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Der stolze Rheinländer fühlte sich im ersten Moment ein wenig verletzt, aber er gedachte des versprochenen Trinkgeldes der feinen Herrschaft und im nächsten Moment war das kleine Fräulein auch wieder so kameradschaftlich vertraut und innig mit ihm, daß Genugthuung seine Brust schwellte.
Welch eine köstliche Fahrt durch den thaufrischen, sonne- durchleuchteten Morgen!
Je höher man kam, desto malerischer breitete sich die Rheinebne unten aus, belebt durch den majestätischen Fluß! Seine wechselvollen Uferstädte und Dörfchen lagen malerisch in das erste Grün des Lenzes hingeschmiegt, über die Bergketten wehte ein smaragdener Schleier und Schlösser und Ruinen träumerisch dazwischen wie verkörperte märchenhafte Poesie!
Dann rauschte der Wald zu beiden Seiten des Weges und spannte seinen Zauber um Herz und Seele.
All die tausend holden, jubelnden Frühlingsstimmen, all der geheimnißvolle Duft verborgen blühender Blumen, all das Flüstern, Raunen und Säuseln schmolz zusammen zu wonnevoller Harmonie, zu einem Waldweben, wie es schon Jung Siegfrieds Herz mit Sehnen ahnungsvoller Lust erfüllt.
In der Nähe des Denkmals stieg man aus.
Der Graf führte seine Gemahlin langsam voraus und Fränzchen hing sich als zärtliche Klette wieder an Pias Arm und feffelte ihren Freund Hellmuth voll sprudelnder Laune an ihre andere Seite.
Sie trug allein die Kosten der Unterhaltung und bemerkte es in ihrer Lebhaftigkeit gar nicht, wie schweigsam ihre Nachbarn waren.
Wenn die beiden jungen Leute auch kein Wort fanden und finden durften, um ihre übervollen Herzen auszuschütten, so sprachen die Augen um so beredter, wenn sich verstohlen, voll heimlicher Scheu die Blicke trafen.
Comteßchen musterte mit blitzenden Augen die wundervolle, heldenhafte Gestalt der Germania.
„Ja, das kann mich ewig ärgern, daß ich anno siebzig nicht mit erlebt habe?" plauderte sie, ihren Hut mit kühnem Stoß in den Nacken schiebend, „wenn man da hätte mit kämpfen können! alle Donner ja, ohne das eiserne Kreuz wäre ich nicht heimgekommen, na, das nächste Mal, wenn es wieder loSgeht, gehe ich mit!"
Der Assessor sah die kleine Renommistin amüstrt an: „Als barmherzige Schwester oder mit dem Marketenderwagen V
Ein entrüsteter Blick sprühte zu ihm auf. „Nette Zu- muthung! Pfui Deiwel, das fehlte mir grade, nein, feste mit in die Reihen will ich! Papa hat es auch schon erlaubt, daß ich bei den Husaren . . ."
„Kantinenjuste werde!" spottete die Stimme des Grafen dazwischen. Die Eltern blieben stehen und ein beinahe zorniger Blick der Mama traf das wilde Töchterchen.
„Bitte, Herr Assessor, machen Sie es dem emanzipirten Fräulein doch einmal klar, wie widerwärtig es ist, wenn junge Mädchen in ihrer Sportpassion kein Maß und Ziel wissen! Die Zeiten einer Prohaska sind vornüber, heutzutage werden^ Mädchen, trotz größter Begeisterung nicht mehr in die Reihen der Krieger eingestellt!"
„Gut, dann gehe ich mit der Ambulance!" grollte Fränzchen, sah dunkelroth aus und machte kurz auf den Hacken kehrt, um sich die Aussicht von der anderen Seite zu betrachten.
Ein alter Invalide trat mit höflichem Gruße näher, und Graf Willibald redete ihn jovial an, sich diese und jene Auskunft von dem biederen Veteran zu erbitten.
Pia und Carl Hellmuth schritten mechanisch weiter, und als sie das blühende, sonnige, wonnige Rheinland zu ihren Füßeu schauten, standen sie still und genossen trunkenen Blickes die Schönheit dieser Stunde.
