langen Sätzen darüber hin; vor den Gebäuden mit den ziegel« rothen Dächern macht er Halt, starrt blöden Auges darauf hin, wendet sich dann, um bald in der Ferne zu verschwinden. — Unter dem Schuppen hervor kriecht eine Kindergestalt. Aengstlich lauschend bleibt ste einen Augenblick stehen, dann läuft ste, so schnell ihre kleinen nackten Füße ste tragen wollen, hinein in die Sandwüste in die Einsamkeit — fort von dem Boer, der Boersfrau, dem Jungen, der sie tritt, den Knechten, die ste mißhandeln — fort, nur fort! In der Ferne vor sich her sieht sie den Springbock feine Sprünge machen; wie ein plötzlicher Zauber kommt es über sie. Sie will frei sein, frei!
Hinter dem Thier her läuft ste, keuchend, bis ihr der Athem ausgeht. Sie steht sich um — weit, weit liegt die Farm hinter ihr, kaum daß die rothen Ziegeldächer noch her» überschimmern im Mondschein---
Janita geht langsamer, wie lange, weiß sie nicht. Weiter, weiter I Ein breiter Bach hemmt ihren Weg, sie watet mit aufgeschürztem Röckchen hindurch. Jenseits hört die sandige Ebene auf; felsiges Gestein bedeckt den Boden; Weidenbäume, Gesträuch, Gebüsch steht umher. Hinter eins derselben kriegt Janita; zu ihrem Erstaunen findet sie, daß es den Eingang zu einer natürlichen Höhle verdeckt, die von dein zerklüfteten Gestein gebildet ist, und tief aufathmend nach dem langen, langen Wege legt die kleine sich nieder und schließt die müden Augen. —
Den ganzen folgenden Tag bringt sie in der Höhle zu. Sie wagt sich kaum heraus; vielleicht könnte man ste suchen — finden — schaudernd und zitternd kriecht sie wieder zurück in ihr Versteck. Mit einigen trockenen Brotrinden, die ste noch in der Tasche hat, stillt sie den nagendsten Hunger; einmal schleicht sie zum Fluß und schöpft sich Waffer mit der hohlen Hand für den brennenden Durst, der sie plagt. Wie langsam der Tag hinschleicht I Wie lange es doch dauert, bis wieder die Sterne Heraufziehen, der Mond wie eine große, leuchtende Kugel seine Bahn beginnt--> Matt, hungrig
schläft Janita wieder ein, und vor ihrer Seele gaukeln wieder schöne Traumbilder, die immer am schönsten sind, wenn der Mensch am elendesten ist. Sie sah sich wieder mit ihrem Vater zusammen, in seiner Hand; er und sie hatten Kränze auf von wildem Spargel, wie man die feingefiederten dunkelgrünen Büsche in der Wüste nennt, und lächelnde sreundliche Menschen kamen um sie herum, küßten sie und gaben ihr Blumen und Brot und Kuchen. Da drüben stand wieder das Häuschen mit der Rosenhecke dahinter, und die Sonne schien hell und freundlich. —
Der schöne Traum bricht plötzlich ab — Janita erwacht. Ein Geräusch in ihrer Nähe — Menschenstimmen. — Hat man sie entdeckt? Will man sie zurückbringen? Eine jähe, entsetz- Angst ergreift sie — zitternd, mit laut pochendem Herzen richtet sie sich auf und lauscht. —
Es ist der Hottentott, der Dieb, mit seinen Kumpanen; seitwärts von der Höhle haben sie sich niedergelassen in eifrigem Gespräch. Janita horcht — sie vernahm jedes Wort. Es ist von der Farm die Rede, von dem Boer; in dieser Nacht noch wollen die drei Spießgesellen das einsame Gehöft überfallen und berauben. —
„Ich will ihm seine Peitschenhiebe heimzahlen, dem Hunde!" sagte der Hottentott tückisch, „'s ist seine letzte Nacht!"
Die kleine Lauscherin regt sich unwillkürlich entsetzt — der Buschmann draußen spitzt die Ohren.....
„s ist nur ein wildes Kaninchen!" beruhigen ihn seine Genossen.
