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an seine Brust, — Pia starrt todtenbleich in den Spiegel, welcher der Thüre gegenüber hängt und das Bild zurückwirft.
Er blickt ihr beinahe zärtlich in die Augen, trotz des schwermüthigcn Ernstes, welcher sein Antlitz beschattet. „Und wem verdanke ich diesen gesegneten Frieden? Dir, Fränzchen, Dir ganz allein."
Wie ein Stich zuckte es durch Pias Herz, Fränzchen in seinem Arm, — Fränzchen, die ihn liebt und sechzehn Ahnen aufzählen kann — und Tante Johannas strahlender Blick, — ihr Lächeln, welches den ungestümen Zärtlichkeiten der Tochter keine Schranken zieht — mit zitternden Knieen rafft sich die Lauscherin empor und entflieht lautlos wie ein Schatten, — unbemerkt wie sie gekommen! — und droben in ihrem Zimmerchen bricht sie mit leisem Klagelaut auf die Knie und neigt das Antlitz auf die gerungenen Hände, Thränen stürzen aus ihren Augen, heiße, brennende Thränen hoffnungsloser Liebe und verzweifelnder Reue!
Capitel 22.
Drück« den Pfeil zu schnell nicht ab, der nimmer zurückkehrt; Glück zu rauben, ist leicht, es wieder zu geben so schwer!
Herder.
Eine halbe Stunde später klopfte es an Pias Zimmerthüre.
„Kann ich hereinkommen, Väschen? bitte, schließe doch mal auf!"
„Laß mich, bitte, noch ein Weilchen in Frieden," antwortete nach abermaligem Klopfen eine heisere Stimme: „Ich bin vom Regen durchnäßt und ziehe mich um!"
„Gut! ich komme später wieder! nicht wahr, Du beeilst Dich recht sehr?"
„Ja, Fränzchen, ich beeile mich."
Und abermals blieb das junge Mädchen allein. Es war still um sie her, nur die Regentropfen schlugen eintönig gegen die Scheiben, der Wind sauste wie leises Klagen, und ab und zu klang ein Schiffssignal durch den Nebel.
Eine Stunde verstrich.
Da klopfte es wiederum energisch, sehr laut. Fränzchen nannte es „Pauken!"}
„Bist Du nun endlich fertig? ich langweile mich zu Tode bei dem Schandwetter! außerdem habe ich Dir unbändig viel interessante, hochwichtige Dinge zu erzählen!"
Da sprang der Schlüssel knarrend herum und Fräulein von Nördlingen öffnete, aber sie schritt sofort zurück und setzte sich auf einen Sessel nieder, welcher im dunkelsten Winkelchen des Zimmers stand. Da sie dem Fenster den Rücken kehrte, blieb ihr Antlitz beschattet. Sie nahm eine kleine Stickerei zur Hand und zog mechanisch die bunten Fäden durch den weißen Seidenstoff. Fränzchen trat geräuschvoll und lebhaft, wie immer, ein, warf sich in einen Schaukelstuhl und streckte die Beine von sich. Obwohl sie sich die erdenklichste Mühe gab, recht harmlos zu erscheinen, hingen ihre Blicke dennoch recht indiscret forschend an dem halbabgewandten, bleichen Gesicht der Cousine.
„Golt sei Dank, daß Du endlich zu sprechen bist," begann Fränzchen mit einem Stoßseufzer. „Den ganzen Morgen verpuppst Du Dich hier in Deinem Bau und ahnst gar nicht, was für ein Capitel Weltgeschichte sich drunten im Salon abspielt! Gucke mal her." — Sie blies die Backen auf wie ein Posaunenengel. — „So platzevoll sitze ich an Neuigkeiten, — und wenn ich sie nicht von mir geben kann, exlodire ich!"
„Neuigkeiten? — — Hier in Aßmannshausen?" sagte Pia mit müder Stimme, ohne den Kopf zu heben, und doch zitterte die Hand, welche die Nadel führte.
Den Falkenaugen des Backfischchens entging es nicht, aber sie blieb völlig unbefangen. „Daß Hellmuth abgereist ist, weißt Du?"
