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zu eompronüttiren, an deren Adresse er schreiben sollte. Lilli's kleinste Bitte war ja für ihn ein unverbrüchliches Gesetz!
Um 9 Uhr lief der Zug ein, der Otto aus seiner Hei« mathsstabt gebracht hatte; schnell fuhr er nach dem Kaiserhof und warf sich in den Gesellschaftsanzug; aber es war doch fast zehn Uhr geworden, als er das Eschborn'sche Haus betrat. Zu feinem Erstaunen hörte er, daß man noch bei Tische säße. Unschlüssig, ob er eintreten, oder ob er noch warten solle, wollte er doch die Geliebte sehen. Er trat näher bis in das Nebenzimmer; noch konnte er sie nicht erblicken, aber er hörte die Stimme des General-Directors, der gerade eine Rede — er sprach gern und gut — zu schließen schien: «Und so bitte ich meine verehrten Gäste, mit mir anzustoßen auf das Wohl eines Brautpaares, meiner Tochter Lilli und des Herrn Doctor Scherfling."
Ja, war es denn möglich?! Lilli, feine Lilli, verlobt mit diesem Doktor Scherfling, dem Sekudanten Menthe's, der bei seinen Aussagen vor Gericht so besonders betont hatte, daß er — Otto — mit besonderem Bedacht auf das Herz des Gefallenen gezielt habe! Otto war unwillkürlich einen Schritt näher getreten; da stand Lilli, zärtlich angeschmiegt an ihren Bräutigam, wie einst an ihn, als die Gäste sie glückwünschend umdrängten; wie innig und liebevoll blickte sie zu dem Doktor auf, gerade so innig und liebevoll wie damals zu ihm selbst! /
Ottos erster Gedanke war, einzutreten, Lilli an ihr Wort und all' das zu erinnen, was er für sie erduldet. Aber wozu das? I Er eilte hinaus, kaum daß er Besinnung genug hatte, um seinen Mantel umzuwerfen.
Fast eine Stunde irrte er durch die Straßen; er glaubte sich beruhigen zu könne». Aber der Gedanke, Lilli ungetreu zu wissen, noch vielmehr aber die Reue, einen wackern Mann und lieben Freund — denn das war Menthe gewesen — getödtet zu haben, da er doch nur ein allzuwahres, wenn auch hartes Wort über eine Dame gesprochen, von deren Beziehungen zn ihm er doch nichts wissen konnte — alles das ließ ihm das Leben unerträglich erscheinen. Zurück ins Hotel, die nöthigen Briefe geschrieben und dann ein Ende gemacht!
Otto sprang auf: Rur noch fünf Minuten! Er trat an die Thür, um sie zu verriegeln; wer konnte wissen, ob der erste Schuß sofort tödtlich sei!
Man sollte ihn nicht verhindern können, einen zweiten abzufeuern. Da klopfte es, und ohne das Herein Ottos abzuwarten, trat fein Oheim, der Oberst a- D. Wettmar schnellen Schrittes ein. Mit einem Blick übersah der alte Soldat die von seinem Neffen getroffenen Vorbereitungen.
«Da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen! Ue« brigens mein Compliment! Du hältst auf Ordnung; keine Reste ins neue Jahr mitnehmen! Die Geschichte sollte wohl gleich losgehen? Entschuldige, wenn ich gestört habe. Es ist aber doch was eigenes um ein Mutterherz!"
Damit griff der alte Herr in die Tasche: „Hier ist ein Telegramm von Deiner Mutter: „„Otto nach Berlin gereist, um sich mit Lilli Eschborn zu verloben. Halte ihn noch heute von unüberlegten Schritten zurück, wenn nicht alles nach Wunsch. Otto wohnt Kaiserhof."" Du hast mir übrigens noch nicht einmal einen Stuhl angeboten; scheinst da auf der Festung etwas verwildert zu sein."
Der Oberst setzte sich behaglich in einen Fauteuil, aber so, daß er den Revolver in Armesweite hatte. Dann fuhr er fort:
«S'ist ein wahres Glück, daß mein Portier fo vernünftig war, mir das Telegramm in meine Stammkneipe zu bringen. Es war erst gegen zehn Uhr, aber als dringlich, wie Du flehst, aufgegeben. Ich fuhr gleich zu Eschborns, faßte mir den alten Friedrich, der ja bei meiner Compagnie vor mehr als dreißig Jahren gedient hat, und fragte ihn, ob Du da seiest. Er wußte von nichts; aber ein Mädchen, das hinzukam, meinte, das müßte wohl der junge Herr gewesen sein, der um zehn Uhr gekommen und nach ein paar Minuten wie ein Rasender fortgelaufen sei. Jetzt war mir die Situation klar — dem Friedrich auch; dem drückte ich ein paar Thaler
in die Hand, damit er dem Mädchen den Mund stopfe. Das versprach er mir denn auch und sagte mir dann noch etwas, was mich einigermaßen beruhigte."
