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Auch nach dem Elternhause eilten die Gedanken. Sie hörte wenig von dort, Therese liebte dar Briefschreiben nicht und der Vater war während der Winters viel leidend gewesen. Auf einer Bank niedersitzend, breitete sie unwillkürlich die Arme sehnend und verlangend gen Norden aus und gewahrte kaum, daß ihr eins kleine Blumenverkäuferin ein Sträußchen in den Schooß warf. Sie preßte erfreut den Blumengruß an sich; die Märzveilchen und die im Freien erblühten Marfchall-Nielrofen dufteten wirklich frisch wie Schöpfungsodem. Dann winkte sie das kraushaarige, dunkeläugige Kind heran und ließ sich von ihm vorplaudern - von der Mutter, welche daheim Kastanien röste, von dem Bruder, der die Ziegen hüte, und von der Madonna, welche ihr im Schlafe erschienen sei und eine Korallenkette versprochen habe.
In diesem Augenblicke trat eine mittelgroße, geschmeidige Männergestalt an Dora heran, etwas lauernd und tief den Hut ziehend: es war Marchese Picci.
Dora erwiderte den Gruß nur leicht und überlegte, ob sie ihren Pfad zum Strande fortsetzen oder umkehren solle. Im ersteren Falle würde der Marchese unfehlbar ihr Begleiter bleiben. Aber es war besser, solcher Gefahr zu trotzen. Vielleicht gelang es ihr auch durch Marchese Picci, den Gatten von seinem Ausfluge nach San Carlo abzuhalten. Sie nahm darum den dargebotenen Arm und ließ sich den Olivenpfad entlang führen.
Marchese Picci gab nicht nur viel Geld aus und war jederzeit nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, sondern verstand es auch, moderne Conversation zu machen. Geschwätzig berichtete er von dem gestrigen Rennen, in welchem Italien durch „Garibaldi" England in Vertretung von Lord Wyndhams „Königin Mab" geschlagen habe. Dann folgten ein paar pikante Klatschgeschichten, die gerade die müßiggängerische Bevölkerung der Fremdencolonie in Nizza beschäftigten ; zuletzt erwähnte er auch den beabsichtigten Ausflug zu den Spielsälen Monaco».
Hier griff Dora kurz entschlossen in seine Rede ein, indem sie ihn bat, den Ausflug aufzugeben.
„Madame haben nur zu befehlen," sagte er im geläufigsten Französisch. „Ich bin hochentzückt, in Madames Gesell- schäft bleiben zu dürfen, anstatt mit Monsieur le baron nach Monaco gehen zu müssen — wirklich hochentzückt l"
„Mein Herr, was denken Sie?" fiel Dora empört ein, indem sie den Arm freigab, „Monsieur, mein Gatte, wird meine einzige Gesellschaft sein oder ich werde allein bleiben."
„Quelle betise! Pardon! Aber — Madame ist ganz anders, als, als--Ja, Madame ist sehr streng!" seufzte
ihr Cavalier.
Doras Blick war unwillkürlich auf das offene Meer hinausgeschweift, auf dem sich in blauer Ferne sehnsuchtweckend die leichten Rauchwölkchen der Dampfschiffe kräuselten, während an der Küste weiße Segelboote stolz und leise rote Schwäne auf der azurnen Fläche dahinglitten. Sonnendurchfunkelte, südlich-farbenprächtige Gewässer brachen sich sterbend als Wellen am Lande wie wesenlose Schaumseelen, die ihr Werk vollendet haben.
Dora liebte das Meer leidenschaftlich und empfand plötzlich Lust zu einer Bootfahrt am Nachmittag. Dazu waren Segelbootfahrten dem Gatten ärztlich verordnet. Auch würde eine Verabredung ihrerseits mit Marchese Picci den Gatten vermuthlich vom Spieltisch zurückhalten, denn er ging nicht gern ohne den Italiener, der ihm bei größeren Spielverlusten schon häufig seine Börse zur Verfügung gestellt hatte.
Darum sagte sie: „Wollen Sie unser Gefährte sein bei einer Bootfahrt am Nachmittag, Marchese Picci? Ich möchte hinaus."
„O, Madame! — Mit Ihnen? Herrlich I"
Dora ignorirte das Wort in dem Bestreben, die Sachs zu Stande zu bringen, nur um den Gatten vor Schlimmerem zu bewahren, und sagte fast entgegenkommend: „Gut, dann suchen Sie Monsieur auf, Marchese Picci — er ist auf seinem Zimmer. Verabreden Sie die Partie. Und gehen Sie
gleich," setzte sie eifrig hinzu in der Hoffnung, den lästigen Begleiter endlich los zu werden.
