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er das Gelübde der Verschwiegenheit geleistet Hütte, das Schreckliche erzählt, und Jeder horchte mit angehaltenem Athem. Keiner hatte die Ruhe, sich niederzusetzen, angstvoll zusammengedrängt stand die kleine Schaar um den Herd, und scheue Blicke flogen nach der Wand hinüber, hinter der das Schlafzimmer des Todten lag, hinter der er gestorben war. Dann, als der Vorfall nach allen Seiten war erörtert worden und nichts mehr hergab, kamen andere, ähnliche Geschichten an die Reihe. Johanne erzählte, daß ein Spiegel von der Wand gefallen sei in der Nacht, als sie ihre Mutter durch den Tod verloren habe, und Ferdinand Elster gab eine lange, nicht ganz klare Geschichte zum Besten von einem schattenhaften Leichenzuge, der irgendwann einmal irgendwem entgegen gekommen sei.
Als man hier angelangt war, hatte sich Caroline so weit erholt, um die gewohnte Führerschaft über die Küchen- genosfen wieder zu übernehmen. „Ich sage man bloß," Hub sie an, „es giebt Vielem, was man weiß, und Vielem, was man nich weiß. Aber was mich gar nich zweifelhaft ist, das iS, daß Frau Regierungsrath dem Ding vor allen Dingen erfahren muß. Sieh, Ferdinand, wenn Du mir geheirathet hättest," — sie sagte jetzt ungenirt wieder Du, denn der neue Diener war in ihre intimen Beziehungen ein- geweiht worden, — „un Du wärest mich gestorben un kämest mich so noch mal wieder, was ich Dich übrigens nich rathen möchte, und man wollte Dich mir verheimlichen, das könnte ich sehr in übel aufnehmen. Und das mit vollen Recht. Un so ist das nu mit Frau Regierungsrath, un darum gehe ich nu zu ihr hinein, und wer mitgehen will, der kann mich's zu wissen thun."
Eine vierfache Zustimmung erfolgte, und nach vorsichtigem Hinausspähen aus der Küchenthür setzte der kleine Zug sich in Bewegung. Caroline mit dem Kutscher voran, dicht hinter ihr her Hannchen, an Carolinens Kleid angeklammert, zuletzt der Diener und Johanne, die von der Angst den angenehmsten Gebrauch machte, indem sie sich an den irischen Burschen so nahe als möglich herandrängte. Der verhängnißvollen Thür blieben sie alle so fern, als der schmale Corridor es erlaubte, doch machten sie hier ein wenig Halt und sahen, Einer durch die Nähe des Anderen ermuthigt, mit halben Blicken hinüber, ob das Licht in dem Zimmer nicht wieder auftauchte. Doch Alles blieb dunkel und sie schritten weiter/ vor dem Zimmer des Assessors aber blieb Caroline stehen.
„Ihm müßte das auch wissen," sagte sie, „ich könnte mich das nich vergeben, wenn ich ihm so ahnungslos in die Nähe von so 'n Gespenst, wenn es auch dem Gespenst vom seligen Herrn Regierungsrath is, gelassen hätte."
Kurz entschlossen pochte sie an, ein leiser Ruf antwortete ihr, und sie trat ein, von den Anderen gefolgt, die sich in der offen gebliebenen Thür zusammenschaarten. „Herr Assessor," begann die Köchin ihre Rede, „nich daß ich zudringlich erscheinen möchte, aber die Sache is andem, daß ein ungewöhnlicher Maßregel entschuldigt werden muß." Und nun berichtete sie, was Hannchen erlebt, was sie selbst gesehen hatte.
Georg hatte aufrecht im Zimmer gestanden, als sie eingetreten war, und mit fragendem, düsterem, gespanntem Ausdruck hatten seine Augen auf dem Gesichte der Erzählerin geruht. Immer bleicher aber war er geworden, während sie sprach, und jetzt schien eine plötzliche Schwäche ihn anzuwandeln/ er mußte sich niedersetzen, die Arme fielen ihm schlaff am Körper herab. Dann spannten sich die Nerven von Neuem/ er streckte die Hände nach der Erzählerin aus und im Tone bebender Erwartung fragte er: „Ihn haben Sie gesehen, ihn — ihn?"
„Ihm selber, ganz genau. Ich müßte mir versündigen, wenn ich anders sagen wollte."
