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Der alte Herr sah die Schwester scharf an und entgegnete zornig: „Wie soll ich Deine Worte deuten, Pamela?!"
Das Blut der alten Dame war in Wallung gerathen- für den Augenblick vergaß sie jede Scheu. „Du hast eine Erbin, die Dir näher steht, als Sir Gervase; hast Du Deine Enkelin, die Tochter Deines Sohnes, das Kind des armen, unglücklichen Robert ganz vergessen? Wie ungerecht Du bist! Sie steht Dir am nächsten und sollte Dir am thenersten sein! Bedenke die Sache reiflich, ehe Du sie zu Gunsten eines Fremden, der nie auf amerikanischer Erde stand, ihres rechtmäßigen Erbes beraubst."
„Die Creatur, welche Du meine Enkelin nennst, Pamela," höhnte er, „ist für mich ein bloßer Schatten,- ich habe sie nie gesehen und wünsche sie auch nie kennen zu lernen- sie mag existiren oder tobt sein - in beiden Fällen kümmere ich mich nicht im Geringsten um das Kind der Mademoi'elle Sylphide."
„Das ist sehr bequem," antwortete Miß Pamela, „Du hast Dir ja k-ine Mühe gegeben, Dir über das Schicksal der Kleinen Gewißheit zu verschaffen- Du hättest nicht sechs Jahre damit warten, sondern längst Nachforschungen anstellen und sie um Roberts willen hierher dingen sollen."
Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß Pamela cs wagte, ihrem Bruder gegenüber einen solchen Ton anzustimmen.
Er blickte sie erstaunt und zornig an und sagte endlich: „Bist Du von Sinnen, Pamela! Verlangst Du von mir, daß ich noch nach dem ersten Versuche jetzt jenem elenden Weibe nachspüre- hätte ich überhaupt die Macht gehabt, ihr das Kind wegzunehmen, selbst wenn sein Vater mein Sohn war?"
Miß Pamela fing au zu zittern. „Godfrey!" sagte sie, „wünschest Du den Aufenthalt des Kindes zu erfahren, würde es Dich rühren, wenn Du hörtest, daß es in Noth und Mangel lebt?"
Godfrey Greylock wurde ungeduldig. „Rede vernünftig, Pamela - wenn das Kind lebt, so ist es höchst wahrscheinlich, daß es von seiner Mutter bereits für die Bühne erzogen wird- ohne Zweifel hat die Kleine schon ihr Debüt im Ballet gemacht."
„Das Kind lebt, es ist gesund und munter" antwortete Pamela - „allein es befindet sich nicht auf der Bühne - auch ist die Wittwe Deines Sohnes keine Ballettänzerin mehr."
Der alte Mann blickte sie scharf an und sagte: „Woher weißt Du das Alles?"
Miß Pamela zog ein Couvert aus der Tasche und erwiderte ruhig: „Vor einigen Wochen wurde ich durch den Empfang dieser Briese von Roberts Wittwe überrascht. Hier, nimm und lies sie, auch meine Antworten, von denen ich mir Abschriften behielt, damit Du sehen kannst, was zwischen uns vorfiel. Du wirst in diesen Papieren Alles finden, was ich in Bezug auf Roberts Kind erfuhr."
Godfrey erwiderte kein Wort- er nahm indessen die Briefe, die Pamela ihm reichte, durchflog sie mit Blitzesschnelle und warf sie, nachdem dies geschehen, mit verächtlicher Geberde von sich. „Mit Mademoiselle Sylphides Beruf ist es also aus!" sagte er- „sehr schlimm für sie! Sie theilt Dir indessen nicht mit, ob sie ihren Verehrer noch hat!"
„Godfrey! Ich verachte dieses Weib ebenso sehr wie Du," entgegnete Miß Pamela lebhaft- „allein, seit ich ihre Briefe las, schwebte mir Roberts Kind Tag und Nacht vor den Augen. Denke an ihre Leiden und Entbehrungen — es ist zu viel!"
Ein dunkler Schatten zog über sein Gesicht hin. Nach kurzem Schweigen sagte er: „Pamela! Ich bedauere, Dir sagen zu müssen, daß Du wie eine Irrsinnige gehandelt hast. Die Tänzerin findet in Dir ein leicht zu bethörendes Opfer - sie ist ein freches Geschöpf und versteht ihr Geschäft. Es war thöricht von Dir gehandelt, daß Du von ihren Briefen überhaupt Notiz nahmst. Was das Kind anbelangt, so ist es seiner Mutter Tochter, und dieser Ilmstand allein verdammt es in meinen Augen für immer. Sir Gervase mag sich
immerhin als mein Erbe betrachten, denn das Kind der Tänzerin kann nie einen Dollar von meinem Vermögen erben!"
