Ausgabe 
31.3.1896
 
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den Parket- der Tanzsäle gleitet bei den Klängen der Zigeuner- caprlle, ja, das ist Leben, ein anderes Leben wie in dem langweiligen Deutschland, wo die Damen so zimperlich, so ge- seffelt find durch tausend Vorurthetle. Wer frei sein will, der muß nach Sanct Petersburg, ja, lachen Sie nur! Man stellt uns als uncivilisirtes Volk, als geknechtet dar, wir sind es nicht. Wir leben bester, freier als irgend ein anderes Volk und wir beten unsere Frauen an und gestatten ihnen doch ohne Eifersucht, sich auch nach ihrer Eigenart auszuleben. Ach, Miß Adeline, Sie passen ja gar nicht für einen Deut­schen und am wenigsten für diesen blaffen, finsterblickenden Baron."

Schweigen Sie," rief Adeline, mit dem Fächer einen leisen Schlag nach seinem Arm führend, der den ihren zu fest drückte.Sie lenken die Aufmerksamkeit auf uns."

Ah bah, hier unter dem blauen Himmel Italiens weiß man, was lieben heißt. Aber Sie antworten Nicht?"

Geduld, Fürst, Geduld. Holen Sie sich morgen die Antwort in unserem Hotel-"

Und ich darf hoffen?"

«Ich sage nichts mehr. Die erste Pflicht eines Mannes, dem ich meine Hand reichen soll, ist Gehorsam."

Aber sie sah ihm dabei doch mit so verheißendem Blicke in die Augen, daß er in ausbrechender Seligkeit ihre Hand an die Lippen preßte.

Mrs. Graham war sehr zufrieden, als sie nach einiger Zeit den Fürsten, ihre Tochter am Arm führend, strahlenden'- Gesichtes zu der Gesellschaft in der Grotte zurückkehren sah. So hatte doch der thörichte Roman mit dem Deutschen sein Ende erreicht. Und welch' ein bequemer Schwiegersohn ver­sprach dieser Ruffe zu werden, dem das Geld wie Spreu durch

I die Finger glitt. Und Adeline! Nun ja, sie empfand nichts für ihn, aber sie wurde Fürstin, reich, frei von der Abhängig­keit vom Onkel in New-Pork; das mußte sie für Alles ent­schädigen-

Ob Adeline selbst so dachte? Aeußerlich bewahrte sie ihre gleichmäßige Hsiterkeit; ihr Herz aber war tief verwundet. Es war der schwerste Schlag, den sie im Leben bisher empfangen hatte. Verschmäht, zurückgestoßen, beleidigt von dem Manne, dem einzigen Manne, für den sie wirklich Liebe empfunden. Daheim in ihrem Zimmer ballte sich ihre kleine Hand im Zorn beim Gedanken an da« Erlebte und sie schwur Rache, Rache gegen das ganze männliche Geschlecht, vor Allem gegen den Fürsten selbst, den sie verabscheute und dem sie nun doch faute de mieux ihre Hand reichen mußte.

Wolf war lange allein auf dem Festplatze umhergeirrt, ehe er Herrn von Egeling in einem heiteren Kreise von Be­kannten wiederfand, die ihn sogleich in ihre Mitte nahmen. Er aber vermochte sich an der allgemeinen ausgelaffenen Lust nicht zu bethetligen und bat Egeling, Unwohlsein vorschützend, sich in seinem Vergnügen nicht stören und ihn allein nach Hause fahren zu kaffen. ,

Und Wolf fühlte sich wirklich nicht nur seelisch, sondern auch körperlich tief leidend. Müde in seinen Wagen zurück- gelehnt, fuhr er über die weste, still im Abendschein ruhende Campagna. Georg hatte ihm vorsorglich warme Decken über die Füße gebreitet, sah sich aber von seinem Platz auf dem Bocke aus oftmals besorgt nach seinem Herrn um, dessen bleiches, verfallenes Aussehen ihm gar nicht gefiel.

Der Herr Baron hätten eine so anstrengende Fahrt nicht unternehmen sollen," sagte er kopfschüttelnd,und nach dem Fiebernest I Die Gegend, durch die wir fahren, soll geradezu verrufen sein wegen der Malaria, das sagte mir der deutsche Kellner in unserem Hotel."

Wolf macht eine ungeduldig abwehrende Bewegung- Sein Blick folgt wie gebannt den leise wallenden Nebeln, die wie täuschende Lockgestalten vor ihm hertanzen. Ein Bild des Lebens, meines Lebens, denkt er- Alles Glück zerfließt in Nebel, sobald ich es greifen und fassen will.

