Schauer des Geheimnißvollen war durchweht worden. Was aber die Schatten des Ueberirdischen nicht vermocht hatten, das bewirkte dieses. Erscheinen eines frischen Lebens. Ferdi­nand Elster, der Kutscher, erhob sich langsam von seinem Sitz auf dem Ausguß, ging dem jungen Mädchen entgegen und sagte mit einem behaglichen Schmunzeln:Sieh da, des Goldschmieds Töchterlein! Guten Abend, Fräulein Wernicke !"

Jetzt schloß sie die Thür binter sich und trat ein. Guten Abend, Herr Elster, guten Abend allerseits. Da bist Du ja auch noch, Hannchen- sieh, das ist schön, daß Du Dir Essen geholt hast." Sie war zu dem Kinde in seiner Ecke herangetreten und strich leise über sein glattes, stroh­gelbes Haar mit einer Bewegung, so zart und sanft, als müsse von ihren Fingerspitzen das ganze Mitleid ausströmen, das ihre Seele diesem armen, kleinen Geschöpf entgegenbrachte. Dann wandte sie sich dem Diener zu, der neugierig heran­getreten war, und sagte:Sie sind wohl der neue Diener vom Herrn Doctor Jaksch oben? Den vorigen mochte ich nicht leiden, hoffentlich werden wir bessere Freunde. Sie müssen nämlich wissen, daß wir hier im Hause alle gute Freundschaft halten, wenn's irgend angeht. Hier, Caroline, tst unser Mittelpunkt- mit der müssen Sie sich stellen, die thrannisirt uns Alle. Aber man kann sich's gefallen lassen, denn sie hat ein Herz wie Gold."

besser, wie Ihres, Fräulein Martha," sagte die Köchin mit behaglichem Lachen.Man thut, was man kann." Ich komme auch schon wieder einmal, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen," gab Martha zur Antwort und hob eine Theekanne in die Höhe, die sie in der Hand hielt. Um heißes Wasser komme ich betteln, wenn es noch welches giebt."Nein, nein," rief sie, als Caroline sich rasch erheben wollte,es hat noch Zeit, es eilt mir nicht, und eigentlich bin rch ja nur hergekommen, um noch ein wenig zu schwatzen, ^zch kann nicht stille sein, wenn ich neben anderen sitze, kaum, wenn ich allein bin, da singe ich mir wenigstens ein Lied. Aber Vater sitzt und zeichnet, und Mutter liegt auf dem Sopha, wie immer, und liest einen Roman- da wurde mir's zu eng, und ich lief hinaus und da bin ich, und nun erzählt mir irgend eine schöne Geschichte!"

Sie hatte die Theekanne fortgestellt und schlug die Hände zusammen wie ein vergnügtes Kind. Der Kutscher rieb sich mit dem Mundstück seiner Pfeife das Knie.Was man so Neues nennt, das wüßten wir nu just nicht," sagt? er bedächtig.

Wenn man es nicht was Neues nennen will, daß der Herr Assessor heute Abend wieder bei der Frau Regierungs­rath sitzt und ihr vorliest oder sonst was." Es war die hohe, klägliche Stimme des Stubenmädchens Johanne, die diese Worte sprach.

Nicht klatschen, Johanne," rief Martha und hob drohend emen Finger, während ihr freundliches Lachen die warnende Bewegung entkräftete.Und am wenigstens über Ihre Herrschaft und über solche Dinge klatschen! Wenn sich zwei Menschen lieb haben, ich denke mir, das muß das Schönste auf der ganzen Welt sein, so schön wie der Frühling, oder wre Weihnachten, wenn man noch ein Kind ist. Und diese Beiden, ihr wißt ja gar nichts Bestimmtes, aber warum sollten sie einander nicht lieb haben? Es ist ja schon drei Jahre her, seit der Regierungsrath gestorben ist, und sie ist noch so jung, eben sechsundzwanzig, da kann das Leben doch nicht zu Ende sein, so ganz zu Ende für immer. Nein, laßt sie nur glücklich werden, wenn der liebe Gott es will."

Gegen dem zu murren liegt mich ferne," sagte Loroltnc, dre wieder zu nähen begonnen hatte.Aber wir haben da vorhin so Allerlei geredet, alte Geschichten von dieses Haus"

//Ihre Geistergeschichtchen wohl gar, Caroline?" rief Martha lachend.Nein, lassen Sie die Geister ruhen. Es giebt keine Gespenster, und was ist das?"

