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Doras verschwenderische Geburtstagrbescheerung noch immer nicht vergessen. Und nun war ihr die verhetrathete Frau sogar bei dem vornehmen, adligen Cavalier in den Weg gekommen, auf den sie doch ganz andere Rechte besaß. So etwas verdiente durchaus an's Licht gezogen und von der Meinung aller Gutgesinnten gebührend verurtheilt zu werden. Und dis Folgen waren keineswegs ausgebliebsn.
Noch in demselben Jahre sah sich Mülverstedt veranlaßt, den Abschied zu nehmen. . . . Man war darauf nach Berlin gegangen und hatte sich ein Jahr lang gut gefallen, bis sich Mülverstedts nervöse Reizbarkeit bis zu krankhaften Erscheinungen zu steigern begann. Da war man auf Reisen gegangen, weil ein Aufenthalt in Mülverstedt ausgeschlossen «ar. Ruhe und mildes Klima hatten auch wohlthätig eingewirkt, wenigstens vorübergehend. Denn ein heftiges Temperament, angeborene Leidenschaftlichkeit, Selbstsucht und Verwöhnung gaben den nervösen Krankheitszuständen leider immer wieder Nahrung.
„Welcher Duft!" athmete Maler Wahlländer auf, indem er den grauen, aber noch dicht behaarten Kopf nach der Gartenseite kehrte, woher die Wohlgerüche drangen. „Der Duft ist so jung und frisch wie am ersten Schöpsungsmorgen. Athmen Sie einmal ordentlich auf, meine Herrschaften."
Dora ließ die Elfenarbeit, an der die schlanken weißen Finger in fast nervöser Hast schafften, in den Schooß finken und sog lächelnd den Blumenduft ein.
Mülverstedt hingegen nahm die Cigarre erst aus dem Munde, als er frug: „Apropos, Wahlländer, wie weit ist das Bild meiner Frau gediehen? Ich hörte lange nichts davon."
„Ich erlaubte mir bereits verschiedentlich, Herrn Baron zu einer Besichtigung einzuladen," erwiderte der alte Maler. „Leider bis jetzt vergebens —"
„Pardon, aber ich fand keine Zeit. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Werk?" frug Mülverstedt.
„Wie man's nehmen will. Ich sehe es als ein besonderer Glück an, Züge und Gestalt der Frau Baronin auf der Leinwand festhalten zu dürfen und bin dem Schicksal aufrichtig dankbar für unsere Begegnung. Ich glaube auch kaum, daß ich ohne grauen Kopf die Aufgabe besser gelöst haben würde. Mein Herz ist jung geblieben," lächelte er schalkhaft nach Dora hinüber. „Dennoch —"
„Nun? Weiter, heraus mit der Beichte, Sie alter Schwerenöther," drängte Mülverstedt frivol.
„Dennoch scheint mir mein Werk nur halb gelungen. Ich habe zuweilen hier in Italien das Weib aus dem Volke genommen und dreist eine Königin daraus geschaffen; der italienische Schönheitstypus ermöglicht solches. Das Bild der Frau Baronin hat mir größere Schwierigkeiten bereitet. Das Charaeteristische ist in diesem Falle Anmuth, diejenige Schönheit, welche man zu lieben sich gedrungen fühlt. Und diese bleibt der höchste und schwerste Vorwurf der Kunst. Aus diesem Grunde habe ich mir auf meine eigene Weise geholfen. Nun, die Herrschaften werden ja sehen. Im Augenblicke möchte ich mich empfehlen, um mein Bad zu nehmen. Also, auf Wiedersehen!"
Der kleine, unschöne, alternde Maler ging und ließ das Ehepaar allein.
Dora blickte ihm fast bedauernd nach; der gegenseitige Verkehr hatte entschieden zu den größten Annehmlichkeiten des Winters gehört. Er zerstreute und erheiterte den Gatten und bot auch Dora Mancherlei. Frische des Geistes und Herzensgüte machten Wahlländer nicht nur zu einem liebenswürdigen Gesellschafter, sondern auch zu einem aufrichtigen Freunde. Bald nach der ersten Bekanntschaft hatte er erkannt, daß Dora unter den wechselnden Stimmungen des Gatten litt, denen sie im Uebermaß ihres Liebesgefühls waffenlos gegenüberstand, selbst wenn sie in Launen ausarteten.
Mülverstedt streckte sich bequem im Schaukelstuhl aus und schloß einen Augenblick die Augen. Als er sie öffnete, hatte der Kellner die angekommenen Postsachen vor seinem Platze niedergelegt.
„Nachrichten aus der Heimath — herrlich!" sagte Dora electristrt.
