522
Wulff, wir würden sehr glücklich sein. Dein Glück nd das Majorat gesichert zu sehen! — Das Leben ist rasend theuer, Hartwig gebraucht so enorme Summen, daß wir wirklich nicht mehr mit den Zinsen auskommen können, — Papa mußte bereits zum Capital greifen und dabei lebt der Alte in Niedeck mit Weib und Kind so munter und lustig, daß gar kein Gedanke an eine baldige Erbschaft ist! Es wäre ja in einer Beziehung ganz gut, wenn Du überhaupt nicht heirathest, lieber Wulff, daß Du uns später einmal von den fürstlichen Einkünften des Majorats unterstützen könntest, denn von unserem Vermögen bleibt wohl kein Pfennig, wenn Willibald noch auf seinen Tod warten läßt! Aber es ist der Erbfolge wegen! Du und Hartwig seid die letzten Niedecks, einer von Euch muß vorschriftsmäßig heirathen, wenn der enorme Besitz nach Eurem Tode nicht an die Krone fallen soll. Hartwig würde Pia sofort mit Kußhand heim- führen, aber wovon sollen sie leben! — Das Mädel hat ja außer den sechzehn Ahnen radical nichts und Hartwigs kostspieliges Regiment, seine vielen noblen Passionen — es ist undenkbar, daß er ein Mädchen ohne sehr bedeutendes Vermögen heirathet. Aber Du, mein anspruchsloser, rührend solider Einsiedler, Du kannst ja ein armes Fräulein glücklich machen! In Rauenstein treten keine Anforderungen an Eu h heran, — Ihr lebt so märchenhaft billig dort, — Du kannst jetzt als selbstständiger Mann heirathen, also mußt Du es auch, mein Herzensboy, auf Dir bleibt es eben in jeder Beziehung hängen. Ich erwarte umgehend Nachricht, wann Du hier eintreffen wirst."
Wulff-Dietrich seufzte tief auf und stützte den Kopf sorgenvoll in die Hand.
Welch ein hartes, trauriges Mißgeschick!
Das einzige Mädchen, welches er heirathen darf, und welches vielleicht sein Herz gewonnen und ihn glücklich gemacht hätte, dieses einzige ist ewig unerreichbar für ihn.
Dort in seinem Schreibtisch liegt ihr Brief, in welchem sie ihm voll rührenden Vertrauens ihr armes, gequältes Herz erschließt!
Sie liebt einen Anderen! Dieses Geständniß genügt, um ihre Wege für ewige Zeiten zu scheiden.
Nie und nimmer würde Wulff-Dietrich nach diesem, ihrem Briefe um ihre Hand werben.
Kein Räuber, kein Mörder würde alsdann schlechter sein, wie er, der um schnöden Goldes willen ein junges Menschenherz zertreten würde!
Sie liebt einen Anderen! Und Wulff-Dietrich ist ehrenhaft genug, die heiligen Rechte dieses Anderen anzuerkennen! Hat er doch selber keinen höheren, besseren Glauben, als an die Treue und Lauterkeit der Liebe!
Wehe ihm, wollte er die Braut aus dem Arm eines Anderen reißen, wollte er ihr armes, gebrochenes Herz als Kaufpreis für ein Majorat hinwerfen!
Sie glaubt ihm, sie vertraut ihm! Könnte er sie täuschen und noch den moralischen Muth haben, ihr in das Auge zu sehen und Gefühle für sich verlangen, welche er soeben erst als frivol in ihr gemordet hat?
Und doch, wie viel ist es, was man hier von ihm verlangt? Nicht ihn allein macht sie arm, auch die Eltern möchten möglicherweise darunter leiden, wenn er jung sterben sollte, ohne berechtigte Erben zu hinterlassen.
Um ihn selber ist ihm nicht bange. Er kann das Opfer leicht bringen, denn er hat nie an dem Golde gehangen, er ist ein freier Mann, der auf eigenen Füßen steht und nie auf das große Erbe gewartet und gerechnet hat: aber die Eltern!
Ach, Wulff-Dietrich kennt die Zustände in seinem Elternhause besser, als man es dort nur ahnt!
Er weiß, daß man das große Vermögen verschwenderisch verbraucht und sich der großen Erbschaft getröstet.