Der Marchese war auch sogleich bereit und griff nur nach ihrer Hand, um einen Kuß darauf zu drücken, fast anbetend wie auf den Kleidersaum der Madonna.
XIII.
Nördlich von Nizza liegt eine schon baufällige Villa, die, einst von Reichthum und Vornehmheit erbaut, im Laufe der Zeit wie manchs anders in bett Besitz von Industrie und Gewerbe übergegangen ist.
Die Scheiben der imponirenden Fenster sind staubblind und stellenweise zertrümmert und durch die Oeffnungen gewahrt man das Haspeln und Spulen einer Seidenweberei.
Im Parterregeschoß sind einzelne Zimmer zu vsrmtethen an Unbemittelte, die ihre Verpflegung in der Hauptsache selbst besorgen, weil ihnen die Hotels und Pensionen zu theuer sind: Lehrer, kleinere, in der Tretmühle des Lebens krank- und wundgeschundene Beamte und brustschwache Erzieherinnen finden daselbst ein einsames, aber durch bett Fabrikbetrieb keinesfalls stilles Heim. Auch fließt es hier und da einen Künstler, entweder einen unbsrühmtsn ober einen Naturalisten unb Philosophen. . ,
So hatte auch Maler Wahllänber hier Unterkunft ge- funbsn, indem er ein größeres, zum Atelier eingerichtetes Zimmer nebst Cabinst fein eigen nannte. Des gleichmäßigen Lichtes wegen war es nach Norden gelegen.
Die Thür zum Balkon geöffnet, faß er an der Staffelei und hielt die Palette in der Hand. Dis zartesten Farbentöne waren daselbst aufgetragen. Das Bild dort war das Portrait der Bäronin Mülverstedt. Es war längst vollendet für Andere, nur der Künstler selbst hatte sich immer noch nicht genug gethan und verbesserte noch fortwährend. Er war lange über dis beste Auffassung feines Vorwurfs mit sich zu Rathe gegangen, glaubte aber nur im Allgemeinen das Richtige getroffen zu haben. Das Bild Doras war nur zur Hälfte Portrait, auch das Genre hatte feinen Antheil daran. Die junge Frau stand, rosig wie die Morgenröthe, im einfachsten weißen Kleide in einem südlich-üppigen, mit marmornen Kunst- denkmälern geschmückten Garten und hielt eine einzige voll- erblühte Rose in der Hand. Darunter standen dis Worte:
„Sie hundertblätt'rige im grünen Moose Bleibt ewig doch das Bild der Rose!"
Ein Klopfen an der Thüre versprach Besuch: Baron Mülverstedt mit Dora trat ein. Er hatte das Bild seiner Gattin bald nach seiner Ankunft in Nizza bestellt, aber bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, es in Augenschein zu nehmen.
Er verbarg sein Entzücken nicht; da» Bild mußte Sensation machen. Zwar war Dora» Liebreiz anerkannt und bildete längst einen interessanten Gesprächsstoff der gelangweilten, vornehmen Nizzaer Kreise. Doch mußte däS Bild das Interesse an ihrer Persönlichkeit noch erhöhen, was der Eitelkeit Mülverstedts schmeichelte. Seit sie seinen Namen trug, sah er sie als sein Geschöpf an und hielt sie verpflichtet, ihm die „großen Opfer zu vergelten", die er ihr gebracht hatte. Und aus diesem Grunde vor Allem kam er auch dem Wunsche de» alten Malers, das Bild auszustellen, enthusiastisch entgegen, obgleich Dora demselben abgeneigt war.
„Närrchen Du!" tadelte er sie halb scherzhaft, halb ernst. „Du müßtest stolz darauf sein, daß Du öffentlich bewundert werden wirst."
„O, nein! Das Bild — es ist für Dich bestimmt, Arthur! Für Dich allein," wies Dora bittend ab.
„Unsinn! Ich bin großmüthig, mein Glück mit Allen zu theilen, welche guten Geschmack besitzen. Vielleicht verliebt sich noch irgend ein englischer Nabob in Dich, wie ich einst vor — wie lange ist'», daß wir miteinander Bekanntschaft gemacht haben? Wahrhaftig schon fünf Jahre!"
Dora schwieg, innerlich tief verletzt.
(Fortsetzung folgt.)