Pia wollte sich ein Wort des Staunens abringen, aber Fränzchen schwang die Fugen des Stuhles mit doppelter Vehemenz und lachte leise auf. „Na, Disrection Ehrensache! 1— Daß etwas zwischen Euch vorgefallen ist, merkte ich ihm
augenblicklich an, und daß er nicht mal einen Abschiedsknix machte, bestätigt mir die Chose! Ein Bißchen zanken thut sich ja wohl Jeder mal! . . . Pack schlägt sich, Pack verträgt sich! Ich mache es ja ebenso, aber nach ein paar Stunden ist dann aller Groll vergessen und ich freue mich jedesmal hinterher, daß ich dem Gegenstand meines Haffes nicht alle Backzähne operirt habe, wie ich das in der ersten Wuth beabsichtigt!"
Keine Antwort.
Fränzchen fuhr mit gespreizten Fingern durch die Haare und lachte verschmitzt: „Sicherlich hat der arme Kerl sein Jncognito vor Miß Lilian gelüftet, und anstatt, daß Hold- Amerika anbetend vor seiner Grafenkrone in die Knie sank, hagelte die Entrüstung knüppeldick auf ihn nieder. Du hast ihn wohl feste angeblasen, hm?"
Pta machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern, ihre Lippen zuckten wie unter physischem Schmerz.
„Weißt Du, wer der Forstassessor Hellmuth ist?" „Ja."
„Mein Vetter Wulff-Dietrich!" — Fränzchen sprang lebhaft auf die Füße und fuchtelte mit den Armen durch die Luft. „Du scheinst zwar wüthend auf ihn zu sein, Väschen, aber ich versichere Dich, er ist trotz allem ein Prachtmensch, und kann ich Dir gar nicht sagen, wie ich mich über diesen neuen Vetter freue! rasend! ungeheuer! die ganze Welt möchte ich in meiner Fröhlichkeit umarmen! Erst hatte ich eine Todesangst, daß Vater ihm auch siedesackgrob kommen würde, aber Gott sei Dank hat sich Alles in schönster Harmonie aufgelöst! Sie haben sich umarmt, sich dauernde, treue Freundschaft gelobt — aber zum Schluß . . . hm ... na, man konnte es ja auch kaum vom Vater anders verlangen." — — —
„Zum Schluß . . . was gesHsth zum Schluß?"
„Na, der Alte sagte ihm ehrlich heraus, Wulff-Dietrich sei zwar ein vortrefflicher, liebenswerther Mensch, aber sein Vater bleibe ihm nach wie vor in den Tod verhaßt. Er könne nicht über das Attentat hinauskommen, welches Onkel Rüdiger ehemals gegen ihn geplant habe — — na, und was so dergleichen mehr war. Aber Wulff sprach ganz famos — ohne seine Eltern entschuldigen zu wollen — daß er sich bestreben werde, durch doppelte Liebe und Treue Alles gut zu machen, was die Seinen an Papa verschuldet hätten, und dann bat er, daß wir seinem Bruder keinen Groll nachtragen möchten — sein jäher Tod habe ihm die Möglichkeit genommen, sich noch mit uns auszusöhnen."
„Hartwig ... ist wirklich tobt?" — Pia legte die schmale Hand leise aufstöhnend über die Augen. „Wie ist das Entsetzliche geschehen?"
Fränzchen rückte sich einen Stuhl dicht an die Seite des jungen Mädchens, legte zärtlich den Arm um sie und erzählte von der Depesche, und der übermüthig harmlose Ton, welchen sie zuvor erzwungen, wich plötzlich einem tiefen Ernst.
In angstvollem Forschen haftete ihr Blick auf dem so sehr veränderten Antlitz Pias. Fester und fester drückte sie die schlanke Gestalt an sich, und als plötzlich wieder große, leuchtende Thränen über Pias Wangen rollten, da biß sie in wildem, leidenschaftlichem Schmerz die Zähne zusammen, ließ jählings die Arme sinken und sprang auf.
„Ich soll mit Papa Billard spielen, — kommst Du mit?" fragte sie ganz unvermittelt.
Pia schüttelte stumm den Kopf, sie konnte nicht sprechen.
Fränzchen blickte secundenlang auf sie nieder, ein Ausdruck hilflosen Kummers lag auf ihrem Gesicht, dann faßte sie mit krampfhaftem Druck ihren Arm. „Weine doch nicht, Pia! — Du wirst Alles überwinden und vergessen," stieß sie beinah rauh hervor. „Wir reisen morgen weiter . . - und wenn Du Neues hörst und siehst, kommst Du auf andere Gedanken! Die Zeit heilt Alles. — Nun, und die kurze Begegnung mit Wulff-Dietrich und Euer Streit zum Schluß hat Dir, so Gott will, keine tiefe Wunde geschlagen?
Wieder flammte es wie heiße Eifersucht in den dunklen