Er hat seit jener Scene, welche sich in der Parkruine zwischen den Eltern abspielte, offene Angen bekommen, und
er verurtheilt den sündhaften Leichtsinn, welcher ohne Ueberlegung in den Tag hinetnlebt, auf das schroffste.
Dennoch steht ihm als Sohn nicht zu, dem Vater Vorstellungen darüber zu machen.
Aber was in seinen Kräften stand, um nicht an dem Ruin der Seinigen mitzuarbeiten, das hat er gethan und das wird er auch fernerhin thun.
Wie aber soll er, wenn Pia ihm selbstverständlich Schweigen auferlegt, seine Weigerung rechtfertigen, sie nicht zu heirathen?!
Ein tiefer Seufzer entringt sich seiner Brust. Er hat es Tag für Tag und Nacht für Nacht überlegt, und er kommt immer wieder zu demselben Entschluß: „Er darf es auf keinen Fall zugeben, daß er Fräulein von Nördlingen nicht heirathen will, er muß nur Gründe suchen, um sein Fernbleiben zu motiviren."
Pia wird das Ihre thun, die Eltern gegen ihn einzunehmen, und eines Tages wird ihre Verlobung mit dem „Anderen" veröffentlicht.
Dann ist seine Comödie ausgespielt.
Mechanisch greift er zu Feder und Tinte und antwortet seiner Mutter:
„Ich schreibe Dir umgehend. Dank für Deine so gütigen Nachrichten, — wenn aber meine Zeilen in Deine Hände gelangen werden, ahne ich nicht, denn wir sind zur Zeit durch den enormen Schnee von aller Welt abgeschnitten. Schon gestern ist meine Poststafette beinahe verunglückt, ich darf nicht wagen, abermals Boten nach der Stadt zu schicken, da Weg und Steg im Gebirge unpassirbar sind. Und kommt das Thauwetter, wird es abermals grundlos in den Thälern und sperrt uns von Neuem ab. Ich telegraphirte darum nur kurz, daß es unmöglich, zu kommen, — und dieser Brief bringt Dir später die Auflösung des Räthsels. Du weißt es aber vom vorigen Winter, daß ich auch eine Zeitlang hier gefangen saß, darum ließ mir der Herzog gnädigerweise den Telegraph einrichten. Meinem Fuß geht es besser, aber ich würde immerhin noch fahren müssen, und wie sollte ein Wagen jetzt von unserer Höhe herabkommen! Es freut mich, daß Fräulein von Nördlingen Euch so gut gefällt- auf ein Majorat wie Niedeck wartet wohl jede junge Dame gern, also lerne ich sie wohl immer noch rechtzeitig kennen!"
Der Schreiber warf die Feder hin und schritt voll ruheloser Hast in dem Zimmer auf und nieder.
Ein herrlicher Jagdhund erhob sich mit fragend klugen Augen von seinem behaglichen Ofenplatz und folgte dem Herrn leise hin und her wie ein Schatten.
Es dunkelt, tiefe Stille zog über Schloß und Wald. Zum ersten Male empfand Wulff-Dietrich seine Einsamkeit. Es fröstelt ihn und ein Gefühl, ähnlich dem Heimweh, überkam ihn.
Er starrte mit weit offenen Augen in das düstere, eichengetäfelte Zimmer hinein.
Dort steht der Schaukelstuhl so traulich vor dem Kamin, — aber kein Mensch sitzt darauf, und das Feuer ist niedergebrannt und leuchtet nicht mehr. Neben dem mächtigen Kachelofen ist es nur Spielerei, und er hat nie Werth darauf gelegt, daß es erhalten wird, — aber heute vermißt er den behaglichen Schein. Ja, wenn jetzt lustige Flammen darin in die Höhe prasselten, wenn in dem Schaukelstuhl eine schlanke Frauengestalt läge, mit weißen, graziösen Händen, den eisernen Haken führend, um die Gluth zu schüren . . .
Rothe Lichter zucken über das lächelnde Gesichtchen, goldene Löckchen glänzen über der Stirn, und Wulff-Dietrich tritt leise hinter sie und neigt sich, den schimmernden Nacken zu küssen . . .
Sie lächelt, lehnt sich noch weiter zurück und blickt voll süßer Träumerei zu ihm empor.
Er athmet den Duft ihres Haares, er fühlt die weichen, zärtlich fest umschlingenden Arme, Lord knurrt eifersüchtig und schmiegt sich an die Knie der schönen Herrin.