Man nähert sich Rom; dis Nebel, die aus dem feuchten Boden der Campagna aufgestiegen, fangen an, sich zuilössn- Stern nach Stern blitzt am tiefblauen Himmel auf, hier uns

gut gespieltem Gleichmuth den Angriff zu pariren.Sie haben keinen Grund dazu. Ein Freund aus Deutschland, der übrigens ganz ungefährlich ist, ein verhsiratheter Mann."

Und ohne Frau hier? Um so schlimmer, Madame, um so schlimmer. Sie hätten mich nicht hierher bestellen sollen, wenn es so stand, wenn mich hier ein Concurrent erwartete."

Ich schrieb Ihnen, Fürst, meine Tochter habe keine Ahnung davon, daß wir zusammen correspondirten und bitte Sie nochmals, ihr nichts davon zu verrathen. Uebrigsns dürfen Sie auf mein Wort bauen, ich stehe Ihnen für den Erfolg Ihrer Werbung."

Das sagen Sie so, Madame; aber ich will endlich eine Entscheidung. Entweder Ihre Tochter entschließt sich noch heute, mir ihre Hand zu geben und Fürstin Naradin zu wer­den oder ich verlasse morgen Rom."

Ich bitte Sie, Fürst, keine solche Uebereilung," bat nun die Dame tief erschrocken. Kannte sie doch ihre Tochter, wie sie jeden Zwang haßte. Mit Gewalt war von ihr nichts zu erlangen.

Mandolinenklänge ertönten in nächster Nähe, zwei junge Römerinnen in ihrem hübschen Nationalcostüm sangen zwei­stimmige Volkslieder dazu. Zum Refrain schlugen sie das Taürbourin und machten einige Tanzbewegungen. Die Sonne war im Sinken; sie färbte mit feurigem Schein die Cam­pagna und umwob die Gestalten der Tanzenden mit blendendem Licht. Das Bild war bezaubernd; die schlanken und doch kräftigen Mädchengestalten mit den schwarzen, schmachtenden Augen, den regelmäßig-klassischen Zügen in der lebhaften Be­wegung des Tanzes. Des Fürsten Augen verklärten sich sichtlich-

Ein schönes Land, diese» Italien, Madame, hier sehnt man sich doppelt nach Liebe."

Wirklich?" klang da eine spottende Helle Mädchenstimme ' neben ihm.

Der Fürst drehte sich hastig um; unwillkürlich öffnete et die Arme und hätte Adeline, die ungesehen herangekommen war, säst vor Aller Augen umfaßt, wenn sie ihm nicht geschickt ausgewichen wäre-

Da Adeline allein war, ahnte Mrs. Graham sogleich, was geschehen. Einen günstigeren Augenblick für die Werbung des Fürsten konnte es ja gar nicht geben. Geschickt zur rechten Zeit verschwindend, ließ sie das junge Paar allein.

Der Fürst ging denn auch gleich unerschrocken auf sein Ziel los.

Wiffen Sie, Miß Adeline, daß Sie mich in der letzten Stunde zum Unglücklichsten der Sterblichen gemacht haben?" begann er, ihrs Hand erfaffend und sie zärtlich drückend.

«Ich? Fürst?" fragte sie mit gut gespieltem Erstaunen. Jedenfalls nicht mit meinem Willen!"

So ohne Weiteres mit diesem deutschen Baron davon­zugehen I O, Miß Adeline, seien Sie aufrichtig mit mir. Was haben Sie mit diesem Herrst?"

Ich bitte Sie, Fürst, keine Scene hier. Der Baron ist mein Freund!"

Freund?" fragte er, ihren Arm heftig preffend.Wirk­lich nur Freund oder mehr?"

Baron von Menzelen ist verheirathet."

Das sagte mir schon Ihre Mutter und ich antwortete ihr, Ehen lassen sich lösen. Und selbst, wenn Sie ihn nicht heirathen wollten oder könnten, wenn Sie ihm aber Ihr Herz geschenkt hätten? Fürst Naradin kann und will nicht theilen."

Und sich näher zu ihr neigend, fügte er mit heißem Athem hinzu:Denn ich liebe Sie, Miß Adeline, liebe Sie rasend, und je länger ich von Ihnen getrennt war, desto heißer ist meine Leidenschaft geworden. Meinen fürstlichen Rang lege ich Ihnen zu Füßen. Alles, was ich bin und habe, Ihr Sclave will ich fein, nichts als Ihr Sclave, jeden Ihrer Wünsche will ich erfüllen und Sie fallen Sanct Peters­burg erst kennen lernen, mein Palais am Quai, meine Villa in Peterhof. Es ist schön dort, beim Himmel. Und im Winter die Fahrten mit der Troika, wenn es wie im Fluge über die Eisbahn der Newa dahingeht oder man Arm in Arm auf