Der folgende Tag war ein Sonntag. Bis jetzt hatte es der junge Mann soviel als möglich vermieden, im Forst- Hause mit Binia zusammenzutreffen; heute im Gegentheil hielt er sich beständig in der Nähe; aber das Mädchen erschien nicht. War bedeutete dies; sollte ihr ein Unglück zugestoßen sein? Dar würde er doch im Dorfe gehört haben. Freilich hätte er ja seinen Herrn fragen können; aber um Alles in der Welt hätte er sich nicht so schwach zeigen mögen. Die

Woche kam ihm sehr lang vor und als der nächste Sonntag wieder ohne Binias Anwesenheit verging, war er ernstlich beunruhigt.

Seit dem Tode seines Vaters hatte er wie seine Mutter die Messe in der Kirche von Dolina, wo Thymoftäus im Amt war, nicht mehr besucht, sondern sich daran gewöhnt, nach Z, einer kleinen benachbarten Stadt, zu gehen; aber an jenem Nachmittage nahm er sein Gebetbuch und machte sich allein auf den Weg zum Dorfe.

Der Gottesdienst hatte schon angefangen. Zum Erstaunen der Gemeinde bahnte er sich hastig einen Weg bis an die Thüren der Ikonostase. Zur linken Seite kniete die Popadia auf der Bank, breitspurig und auffallend in ihrem Sonntags, staat und umgeben von fünf ihrer Töchter. Binia war nicht hinter ihnen.

Jetzt hielt es Hans nicht länger aus. Er benutzte den Umstand, daß die ganze Familie in der Kirche war und wagte sich in das Pfarrhaus, um die Dienstboten zur Rede zu stellen.

Ist Panna Binia zu Hause?"

Ja, sie liegt im Bett."

Krank?"

Ja, sehr krank."

Was hat sie denn?"

Es thut ihr Aller weh. Sie hustet, fiebert und ist ganz roth."

Ist der Arzt dagewesen?"

Nein; der Wohlthäter sagt, es wäre nicht der Mühe werth, sie würde auch so wieder gesund werden. Sie hat sich neulich beim Durchwaten des Waffers erkältet."

Hans ging beunruhigt fort. Gewiffensbifls preßten ihm das Herz zusammen.

Wochen vergingen, ohne daß Binia ein Lebenszeichen von sich gab. Endlich, an einem Donnerstage, al» Janek ganz allein im Hause und damit beschäftigt war, sein Gewehr zu putzen, sah er plötzlich in der Thüröffnung ein kleines Gesicht erscheinen, das noch viel bleicher als gewöhnlich war und sich halb hinter einem großen Strauße rother Rosen verbarg.

Ich bin wieder gesund, Herr Thaddäus."

Aber bei Janeks Anblick wich sie erschrocken zurück. Er aber näherte sich schnell und erfaßte ihre Hand.

Sie sind sehr krank gewesen, Binia, und durch meine Schuld. Sie haben sich erkältet, weil Sie so lange nach bleiben mußten . . . können Sie mir verzeihen?"

Er sah so betrübt aus bei diesen Worten und so ganz ander», al» sie ihn bisher gekannt hatte, daß ihr Herz davon gerührt war.

Sind Sie mir nicht böse?" fuhr er mit leiser Stimme fort.

Ach nein, sie dachte gar nicht mehr daran. Böse sein auf Jemand, hören, daß sie um Verzeihung gebeten wurde, das war Alles so neu für sie I Wer kümmerte sich denn jemals um das, was sie dachte oder litt?

Als mir bei Ihnen zu Hause gesagt wurde, daß Sie krank wären ..."

Sie sind bei uns gewesen?" Sie wurde feuerroth. Das wußte ich nicht ..."

Ja, an einem Sonntage während der Messe. Da ich Sie nicht in der Kirche sah, kam mir der Gedanke, mich nach Ihnen zu erkundigen ..."

Ja, ich erinnere mich, daß mir etwa» Derartige» ge« sagt wurde; aber ich glaubte, e» wäre Herr Thaddäu» ge< wesen." Dann hob sie ihre feuchtschimmernden, dankbaren Augen empor und sagte:Sie sind so gut, Herr Hans!"

Er runzelte die Brauen.Warum nennen Sie mich Herr? Ich bin kein Herr; ich heiße Hans Han» ganz kurz."

