Ausgabe 
14.1.1897
 
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ihm immer bieten werde als etwas Natürliches, Telbsttzer- ständliches. Die Bande des Blutes sind doch heilig"

Sind sie das wirklich?"

Um Gottes Willen, zweifelst Du daran? Sie sind es und müssen es sein in alle Ewigkeit. Wohin kommen wir, wenn wir an diese ersten, natürlichsten Gefühle rühren?"

Sei mir nicht böse, Georg- es giebt noch Dinge zwischen uns, ich weiß es, über die wir uns erst allmälig einigen werden. Ich will Dich in Deinen Gefühlen für diesen Mann nicht mehr kränken. Ich sollte ihm dankbar sein denn er hat mir unbewußt zu meinem Glücke verholfcn, indem er damals Dich hierher empfahl, als ich die leer­stehenden Zimmer im Flügel vermiethen wollte. Sonst I hätten wir uns vielleicht niemals kennen gelernt. Und doch, ich kann mir nicht helfen; wenn ich ihn sehe, lehnt sich etwas in mir gegen ihn auf. Er ist, was die Leute einen schönen I äjjann nennen - in meinen Augen aber hat er ein Raubthier-

Kennen SieGaleotto", gnädige Frau? Nein? Es I ift eine interessante Sache. Doch an solcher Lectüre wirr es 4nen jedenfalls nicht fehlen, und ich darf Sie mcht langer stören. Du kommst also noch zu mir, alter Junge, mcht wah'-? Und möglichst bald. Wie behaglich und hübsch Sie es hier haben! Bei mir oben in meiner Junggesellenwirth- schaft ist es die reine Wildniß dagegen. Verzeihen Sie die Störung, gnädige Frau, ich wünsche guten Abend/

Er ging, und die Beiden blieben allein. Der Assessor zeigte eine finstere Miene, trat wieder an das Fenster, wie vorhin, schlug die Gardine zurück und schaute hinaus tn den unfreundlichen Albend. Als er so eine Weile schwelgend ge­standen hatte, ging Frau Ina zu ihm, legte sanft ihren Arm um seine Schultern und fragte: Was hast Du nur ?

Ich bin ärgerlich über mich selbst. Warum haben wir es ihm nicht gesagt? Er wäre doch der Nächste dazu, cs zu erfahren." ,

Vorhin dachtest Du nicht daran, als Du von Papa Busenius sprachest," sagte sie mit feinem Lächeln.Aber freilich ist er Dein Onkel."

Der mich erzogen hat, dem ich Alles verdanke, was ich bin, den ich lieb habe und achte und verehre, und doch, es ist wunderlich, wenn ich in seiner Nähe bin, dann ist mir es immer, als läge etwas auf mir, als wäre ich noch der kleine Schuljunge, der vor seinem Herrn und Meister steht.

Ich glaube, daß es etwas anders ist, was Euch trennt, sagte sie nach kurzem, sinnendem Schweigen sehr ernst. Die Scheu des Reinen vor dem Unreinen."

" Ina! Was sprichst Du! Vergiß nicht, daß er mein Verwandter ist, daß ich ihm Liebe schulde, und daß ich sie

gesicht."

Ina!"

Mas wiM Du? Es ist ein Typus, der heutzutage sehr häufig ist. ' O, ich habe sehen gelernt in den Jahren, als ich so einsam war. Sieh Dir die Menschen von heute nur einmal genauer an, und Du wirst den Raubthiertypus weit öfter finden, als Du denkst. Dies Glatte, Kalte und Lauernde bei aller äußeren Form, den harten Blick, der immer nach Beule sucht, sieh Dich nur um,, der Kamps ums Dasein erzeugt wunderliche und häßliche Dinge.

Er war ruhiger geworden, sobald sie angefangen hatte, statt des besonderen Falles das Allgemeine zu erörtern. Jetzt lachte er plötzlich heiter auf.Haben wir berm heute nichts Besseres zu sprechen, Du große Philosophin? Und das Sprechen ist überhaupt nicht das beste, was die Lippen können. Weißt Du noch, was Shakespeare den Antonius zur Kleopatra sagen läßt?Was daS Leben adelt, ist einzig, I st zu thun." Er zog sie wieder an sich und küßte sie. Hat Shakespeare nicht recht?"

Wie immer," sagte sie und lächelte ihm zu.

