttreppe des Vordergebäudes hinan. Wo sie endete, begann der mächtige Giebelraum des Hauses, in dem fünf Böden übereinander lagen, durch weite, offene Luken und schmale leiterähnliche Treppen mit gebrechlichem Handläufer mit einander verbunden. Hier in dem untersten Bodenräume zeigte sich noch ein schwacher Versuch, den Eindruck des Bewohnten durch schmückende Znthat zu erreichen. Waren Wände und Dächflächen auch einfach verputzt, so hatten doch die Holzpfosten, auf denen die Decke ruhte, und die beiden mächtigen Schornsteine, die den Raum — der eine schräg, der andere gerabe — burchzogen, einen Anstrich blauer Leimfarbe unb eine bescheibene Zierbe burch weiße unb braune Streisen — das obere Enbe erhalten. Ein einziges Fenster in Giebelwanb sanbte Licht herein, bas burch ben Reflex Anstrichs einen bläulichen Ton annahm unb ben Raum


