Ausgabe 
30.5.1896
 
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Gesühnt?

Novelle von Zoö von Reuß.

(Fortsetzung.)

Ich habe darum im Gebirge Quartier bestellt," fuhr Mülverstedt nach kurzer Pause fort.Dort können wir uns allein angehören, was bis jetzt in Anbetracht der erschweren­den Verhältnisse noch kaum geschehen ist. Unser Brautstand mußte als Geheimniß betrachtet werden der Welt gegenüber. Nun dürfen wir die Liebe nachholen."

O, Arthur!"

Ich glaube, nur dem wohlgewahrten Geheimniß habe ich e» zu danken, daß mir der Regimentseommandeur keine Schwierigkeit bei Erlangung des Heirathrconsenses gemacht hat. Aufrichtig gesagt, möchte ich gern noch einige Jahre weiterdienen. Nun, Du wirst die entzückendste Regimentsdame werden. Vielleicht sind mir ein paar Duelle gewiß--"

Dora verstand den Scherz kaum, wenigstens lächelte sie

nicht.

Damit Du aber siehst, wie mir Dein Glück und Deine Ruhe am Herzen liegen, lies diesen Brief Deines Vaters. Ich habe an ihn geschrieben und um seinen Segen gebeten für Dich und mich."

Und der Vater?" rief Dora hocherfreut und angstvoll zugleich-

Lies selbst."

Dora las mit stummer Andacht die schlichten väterlichen Worte de» Rendanten, in denen er dem Brautpaare alles Gute für den Lebensweg wünschte und ihm seinen Segen nicht vorenthielt. Freilich war nur allzu deutlich zwischen den Zeilen zu lesen, welchen Kampf es ihm kostete, mit den That- fachen zu rechnen. Daneben sprach aber auch aus jeder Zeile, jedem Wort dis alte, gemüthvolle Zärtlichkeit zuDorachen" und konnte der Inhalt nicht anders, als das beklommene Herz

der Tochter erleichtern.

Wie soll ich Dir danken für das, was Du gethan hast, Arthur I" sagte Dora beglückt-Diesmal hast Du mich ganz verstanden."

Da» Weitere ward abgeschnitten durch die Meldung de»

Dieners, daß der Wagen warte. Noch ein einziger dankbarer Blick Doras aus den thränenerfüllten Blauaugen, die jetzt in Wahrheit den Blaublümlein glichen, den Blaubümlein, wenn die Bachwelle darüber hinweg zittert, und sie legte ihren Arm vertrauensvoll in den Mülverstedts, um sich zur Trauung fahren zu laffen.

XII.

Wieder sind drei Jahre dahingeschwunden.

Die Casa Forti in Nizza steht etwas abseits vom Haupt­fremdenverkehr, ist aber vollständig entschädigt dafür durch den herrlichen, sie umgebenden Garten mit seinen ehrwürdigen Pinien, trauernden Cypressen und lockenden Feigen. Dazu ist der ebenmäßige graue Würfel de» Hauses von Agaven und blühendem Oleander umwuchert.

Auf der Terrasse sind verschiedene kleine Frühstückstische gedeckt sauberer und appetitlicher al» vielfach anderswo. Denn der Wirth der Casa Forti ist ein Norddeutscher, ein Westfale, der vor Jahren hier hängen geblieben ist und sein Unternehmen in deutscher Weise leitet. Die Einrichtung des Hauses entbehrt nicht wirklicher Behaglichkeit und der Mittags­tisch ist vielleicht weniger fein zusammengesetzt, aber kräftig und nährend. Und zum Abendbrod giebt es sogar echten Pumpernickel. Was Wunder, daß sich Herrn Starks Lands­leute wohl bei ihm sühlten und seine Zimmer während de» ganzen Jahre» besetzt waren.

An einem mit feinem Bielefelder Leinendamast bedeckten Frühstückstisch saßen zwei Herren und eine Dame: Baron Mülverstedt, wie er hier hieß, Dora und ein deutscher Maler, der den Hauptverkehr des Ehepaares bildete-

Mülverstedt war im Herbst gekommen und hatte haupt­sächlich au» Gesundheitsrücksichten den Winter hier verbracht. Die drei Jahre hatten trotz ihres vollen Liebesglücks Mancherlei gebracht, was überwunden werden mußte. Sechs Monate war Dora die bewunderte, angebeteteRegiments­dame" gewesen, dann war durch Herrn von Horsten und dessen Frau, welche die Gutsnachbarn von Mülverstedt und Almen­hausen waren und gleichzeitig mancherlei Verbindung im Re­giment besaßen, die Geschichte von Doras Scheidung mit all' ihren näheren Umständen bekannt geworden, nicht wie sie sich zugetragen hatte, sondern al» passendes Kapitel zur chronique scandaleuse. Denn Fräulein Thekla von Horsten konnte