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Man hörte nur dar einförmige Ticken der alten Wanduhr und das Summen der gelben Wespen gegen die Fensterscheiben.
Er kommt wohl überhaupt nicht, der Herr Thaddäus, dachte Binia und blickte sehnsüchtig nach der Thür.
Hans war auch in Verlegenheit. Endlich fiel sein Auge auf das Buch, das ste mitgebracht hatte.
„Sie sind zur Stunde gekommen?"
„Ja, Herr Thaddäus ist gestern bei uns gewesen und hat meinen Vater gefragt ..."
„Nun, wenn Sie wollen, werde ich Sie überhören. Ist es ein Capitel aus der polnischen Geschichte?"
Er hatte sich des Buches bemächtigt, nahm ihr gegenüber Platz und fragte mit der gelehrten Miene eines Magisters, wie es die Lage mit sich brachte: „Warum weigerte sich die Königin Wanda, den Fürsten Ritigier zu heirathen?"
Sie zögerte zuerst einen Augenblick, ehe sie antwortete; dann sprach ste in einem Zuge und mit der einsörmigen hohen Stimme der «Schüler, die ihre Leciion aufsagen: „Wanda war eine sehr schöne Jungfrau. Prinzen aus allen Ländern hatten stch schon um ste beworben; aber da sie eine strenge Hüterin der polnischen Freiheit war . . ."
„Wollte sie nicht, daß ein Fremder, besonders nicht ein Deutscher, ihr Vaterland regiere," half ihr Janek leise ein, „und beschloß, eine Jungfrau zu bleiben."
„Eine Jungfrau zu bleiben," wiederholte Binia gelehrig. „Aber da sie sah, daß Ritigier mit einem ungeheuren Heere vordrang und sie mit den Waffen zu bezwingen drohte, stürzt sie sich selbst in den Kampf, ihre Brust wogt vor Streitlust, ihre Wangen glühen, ste hebt das Visier ihres Helms. Da überfluthet sie ihr goldenes Haar, ihre Korallenlippsn und ihre blauen Augen leuchten, ihre Wangen scheinen wie eine kleine Sonne und vor ihrem Strahlenglanzs fliehen die Ger« manen. Wo verbirgt stch dis blonde Wanda in der Nacht, während die Stadt schläft? Sie hat ihre Mädchen und Frauen geweckt und eilt an das Ufer der Weichsel. Er ist Zeit, Vaden Göttern gelobte Opfer zu vollenden; wenn meine Schön« heit dem Volke den Krieg bringt, so möge sie vergehen I Bester tst es, von den FlMhen verschlungen zu werden, als mein Land jemals dem deutschen Joche zu unterwerfen! (Sie spricht'« und wirft stch in die Weichsel.)"
„Da» war eine tapfere Fürstin," rief Hans mit flammenden Blicken und legte das offene Buch auf seine Kniee. „Ohne ste wären wir vielleicht jetzt Deutsche."
„Ja, vielleicht," antwortete Binia unstcher und ohne die ganze Tragweite der Worte Janekr zu verstehen. Dann fuhr sie fort, aufzusagen: „Aus Dankbarkeit errichtete dar Volk mit eigenen Händen der großen Königin einen Hügel gerade an dem Ort, wo sie stch in die Weichsel gestürzt hatte- Dieser Erdhügel ist so hoch . .
„Daß man ihn sehr gut von Krakau aus sehen kann," sagte eine tiefe Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich ängstlich um. „Ach, Herr Thaddäus, Sie sind es, wie bin ich überrascht!"
„Ja, ja, meine Kinder, ich bin e». Aber ich sehe, daß Ihr Euren alten Lehrer bald werdet entbehren können."
Die jungen Leute widersprachen lachend.
„Und nun genug des Lernens für heute. Es ist Vesperzeit. Hans, laß den Samowar bringen und sage Kazia, daß sie uns Erdbeeren, Sahne und Honig aufträgt."
Während des Sprechens hatte er den Inhalt seiner Jagdtasche in Binia» Schooß geleert: Eine Menge frischer Hasel« nüffe, die noch in ihrer grünen Blätterscheide steckten.
„Da, Kleine, da ist Arbeit für Dich "
In einem Augenblick war der Tisch gedeckt und da» junge Mädchen gebeten, dem Mahle Ehre anzuthun. Ach, diese reizende Vesper I Niemals in ihrem einfachen Leben hatte Binia einem solchen Feste beigewohnt.