Ein Laut, wie aus der Tiefe der Erde unter ihr hervor­dringend, hatte sie jäh unterbrochen. Zuerst ein heftiger,

scharfer Ton wie von einem Sturz oder einem Schuß, dann ein gedämpfter, lang nachhallender, ersterbender und wieder erwachender Donner. Nun war es still, aber ein leises Zittern und Beben schien noch durch die Wände des Hauses zu gehen, und ein feines Knistern verrieth das NiederriespM des Kalkes von der Decke.

Alle die Leute, die in der Küche versammelt waren standen aufrecht, horchend, mit angespannten Sinnen hinaus- sorschend in eine dunkle Ferne, aus der das seltsame, un­erklärte Geräusch zu ihnen gekommen war. Bleiche/noch als die Frauen war der junge Diener geworden, aus dessen frischem Gesicht alle Farbe gewichen war, während die kleine Hanne die geleerte Schale an sich preßte, als könne sie ihr ein Schild sein in der Gefahr. 1

Als es ganz still blieb, und auch das Kaistern des niedergleitendeu Kalkes verstummt war, fand die Köchin zuerst den Muth zu erneuter Rede.Da war ihm wieder," sagte fie,. und ihre Stimme bebte, zugleich aber klang ein leiser Triumph über die Bestätigung ihrer Erzählung von vorhin aus den Worten.

Ja, so war es damals auch," fügte der Kutscher hinzu. Nun habt Ihr Anderen es ja selber gehört."

Das haben wir," sagte Martha, auf deren Lippen das gewohnte Lächeln schon wieder auflebte.Aber darum glauben wir doch noch nicht an Schatten und Geister und Gespenster. Die Sache ist nicht abzuleugnen, aber eben­deshalb muß sie sich erklären lassen. Elster, machen Sie doch einmal das Fenster auf."

Das Fenster?"

Jawohl, nach dem Hofe dort- es ist ja das einzige, über das wir verfügen, und von da schien mir der wunder­liche Ton zu kommen."

Der Kutscher schickte sich an, das Fenster zu öffnen, indem er bedächtig das grüne Rouleaux in die Höhe zog, zugleich aber sagte er:Das wäre ebenso sonderbar, wie die Geschichte selber. Denn in den Hof kann um diese Zeit kein Mensch herein. Ich habe selber das Thor vorhin ab­geschlossen, wie ich die Pferde besorgt hatte. Die machen keinen solchen Spectakel, und neben dem Stall ist ja nur noch der Schuppen, in dem es nichts giebt, wie altes Ge­rümpel. Aber wir können ja immer mal nachsehen."

Er öffnete jetzt die beiden Flügel des Fensters, hakte sie fest und schaute hinans. Martha und Caroline traten zu ihm und blickten gleich ihm in den beschneiten Hofraum hinunter, während das Stubenmädchen, der Diener und Hanne sich fern von ihnen um die Lampe schaarten. Der Wind hatte noch nicht nachgelassen und schleuderte den Hinausblickenden feinkörnigen Schnee in die Augen, mit dem er auch den Boden der Küche überstreute. Die Gardine am Fenster bauschte sich auf und riß sich los, sodaß sie wie eine weiße Fahne in den Raum hineinwehte. Das Heulen im Rauch­fang schien in der tiefen Stille, die eingctreten war, zuzu­nehmen, aber kein anderer Ton, keine Wiederholung jenes drohenden, fremdartigen Geräusches drang herein.

Draußen war nichts Absonderliches zu erkennen. Es war ein viereckiger Hofraum, in dem man hinunterblickte, nach 0er Straße zu durch ein hohes Eiseng'tter abgeschlossen, an den übrigen drei Seiten von Gebäudetheilen umgeben. An oer einen erhob sich das Haus, in dem die Spähenden sich iefanden- unmittelbar neben dem Küchenfenster zur Linken chloß ein altes, nur zweigeschossiges Bauwerk sich rechtwinklig an, gegenüber sah man die fensterlose Wand des Nachbar- Ijauses. Nichts regte sich aus der weißen Fläche, die man überblicken konnte, wenn auch der fallende Schnee einen einen Schleier vor die Augen breitete.

Da is mich gar nichts," sagte Caroline mit einem Seufzer der Erleichterung, und auch Martha schüttelte den Kopf. Nur Ferdinand Elster schaute länger hinunter als )ie Anderen, dann wandte er sich halb zurück und fragte: Riechen Sie nichts? Ich meine, es riecht nach Pulver oder so was."