„Wer weiß, was es wieder fein wird," entgegnete Mülverstedt verdrießlich. „Der Jnspsctor in Mülverstedt versteht es vortrefflich, mich mit Unannehmlichkeiten zu chicaniren. Es ist haarsträubend, daß wir gezwungen sind, fern zu bleiben. Wozu Habs ich nun meine Jagd geschont? Damit Andere meine Hasen schießen! Nun, was giebt's?" brach er den ersten Brief auf. „Richtig, wieder allerlei Ansprüche und Verlangen: Ein paar neue landwirthschaftliche Maschinen und die Nothwenbigkeit eines Neubaues. Der Kerl ist unersättlich! — Donnerwetter, zum Schluß noch eins Neuigkeit, die — Dich angeht . . ."
„Mich? - Nun?"
„Wülpern hat sich verlobt."
„Meta?" frug Dora als einzige Erwiderung.
„Freilich Meta, Cousine Meta, Du — ahnungsvoller Engel," lachte Mülverstedt. „Bist Du eifersüchtig r
„Was redest Du, Arthur!" wie» Dora verletzt ab. „Zuweilen vermag ich Dich gar nicht zu verstehen 1 Zweifelst Du, daß ich Freude empfinde, ihn glücklich zu wissen? Er wird, muß glücklich werden an Metas Seite; fie ist edel und gut und liebt ihn. ... Ich fühle mich plötzlich von aller Schuld befreit. . ."
„Immer noch diese Sentimentalität, die hier in Italien am wenigsten verstanden wird. . . . Apropos, ich versprach Marchese Picci nach San Carlo zu begleiten; vor morgen Mittag erwarte mich nicht zurück."
Dora hatte einen Augenblick erschrocken aufgesehen und saß eine ganze Weile stumm und regungslos. Sie schien ihre Worte und Handlungsweise genau überlegen zu wollen. Diese Ausflüge nach San Carlo — nichts auf der Welt haßte fie gleich ihnen! Nicht allein, daß der Gatte gewöhnlich mit geleerter Börse heimkehrte, auch seine Reizbarkeit ward immer durch sie vermehrt. Die Aufregungen des Spieles erwiesen sich jederzeit schädlich für seine Gesundheit.
Und dieser Marchese Picci, den sie haßte, weil er sie aus Schritt und Tritt verfolgte, trotzdem sie ihm ihren Abscheu nicht verbarg! Instinktiv empfand sie, daß er sich an den Gatten herandränge, um zu ihr zu gelangen. Durch Erfahrung belehrt, wußte sie aber auch, daß offener Widerspruch den Gatten nur reizen werde. Besser, sie versuchte ihn abzulenken durch allerlei kleine, unschuldige Listen und sie müßte keine Evatochter gewesen sein, wenn der Erfolg ganz ausgeblieben wäre — bis ein abermaliger Einblick in den Brief des In- spectors den Gatten dennoch wieder umstimmte.
„Red', was Du willst, Du wirst mich nicht zurückhalten!" sagte er endlich ärgerlich. „Auch das Pech hat ein Ende. Weil ich zuweilen Verluste gehabt habe, soll ich mein Glück überhaupt nicht wieder probiren? Unsinn! Ueberleg' Dir selbst! Das würde eine ähnliche Thorheit sein wie die, kein Feuer mehr im Hause anzünden zu wollen, weil es einmal darin gebrannt hatte. . . . Verzeih', ich habe Briefe zu schreiben und muß das Zimmer aufsuchen."
Er ging und ließ Dora in ernsten Gedanken zurück.
Ganz allmälig war ihr das Sinnen und Grübeln angekommen, so wenig sie früher davon gewußt hatte. Ehemals hatte sie heiter in den Tag hineingelebt und Andere für sich sorgen lassen, jetzt gab e» immer etwa« sorgenvoll zu bedenken für sich oder den Gatten.
Sie nahm Hut und Tuch, um einen einsamen Spaziergang zu machen und schlug einen von Olivenbäumen eingefaßten Richtweg ein, der direct von der Casa Forti nach dem Strande führte. Unwillkürlich vergegenwärtigte sie sich im Gehen die Situation in Almenhausen. Meta würde sein wie die Amtsräthin, hochbeglückt. Und Wülpern? Ob er sie vergessen hatte? Nein, nein, sie wußte, daß sich die Liebe zu ihr gleich Blutadern durch sein ganzes Sein schlang trotz Allem, war geschehen war. Aber auch Cousine Meta hatte er immer geliebt und diese Liebe erschien Dora so natürlich, paffend und normal — ja, er mußte glücklich durch sie werden 1