„Ihn, ihn!" wiederholte Georg noch einmal, dann ging ein beinahe irres Lächeln über sein Gesicht. „Ich danke Ihnen," sagte er/ „daß Sie eS mir erzählt haben." Zaudernd,
nach einer kleinen Pause aber fügte er leise hinzu: „Weiß es die gnädige Frau bereits?"
„Noch nich," gab Caroline zur Antwort, „aber der Herr Assessor haben demselben Gefühl wie ich. Un nu wollen wir gehen, un sie soll ihm erfahren."
Sie ließen ihn allein und gingen weiter, den Zimmern ihrer Herrin zu. Sie saß an diesem Abend nicht im Salon, den sie mied, weil so viele schöne und traurige Erinnerungen ans den letzten Monaten an ihm hafteten, sondern in ihrem daneben gelegenen, kleineren Wohnzimmer, wo das Bild ihres Mannes von der Wand her zu ihr niedersah. Sie war bleich und nervös geworden in diesen langen Tagen des Wartens auf ein Glück, das nicht kommen wollte. Horchend auf jedes Geräusch, das durch die Thüren zu ihr drang, saß sie da, und immer wieder betrog die Erwartung sie, daß endlich der Fuß des geliebten Mannes den Weg zu ihr finden möge. Die Gesellschafterin schickte sie fort, so oft als möglich/ nur in der Einsamkeit, wo die eigenen, bald hoffenden, bald finsteren Gedanken sie umgaben, fand sie Ruhe und Geduld.
Auch heute war sie allein, mit einer der Brandmalereien beschäftigt, von denen sie wußte, daß Georg sie liebte. Sie meinte ihm näher zu sein, wenn sie etwas schuf, das ihm gefallen hätte. Das Geräusch der herankommenden Tritte ließ sie den Blick zur Außenthür wenden, obwohl sie gleich erkannt hatte, daß es nicht sein Schritt war, der sich näherte. Als aber nun in der geöffneten Thür das angstvolle Häuflein der Dienstboten erschien, da glitt ein erstauntes Lächeln über ihr Gesicht.
Caroline trat vor, sehr feierlich und sehr roth. „Frau Regierungsrath," begann sie, „wenn einem der Himmel ausersehen hat, einen großen Ereigniß oder sonst einen Unglück beizuwohnen —"
„Ein Unglück? Was ist geschehen?" Eine heiße, jäh erwachte Angst um den Geliebten hatte sie ergriffen, sie war aufgesprungen und trat ganz nahe zu der Köchin heran.
„Ja, einem Unglück, wenn man ihm so nennen will, un wo es doch wahrscheinlich genug is, daß er einem Unglück bedeutet. Denn wir haben ihm gesehen, was das Hannchen hier is, un denn ich selber, mit unsere offene Augen haben wir ihm gesehen."
„Was haben Sie gesehen."
„Einem Gespenst."
„Ein Gespenst?" Sie athmete lächelnd erleichtert auf, die Angst war von ihr genommen, die so plötzlich in ihr erwacht war.
„Jawoll. Aber keinem gewöhnlichen Gespenst. Dem Geist von ihm."
Sie nickte dem Bilde an der Wand zu, und Ina folgte ihren Blicken mit den Augen. Sein Geist? Ein leichter Frost überlief sie doch bei diesen Worten, so frei sie sich wußte von Gespensterfurcht und Aberglauben. Aber die Erinnerung an jene Nacht stieg mit einem Male wieder vor ihr auf, als sie das bleiche Gesicht des Kranken so nahe vor dem ihren erblickt hatte, der sie anflehte, ihm treu zu sein, und seine Wiederkehr verhieß, wenn sie ihn je vergessen sollte. Sie hatte ihn vergessen, die Liebe wenigstens zu ihm war dahin, von einer neuen, größeren Liebe besiegt, und nun.
„Sie haben geträumt." Beinahe hart klang ihre Stimme, indem sie diese Worte sprach.
„O nein, Frau Regierungsrath, meine Kasserollen habe ich geputzt, um dem neuen Putzpulver habe ich gerade probimi wollen, un dabei schläft man doch nich. Nee, un da is die Hanne hereingekommen, un da bin ich mit sie herauSgegangen, und da haben wir ihm gesehen."
„Gesehen, wo?"
„In seinen Zimmer, un an 'n Schreibtisch hat er gesessen un denn is er mit einmal weg gewesen."
„In seinem Zimmer?" Von einem raschen Gedanken getrieben, ging sie zu ihrem Secretär, schloß ihn auf un zog eine Schublade hervor, in der mehrere Schlüssel lagen- „Dort kann Niemand hinein, der Schlüssel ist hier, und e