„Wie schön bist Du, mein Vaterlandl
Wie schön bist Du zu schauen!
Es glänzt des Fluffes Silberband Durch frühlingsgrüne Auen."
Lächelnd sah er sie an. „Möchten Sie es singen?"
Sie schüttelte das Köpfchen und versuchte zu scherzen. „Der Anblick dieser schönen Gotteswelt ist herrlich und würde wohl jede andere fühlende Seele zu einem Lied begeistern, ich verstockte Sünderin bedarf aber noch mehr des himmelhoch Jauchzenden, um mein Herzensglück hinaus zu singen."
„Wie gern möchte ich ein einztges Lied von Ihnen hören!" Sein Blick traf aufleuchtend den Veilchenstrauß, den sie an der Brust trug und sie erröthete.
„Würden Sie auch mit in den Krieg ziehen wie Ihre Fräulein Cousine?" fragte er unvermittelt.
„Nein, ich würde überhaupt nichts thun, was einem weiblichen Wesen nicht zukommt."
„So hat die Frauenbewegung nicht auf Ihre Unterstützung zu reLnen."
„Nein. Ich sehe an Fränzchen zur Genüge, wie häßlich es ist, wenn ein Mädchen den Männern in das Hand, werk pfuscht!"
„Und doch hat es seit langer Zeit keinen so freundlichen Engel gegeben, wie Miß Francis."
Pta lachte. „Ein Engel auf dem Kutscherbock!?"
„Ja, gerade da! ein rettender Engel! Ohne ihr energisches Eingreifen in mein Schicksal würde ich den heutigen Tag nicht so glücklich verleben, wie ich es jetzt thue!"
„Sie haben recht, auch die Emanzipation kann ihr Gutes haben, ich will sie nicht mehr schelten."
„Ohne darum ihre Anhängerin 'zu werden? Sie würden ja doch kein Glück als Aerztin haben, Miß Lilian!"
„Bezweifeln Sie, daß ich etwas leisten würde?"
„O ja, leisten würden Sie viel, ob aber gerade das Richtige?"
„Ich verstehe Sie nicht?"
Da sah er sie wieder mit einem unaussprechlichen Blick an und athmete tief auf. „Sie machen die Menschen krank, Miß Lilian, — aber nicht gesund!"
Sie schwieg überrascht, ihre großen Augen blickten, ohne zu verstehen, in die seinen.
Er lächelte und sagte leise: „Herzkrank, Miß Lilian!"
Man schrit zu dem Wagen zurück. '
Fränzchen hatte zuvor voll Nengierde die Bergbahn, welche just eine fröhliche Studentenschaar zum Denkmal beförderte, besichtigt, und mochte das Außergewöhnliche ihrer Erscheinung wohl das Interesse der jungen Herren erweckt haben. Sie schienen den Frühschoppen bereits hinter sich zu haben, hakten sich in langen Reihen unter und folgten dem jungen Mädchen.
Fränzchen kokettirte ersichtlich und schien sich über die Masse der Kußhändchen zu freuen, die man ihr zuwarf. Sie trat zu ihrem Vater und stieß ihn fröhlich an. „Sieh doch! sieh doch! wie ich ihnen gefalle, sie verlieben sich sämmtlich in mich!" flüsterte sie mit funkelnden Aeuglein. Der Graf ward »«begreiflicherweise nicht böse, sondern lachte.
Indem nahten Pia und der Assessor, ihr Anblick schien die Studenten zu überraschen, — sie hoben galant die Spazierstöcke und salutirten der Schönheit des jungen Mädchens und dann Hub plötzlich eine tiefe Baßstimme an zu singen: „Jetzt kommt der Frühling! die Bäume schlagen aus, und ich bring meim' Schätzer! einen Veilchenstrauß"
Pia ward dunkelroth, sie sah auf den Veilchenstrauß an ihrer Brust nieder und fühlte Hellmuths Blick auf sich ruhen, als er leise, wie für sich wiederholte: „Ja! jetzt wird Frühling! die Bäume schlagen aus! und ich bring meim' Schätzer! einen Veilchenstrauß !z


