UntechaltungsklaU zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Nr. 153
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In zwölfter Stunde.
Eine Sylvester-Geschichte von Fritz Wold eck.
----— (Nachdruck verboten.)
Wie war es doch nur gekommen?! Er starrte vor sich hin: Noch blieb ihm eine halbe Stunde, um das Entsetzliche seit seinem Anbeginn vor seinem inneren Auge vorüberziehen zu lassen. Erst halb zwölf! Wenn die Glocken das neue Jahr einläuteten, wenn frohe Menschen einander ein jubelndes „Prosit Neujahr" zuriefen, dann wollte er das alte Jahr gründlich — mit seinem Leben abschließen.
Der Abschieds-Brief an seine Mutter, ein kurzes Schreiben an den Dtrector des Hotels, in dem er den Mißbrauch der Gastfreundschaft zu entschuldigen bat, während er eine stattliche Summe für Unkosten und Unannehmlichkeiten beigefügt hatte — sie lagen vor ihm, ebenso der Revolver, den er wie vorahnend bei seiner Abreise in den Koffer gepackt hatte.
Beinahe drei Jahre waren verflossen, seit ihm Lilli auf einem Ball in ihrem elterlichen Hause ihr Jawort gegeben! Er hatte nicht zu hoffen gewagt, daß das schöne, liebenswürdige und reiche Mädchen gerade ihn aus der stattlichen Zahl ihrer Bewerber wählen würde.
„Nur noch den Winter mit seinen zahlreichen Verpflichtungen lasse vorübergehen, lieber Otto", hatte sie gebeten; „erst wenn der Frühling in'« Land kommt, wenn wir einander alle« fein können, dann wirb um mich."
Sie hatte ihn seltsam berührt, diese Bitte; aber wer konnte diesen Augen widerstehen, dem Druck dieses weichen Armes, an dem er sie in den Saal zurückführte!
Im stillen und doch so berauschenden Gefühl seines Glück« wollte er nach Schluß de« Balles heimkehren; aber er konnte sich der Aufforderung guter Bekannter nicht entziehen, wie üblich, noch in'« Cafs zu kommen. Schon um sich nicht zu verrathen, willigte er ein — und nun erfüllte sich das Geschick! Man sprach von den Damen, mit denen man getanzt — auch von Lilli.
„Ja, sie ist die schönste, sie hat Geist, Witz —" meinte der Assessor Menthe, einer seiner Spezial-College»; «aber ich sage Ihnen, meine Herren, sie wird noch so manche» Herz schmerzen machen — sie ist eine Erzkokette!"
„Das ist eine Lüge, eine niederträchtige Verleumdung!" war Otto aufgefahren.
Was darauf erfolgen mußte, war in diesen Kreisen selbstverständlich: am Morgen des nächsten Tages standen die beiden Freunde einander mit der Pistole in der Hand gegenüber. Dreimaliger Kugelwechsel war festgesetzt. Unnöthig! Schon beim ersten Schuß stürzte Menthe durch'- Herz getroffen zu Boden. Otto wurde zu drei Jahren Festung verurtheilt. Die Strafe wäre vielleicht geringer ausgefallen, wenn er sein Ver- löbniß mit Lilli als zwingenden Grund für seine Aeußerung hätte anführen dürfen. Aber sie hatte ihn so innig gebeten, davon nicht zu sprechen, ihre Beziehungen nicht au die Oeffent- lichkeit zu zerren! Ihr Leben lang wolle sie ihm danken — ihrer Treue dürfe er sich versichert halten — was Hingebung und Zärtlichkeit vermöchten, solle sein Lohn sein, nachdem er ihrethalben seine Strafe bestanden. Er schwieg ritterlich.
Da — am 30. Dezember — kam seine Begnadigung! Vier Monate waren ihm erlassen worden. Jetzt rasch zu seiner Mutter, sie um ihren Segen zu bitten, und dann zu ihr, zu Lilli! Am Sylvester-Abend wollte er sie überraschen. Er wußte ja, daß Lillis Vater, der General-Director Eschborn, es liebte, an diesem Tage eine kleine Gesellschaft zum Diner zu versammeln, während alle sonstigen Freunde des Hauses ein für alle mal geladen waren, nach Schluß dieses Diner« zu erscheinen und bei Spiel und Tanz, wie e« einem Jeden behagte, den Beginn de« neuen Jahres zu erwarten. „Nichts Unbehaglicheres", hatte der Lebemann und Lebenskünstler oft gesagt, „als sich gegen zehn Uhr zu versammeln und entweder bis Mitternacht zu tafeln, wobei man sich den Magen überladet, oder von elf Uhr ab zu warten, bis das neue Jahr zu erscheinen geruht. Das muß uns mitten im Vergnügen überraschen!"
Wie wollte Otto erst seine Braut, ihre Eltern und alle Uebrigen überraschen! Lilli hatte doch gewiß, nachdem die Nachricht von seiner Begnadigung ohne Zweifel auch schon zu ihnen gedrungen war, — vielleicht hatte gar der einflußreiche General-Director dieselbe veranlaßt — ihre Eltern von ihrer Verlobung mit ihm unterrichtet! Freilich, der Briefe waren in den 32 Monaten nur wenige gewechselt worden; vielleicht alle Vierteljahre. Lilli hatte ihn gebeten, i sie nicht durch zu lebhafte Correspondenz selbst vor der Freundin