„Es mag vielleicht gerecht sein," entgegnete die alte Dame, „aber es ist sehr grausam!"
„Genug davon!" fuhr Godfrey auf. „Du hast mir durch dieses Gespräch meine gute Laune verdorben, und ich will versuchen, mir diese durch einen Gang im Freien wieder zu verschaffen." Er nahm Hut und Stock, öffnete eine Glasthür und schritt, von seinen Hunden begleitet, in den Park hinaus. Mit Behagen athmete er die Wohlgerüche ein mit denen die blühenden Rosenhecken die Luft erfüllten, und bog in die Allee ein, die durch den Park bis zur Eingangspforte führte. Mit raschen Schritten eilte er noch leidenschaftlich erregt dahin. Rings um ihn her dehnten sich viele Aecker, Rasen und Waldland aus. Wahrlich, der englische Jüngling, der jetzt in seiner Heimath studirte, durfte sich glücklich schätzen, diese Besitzung einst die seine nennen zu dürfen! „Gervase soll Erbe sein! — Sir Gervase!" wiederholte er ein um das andere Mal vor sich hin, denn er war außerordentlich stolz auf seinen englischen Verwandten.
Plötzlich blieb der Besitzer von Greylock Woods stehen und lauschte- seine Hunde waren ihm voraus die Alle hinabgelaufen- jetzt fingen sie wüthend an zu bellen. Er rief sie zurück, allein der Lärm dauerte fort. Dem Hundegekläff nacheilend entdeckte er die Ursache: zwei fremde Eindringlinge, die mitten in der Allee, nicht weit von der Eingangspforte standen.
Es war eine Dame in Trauerkleidern, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt- sie schien die Hunde nicht zu fürchten- die Kleine aber hatte ihr Hütchen abgenommen, mit dem sie den Hunden auf die Schnauze schlug. „Fort, ihr bösen Hunde!" rief sie, indem sie mit ihren Füßchen auf den Kiesboden stampfte.
„Bravo, Ethel!" sagte die Dame mit leiser, heiterer Stimme. „Das ist ein guter Anfang- Du wirst Deine Rechte stets unerschrocken zu vertheidigen wissen."
Godfrey Greylock kam mit unwirscher Miene herbei. Der Anblick fremder Personen auf seinem Besitzthum erfüllte ihn mit Unmuth. „Ruhig!" rief er, indem er den bellenden Hunden mit dem Stock drohte- dann verbeugte er sich steif vor der Dame und sagte: „Ich hoffe, die Thiere haben Sie nicht sehr erschreckt, Madame- darf ich fragen, was Sie hierher führt?"
Sie hinkte einen Schritt vorwärts, sie war lahm, ihre kleine Gestalt hatte ein sehr zartes, fast mädchenhaftes Aussehen, ihr Gesicht, von dem sie den Trauerflor zurückgeschoben hatte, war bleich und ungemein hübsch, wenn auch schon etwas verblüht. „Mein Töchterchen und ich," erwiderte sie mit sanfter, trauriger Stimme, „wünschen den Besitzer dieses Anwesens, Herrn Godfrey Greylock, zu sehen."
Er blickte sie finster an und sagte kurz: „Ich bin es selbst."
Sie beugte sich über das Kind, dessen von goldenen Locken umwalltes Gesicht ungemein lieblich aussah, setzte ihm das Hütchen, mit dem es die Hunde abgewehrt hatte, aus, und band es fest. „Ethel," flüsterte sie mit dem zärtlichsten mütterlichen Tone, „sage dem Herrn, wer Du bist."
Die kleine, feenhafte Gestalt trat vor Godfrey Greylock hin und machte eine reizende Verbeugung. „Ich bin Deine Enkelin Ethel," sprach sie in kindlichem Tone, „meines armen Papas Töchterchen, und diese Dame ist meine Mamack
Die Kleine hatte ihre Lection gut einstudirt.
Godfrey stand einen Augenblick wie versteinert da- dann wandte er sich wüthend zu der Dame und fragte: „Was soll das bedeuten? Wer hat Ihrem Kinde gelehrt, mich auf diese Weise anzureden?"
Sie blickte ihm fest und ruhig in die Augen und antwortete mit sanfter, aber entschlossener Stimme: „3$ ~ seine Mutter — die Wittwe Ihres Sohnes Robert Greylock.
Das war also die Ballettänzerin — jenes Weib, das seinen Sohn in den Tod getrieben hatte! Er fuhr einen