Und er lachte gezwungen. Sie ahnte, was in seinem Innern vorging, und senkte verwirrt den Kopf wie eine SüN' beritt. .

Ein unbehagliches Schweigen lastete auf ihnen, währen, sie, ohne zu sprechen, gegenseitig ihre Gedanken erriethen;

unangenehm, den Popen mit den Seinigen in einer gewisser­maßen gefährlichen Lage zu sehen.

Aber wie nun der Priester hartnäckig am Ufer verharrte und seine Tochter nur durch Zurufe zu ermuthigen suchte, hielt e» ihn nicht länger; eine solche Kaltblütigkeit, ein so schreiender Egoismus brachten das lebhafte Blut in seinen Adern in Wallung.

Schnell legte er seine Flinte bei Seite und war mit wenigen Sprüngen neben dem jungen Mädchen. Es war Zeit, denn sie wankte schon. Er nahm sie leicht in seine Arme und schickte sich an, den Strom zu durchschreiten, um sie neben ihrem Vater niederzusetzen, al» ihm plötzlich ein anderer Ge­danke kam, so daß er schnell umdrehte. Erschien ihm der Uebergang wirklich gefährlich oder wollte er nur dem Priester einen Streich spielen? Jedenfalls kehrte er mit seiner Bürde dahin zurück, von wo er gekommen war.

Der Pope schien einen Augenblick verdutzt, fand sich dann aber schnell in die Lage. Er zuck-e einfach mit den Achseln und ohne sich bei Hans zu bedanken, rief er seiner Tochter zu, beide Hände wie ein Sprachrohr vor den Mund haltend: Mach' den Umweg über die Brücke, Binia, dabei wirst Du trocken werden!"

Aber die arme Kleine war wohl zu verwirrt, um die Worte ihres Vaters zu verstehen. Ganz erschöpft ließ sie ihren Kopf auf die Schulter ihres Retters sinken. Als sie die Augen öffnete und Han» erkannte, überfluthete ein brennen­de» Roth ihr blasses Gesicht und da sie nicht wußte, wie ihre Dankbarkeit auszudrücken, preßte sie demüthig ihre Lippen auf die rauhe, nasse Hand des jungen Försters, der bei dieser unerwarteten Berührung beschämt erröthete-

Als er den Kopf hob, bemerkte er einige Schritte davon zwischen den Wasserpflanzen an einem kleinen Tümpel, au» dem eine Quelle hervorsprudelte, seine Großmutter, die ihn vornübergeneigt mit höhnischem Lächeln betrachtete.

Ein schöner Fisch, den Du da gefangen hast, Janek! Hast Du den Kopf verloren? Das große Unglück, wenn sie ertrunken wäre, die Tochter dieses Hunde»! . . . Sag' ihr doch, daß sie näher kommt, damit ich sie betrachte; seit langer Zeit möchte ich gern wissen, wie die Jungen dieses Fuchses aussehen!"

Wüthend darüber, daß er bei seiner großmüthigen Hilfe­leistung überrascht worden war, richtete Janek seinen ganzen Zorn jetzt auf sie, die eigentlich die Ursache zu dieser Be­schämung war.

Auf was warten Sie denn noch?" fragte er das er­schrockene Mädchen in barschem Tone.Ihr Vater hat Ihnen doch befohlen, den Umweg über die Brücke zu machen, damit Sie dabei trocken werden!"

Langsam senkte sie den Kopf, hob ihre strömenden Röcke, die ihr am Körper festhingen, und ging, ohne ein Wort zu sagen, immer gerade vor sich hin, von den Verwünschungen der alten Frau begleitet.

Aber ein Fluch Janek» schnitt der Großmutter da» Wort ab.Ich verbiete Euch, die Kleine zu beschimpfen!" sagte er kurz.

Erstaunt über den ungewohnten Ton nahm sie schnell die gepflückten Kräuter zusammen und that einige Schritte rückwärts. Er sprach ja, als ob er der Herr wäre, dieser Han»! Und war er es nicht thatsächlich? Erwarb er nicht seit langer Zeit das Nöthige zum Leben für Alle im Hause? Unverständliche Worte murmelnd, schlich sich die Alte durch die Büsche und verschwand im Walde.