Die Welt versank von Neuem hinter ihnen rm Gefch ihrer Liebe, rein und voll übertönte der Einklang ihres Empfindens den Widerspruch ihrer Anschauung und Gedanken. Aber ein prosaischer Laut weckte sie auf. Caroline, dle Kochm, war es diesmal, die sie störte. Behutsam öffnete , sie die Thür und reichte Frau Henninger den großen, altenhümlichen Hausschlüssel dar.Ich habe dem Wurm eben herunter, gebracht," sagte sie,der Hanne, un da habe lch gleich ° - geschlossen un den Schlüssel mitgebracht. Nee, un der Wetter noch immer! Ich hätte der Kleinen am liebsten hier be­halten. Un wenn Fran Regiernngsrath mich nu gleich noch für morgen herausgeben sollten, denn wäre mrch das fehl angenehm." ,

Ich hatte es ganz vergessen, Caroline, kommen Sie, ich gehe mit Ihnen. Entschuldigen Sie mich einen Augen­blick, ich bin gleich wieder hier." ,

Sie nickte ihm zu und ging hinaus. Er schaute yq, allein geblieben, im Zimmer um, als hätte er es nte vorher gesehen. Das Gesühl des Glückes ließ ihm Alles verändert, neu und herrlich erscheinen. Der kleinste Gegenstand erfreu. e ihn, von dem er wußte, daß ihre Hand ihn berührt Hatte. I Die Bilder an der Wand, die er lange schon kannte, hatten eine neue Bedeutung gewonnen, weil sie von dem vergangenen Leben der geliebten Frau erzählten. Dort in der Thur gleichsalls erleuchteten Nebenzimmers, das nur durch ein geöffnete Portiere von diesem geschieden war, hatte er 1 zuerst gesehen, als er ihr damals seinen Besuch als neu r Miether und Hausgenosse gemacht hatte. Dann dort

I Thür zum Corridor, durch die sie eben verschwunden / und hier in der Wand zur Rechten eine dritte Thür, ,e noch niemals geöffnet gesehen hatte. Zum ersten Male p ihm das heute ein. Er hatte nie gehört, tvaS lu Zimmer sich dort befand; immer nur hatte er die !»)

| herniedersinkenden Falten der dunklen, geschlossenen po

ich einmal wieder meine Autorität als Onkel gebrauche, wenn er meiner Zucht auch im Allgemeinen entwachsen fft.'

Ucber Frau Inas Antlitz war es bei seinem Erscheinen wie ein erkältender Hauch gegangen, aber sie ^mang Mzn freundlicher Entgegnung.Ich freue mach der Besuche chres Neffen, Herr Doctor," sagte sie,und bin ihm dankbar, wenn er mir die Zeit vertreibt an diesen langen Winterabenden. I Die angenehmste Ausgabe jedenfalls für einen jungen Manu," entgegnete der Doctor, und em cynnches Lächeln umspielte seine Lippen, das jedoch zu rasch erschien und wieder verschwand, um von den Anderen bemerkt zu werden.

Gestatten Sie mir ein paar Worte an meinen Neffen, I gnädige Frau?" Auf ihre stumme Bejahung wandte er sich an den Assessor, der sich nun gleichfalls erhoben hatte ,,^ch war auf Deinem Zimmer, Georg, nnd suchte Dich dort, ^ch be­spräche gern heute Abend noch em paar geschäftliche machen mit Dir, Convertirung von Papieren von Demem väterlichen I Vermögen und dergleichen. Vielleicht kommst Du nachher ein Stündchen zu mir herauf, und nicht zu spat, nicht wahr? Wie ist es denn," er sprach jetzt wieder zu Frau Henmnger, haben Sie vorhin nichts bemerkt von dem sonderbaren Ge- \ rausch hier im Hause? Deshalb kam ich auch herunter, um dE?,Jch habe es gehört," gab Frau Henninger zur Ant­wort,Ihr Neffe aber meinte, es sei nur der Wmd.

Wieder zuckte das rasche Lächeln um die Muudwinke des Doetors.Der Wind klingt sonst anders," sagte er, aber es ist ja möglich, daß er recht hat. Also gehört haben Sie es auch? Und Fräulein Tietjens, - pardon, ich sehe, Ihre Gesellschafterin ist nicht hier."

Seine Worte klangen harmlos und höflich, aber seine Blicke verriethen einen zornigen Hohn über das zeugenlose tete-ä-tete der beiden Menschen, das er gestört hatte.

Wahrhaftig," sagte Frau Henninger und suchte eine leichte Verlegenheit durch ein Lachen zu verbergen,ich weiß nicht, wo sie geblieben ist. Vorhin war sie hier im Zimmer, aber seit Ihr Neffe da ist, habe ich sie nicht mehr gesehen. Sie muß ganz leise verschwunden sein- vlelleichre dachte ste, wir wollten denTasso" weiter lesen, den wir angefangen