Die drei Mordgesellen verlassen den Platz vor der Höhle; zitternd, in Angstschweiß gebadet, kriecht Janita hervor. Nur ein einziger Gedanke erfüllt ihre Seele: sie muß nach der Farm, muß den Boer, die Familie warnen! Wie ausgelöscht ist die Erinnerung an die Schläge, die harte Behandlung; sie kann nicht« denken, als das eine: Hin, ehe es zu spät ist —
Zwei Wege führten zu der einsamen Farm, der eine über
die sandige Ebene, den Janita gekommen; er war der kürzeste, aber man konnte auch auf eine halbe Meile Weg« gesehen werden. Der andere zog sich am Flusse hin, hinter Weidenbäumen und Gebüsch, das längs derselben wucherte — diesen mußte sie einschlagen--und wie ein gehetztes Wild stürzte
ste fort---.
Fort — weiter — weiter! Wenns nur nicht zu spät wird! Der Gedanke hält das Kind aufrecht, wenn es zusammenbrechen will, tn dem endlosen, eiligen Lause. Keuchend, mit fliegenden zitterden Gliedern läuft sie — vorwärts — nur vorwärts —. Und da — da — endlich taucht das Wohnhaus mit feinem rothen Dache auf, vom Mondlicht bestrahlt. Noch fünf Minuten Lauf — ihre Kräfte versagen — und es steht ihr das Herz säst still in tödlltchem Entsetzen: bei einer Wendung des Weges erspähte sie drei Männer, die schon zwischen ihr und dem Hause find. Zu spät! Sie ist abgeschnitten — und jetzt haben auch die drei da» Kind bemerkt. — — —
„Wach' auf, Hendrik!" stößt die Boersfrau ihren Ehegatten an. „Ich höre draußen etwas — es ist, als ob jemand ruft—."
Der Boer steht auf und tritt an's Fenster.
„Ich höre es auch", sagte er, „aber 's ist weit weg. Gewiß ist ein Schakal bei den Schafen. Ich will nachsehen."
Er nimmt die Büchse von der Wand und geht. Al« er sort ist, steht auch die Boersfrau auf und weckt ihre Tochter.
„Komm Marie, ich kann nicht mehr schlafen, wir wollen uns in die Küche setzen und Feuer machen", sagte sie. „Ich hörte einen so seltsamen Schrei rufen — Dein Vater meint, e» wäre ein Schakal, aber kein Schakal schreit so. Es klang gerade, als ob ein Kind mit heißerer Stimme schrie: Herr, Herr, wacht auf, wacht auf!"
Die beiden Frauen setzten sich an das Küchenfeuer; nach einer Viertelstunde kam der Boer zurück.
„Hast Du etwas gefunden, Hendrik?"
„Nichts!" sagte er, die Flinte hinhängend. „Die Schafe waren ruhig im Kraal. Mir war's, al« sähe ich am Fluss- einmal drei Burschen — und einmal hörte ich wieder einen Schrei — aber ich kann mich geirrt haben, ’e ist jetzt ganz still."
Am nächsten Tage erschien der verlaufene frühere Matrose wieder bei der Arbeit; er hatte einige Tage gefehlt.
„Wo hast Du gesteckt?" fragten ihn seine Kameraden.
Der Mensch brummte etwa» Unverständliche«; scheu blickte er dabei über seine Schulter zurück, al« sähe er etwas dort stehen — — — — — — — — — — —
„Das hat er den ganzen Morgen gethan!" sagte einer kopfschüttelnd. „Als er heute Morgen ein Glas Grogk trank, ließ er es mit einemmale fallen und sah sich so um."
Am Nachmittag kamen zwei zerlumpte Gesellen, ein Hottentott und ein Buschmann in die Cantine und tranken Branntwein. Mit lallender Zunge fing der Buschmann an zu erzählen — er sprach davon, wie Jemand, ob Mann, Frau oder Kind sagte er nicht, auf dem Sande gekniet und die Hände gerungen, wie „es" geweint und um die Barmherzigkeit gefleht — wie es des weißen Manne» Hände geküßt und ihn angefleht habe, „es" zu retten, ihm zu helfen. — —
Mit einem greulichen Fluch sprang der Hottentott auf, faßte seinen Genossen am Kragen und schleppte den Schwätzer fort. — — —
Und wieder zogen Mond und Sterne am schweigenden nächtlichen Himmel auf. Kalt und stumm blickten sie nieder auf die Erde, auf die weite Sandfläche hinter der einsamen Farm, auf den Fluß und die Weidenbäume, da« Gestein — und einen kleinen frisch aufgeworfenen Hügel von Erbe und Steinen. Drei Männer wußten, wa» unter dem Hügel war, niemand sonst — nur der Mond und die Sterne.
Redaction: 8. Scheyda. — Druck und String btt Brühl'schen UniversiMS»Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in SitgtB.