Thaddäus behandelte sie wie einen besonders werthgeschätzten Gast. Sie bewunderte das hübschgemusterte roth- carirte Tischtuch, den glänzenden Samowar, den Berg scharlach« rother Erdbeeren, die in einer gemalten Porzellanschale aus- geschichtet waren, und verglich im Geiste die» Alles mit den
unordentlichen Mahlzeiten in ihrem Elternhause, der braunen, abgenutzten Wachsleinwand auf dem Tische, den ausgebrochenen Tellern und der groben, ungenirten Weise, wie Jeder mit seiner Gabel in die Schüssel langte. Diese absichtlich ländliche, aber zierliche Eleganz kam ihr wie ein entzückendes Märchen vor. Janek schien daran gewöhnt. Er hatte die milchweißen Nuß-erne mit dem goldigen Honig vermischt, dicke Sahne auf die Gebtrgserdbeeren gegossen und Zucker darüber gestreut und bereitete jetzt feine Butterschnitten von dem schönen Roggenbrod, das mit seiner rostggrauen Farbe eine Eigenthümlichkeit der Länder jenseits der Donau bildet.
(Fortsetzung folgt.)
Auf der Löivenjagd.
Em Jagdabenteuer in Südafrika. Nach dem Englischen von R. Wellenborn.
----— (Nachdruck verboten.)
Mehrere Wochen hatte ich im Lande der Betschuanen schon zugebracht, ohne daß mir auf meinen Jagd- und Streifzügen durch dieses afrikanische Dorado für Jäger irgend ein erheblicheres Abenteuer zugestoßen wäre. Namentlich war mir der König der Thiers noch nicht zu Schuß gekommen, kaum, daß er dann und wann sein Donnergebrüll in der Nähe meiner jeweiligen Lagerplatzes hatte ertönen lassen; wenn ich aber dann mit meinen Begleitern den aufgefundenen Löwenfährten beim ersten Morgensonnenstrahle nachging, so entschlüpfte uns regelmäßig das edle Wild, kaum, daß wir seiner manchmal ganz in der Ferne ansichtig wurden. Durch dieses Mißgeschick in meiner Hoffnung, aus dem Betschuanen-Lande ein oder sogar mehrere Löwenfelle meiner Sammlung von Jagdtrophäen einverleiben zu können, bedeutend herabgestimmt, zog ich an einem nebligen Junimorgen wiederum zur Jagd aus, und zwar wandte ich mich abermals einer Stelle zu, wo ich Tags zuvor eine sehr starke Gabelantilope geschossen hatte. In meiner Begleitung befanden sich zwei Hottentotten, Namen» Redboy und Makroff sowie ein Bakalahary-Neger, den ich wegen seine» unaussprechlichen wirklichen Namens kurzweg Charles nannte; alle drei waren außer mit langen Messern noch mit alten Gewehren bewaffnet, ich wußte aber schon au» Erfahrung, daß mir die eingeborenen Gentlemen im Ernstfälle schwerlich mit hingebender Tapferkeit und Ausdauer zur Seite stehen würden. Freilich waren sie auch weniger meine Jagd« geführten, als vielmehr meine Diener, die sich zum Aussuchen eines passenden Lagerplatzes zu den nothwsndigen Herrichtungen an demselben, zum Answaiden des erlegten Wilde» u. s. w. recht wohl eigneten.
Als der Schauplatz meiner Jagd vom vorangegangenen Tage, eins breite Savanne, in Sicht kam, bemerkten wir mehrere Schakale, die sich eilig davon machten, während eine Anzahl Geier träge in der Nähe hocken blieben Beim Herankommen stießen wir auf den schon fast ganz abgenagten Cadaver der von mir geschossenen Antilope, von welcher ich mir nur die Keulen mitgenommen hatte, der stattliche Rest war also den Schakalen und Geiern eine gefundene Mahlzeit gewesen. Nach etwa einstündigem Weiterritt erreichte unser Trupp eine etwas sumpfige Niederung, auf welcher ich, der ich meinen Begleitern eine Strecke voraus war, wieder eine Anzahl Schakale erblickte — vermuthlich waren es die vorigen — die in respectvoller Entfernung einen riesigen Löwen umstanden, welcher irgend ein Stück Wild zerriß. Die Thiere hatten von mir noch keine Witterung bekommen, da der Wind von ihrer Seite her wehte, und ich winkte daher, mein Pferd anhaltend, den drei Eingeborenen, daß ste stch rasch nähern möchten. Sie kamen auch bald herangaloppirt, aber als sie nun ebenfalls den „gelben Herrn" erschauten, da wollten sie plötzlich wieder umlenken, so sehr erschreckte sie die unvermuthete Nachbarschaft de» gewaltigen Raubthiere». Ich redete indessen den bemitleidenswerthen Jägern wenigstens soweit zu, daß sie holten blieben und sogar ihre Schußwaffen fertig machten, wa» allerdings kaum mehr als eine unschuldige Demonstration der braunen Herren bedeutete.