„Und das war?" fiel Otto dem Oheim in's Wort; bj- dahin hatte er fast theilnahmslos die Erzählung des Obersten angehört; „ist Lilli vielleicht gezwungen worden, sich mit dem Doctor Scherfling zu verloben? Aber was frage ich?! Ich habe den Beweis des Gegentheils gesehen!"
„Na also I" meinte der Oberst trocken. Aber deßwegen wolltest Du Dich doch nicht erschießen? Das thun anämische Schneidergesellen, aber kein Mann, der eine Stellung in der Welt mit Ehren auszufüllen hat, der in seiner Haft ein volks« wirthschaftliches Werk geschrieben hat, das mir, seinem Onkel, schon die schönsten Complimente eingetragen hat, obgleich ich alter Esel gar nichts davon verstehe. Oder hast Du vielleicht etwas Ehrenrühriges begangen?"
„Onkel!!" brauste Otto auf.
„Nicht? Wäre mir auch am Sohn meines Bruders nicht ganz angenehm gewesen. S'ist übrigens der einzige Grund, ans dem ich dergleichen statuire. Also nur dieser Mädchens halber wolltest Du Dich erschießen?"
„Und das werde ich auch und Du selbst wirst mich nicht daran verhindern, wenn ich Dir alles erzählt habe, was ich ja früher nicht durfte."
„Bitte, ich bin ganz Ohr," erwiderte der Oberst. Er dachte bei sich: Wenn der Junge mir erst fein Herz ausgeschüttet hat, wird er ruhiger und vernünftigen Argumenten zugänglicher sein-
In diesem Augenblick schlug es Mitternacht.
„S'ist eigentlich ein wenig deplacirt", meinte der alte Herr, „aber der Anstand erfordert es doch, daß wir einander gratulieren. Prosit Neujahr, mein Junge!"
Otto streckte mechanisch die Hand aus, die der Oberst kräftig schüttelte.
„Aber so trocken geht das doch nicht," fuhr der alte Soldat fort; „Du erlaubst doch?" Damit drückte er auf die Klingel und steckte gleichzeitig den Revolver in seine Rocktasche.
Otto wollte aufbrausen, wie üblich; aber in diesem Augen« blick erschien der Zimmerkellner.
„Kellner, eine Flasche Röderer Carte noire! Entschuldige nur, lieber Otto", fuhr der Oberst fort, als der Kellner gegangen war, „daß ich Dir das alte Schießeisen fortgenommen habe- Du kannst es sofort zurück haben; der Kellner sollte es nur nicht sehen. Nun möchte ich aber gerne Deine Geschichte hören; noch einen Augenblick — da ist der Sect."
Der Oberst winkte dem Kellner zu verschwinden; dann entkorkte er die Flasche, schenkte die Gläser voll und sagte ernsthaft:
„Das Glas wollen wir der armen Mutter bringen, die jetzt in ihrem Kämmerlein um das Glück ihrer einzigen Sohnes bangt."
Da mußte Otto schon anstoßen und auch austrinken wie der Oberst.
„Und nun los mit der Geschichte!" sagte dieser.
Otto hatte somit Gelegenheit, die ganze betrübte Affaire, die er sich selbst vor seinem beabsichtigten gewaltsamen Ende recapitulirt hatte, nochmals vorzutragen. Es beruhigt das ungemein, wenn man seinen Schmerz ausspricht, besonder«, wenn einem dabei fleißig Sekt eingeschenkt wird, und wenn man ihn dann mechanisch austrinkt, nur um die innere Hitze zu dämpfen.
Otto hatte seinen Bericht vollendet.
Der Oberst saß nachdenkend da. „Freilich!" meinte er endlich; „ich kann es mir wohl vorstellen, daß ein junger Mensch, der nichts Besseres zu thun weiß, nach der Pistole greift und der Sache innerhalb zwei Stunden ein Ende macht. S'ist auch ganz richtig! Wenn er sich die Sache länger überlegte, so würde er am Ende zu Verstand kommen und sich des schönen Heine'schen Verses erinnern: Oh, König Wiswamitra et cetera."
„Onkel, ich muß bitten!"
„Willst Du mir gefälligst auseinandersetzen, weshalb Du


