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jugendlichen Elastizität des kräftigen Manne» doch noch nichts anzuhaben vermocht.
Guten Muthes zäumte er seinen lustig wiehernden Mustang auf und schwang sich in den Sattel. Mit den Aufregungen des gestrigen Tages war feine Unbesonnenheit ja nun hinlänglich gebüßt und das Schicksal konnte nicht die Grausamkeit begehen, die beängstigende Reiterei zu fürchterlichem Ernst werden zu lassen. „ , •
Zwar ging er lange mit sich zu Rathe, ehe er eine bestimmte Richtung nähm, aber er verhehlte sich doch schließlich nicht, daß er kaum darauf hoffen durfte, die rechte getroffen zu haben.
Er kam an verschiedenen Inseln vorüber, die ganz aus den prächtigsten Pflaumen- und Psirfichbäumen bestanden und zwei Monate später würde er hier Gelegenheit genug gehabt haben, seinen Hunger zu stillen. Jetzt aber begannen sich kaum erst die jungen Früchte zu bilden und der Anblick der kleinen grünen Knollen trug nur dazu bei, die nagende Pein in seinem Innern zu verschärfen.
Der Morgen war vergangen und die Sonne stand in ihrer Mittagshöhe an dem wolkenlosen Himmel.
In den Eingeweiden des Reiter« brannte es jetzt wie ein verzehrendes Feuer und fürchterlicher noch als der Hunger, den er zeitweilig mit einer Cigarre zum Schweigen brachte, folterte ihn der Durst, gegen den er sich auch durch tns Kauen von Grashalmen nicht mehr wie gestern Linderung zu schaffen vermochte.
Zwar traten seltsamer Weise dazwischen immer wieder Pausen ein, wo er weder Hunger noch Durst empfand, aber diese Pausen waren fast beängstigender als die voraufgegangenen Qualen; denn sie glichen halben Ohnmächten, während deren allerlei unbestimmte entsetzliche Traumbilder seinen Geist erfüllten und feine körperliche Kräfte soweit nach- ließen, daß er wie ein Betrunkener im Sattel hing.
Das schreckliche Gefühl der Verlassenheit, mit dem er dann jedesmal aus solcher Betäubung erwachte, brachte ihn fast dem Wahnsinn nahe und er hielt dann erst Viertelstunden lang seinen Mustang an, um mit schmerzenden Augen in den unabsehbaren Ocean von Gräsern und Blumen hinauszustieren, der ihm jetzt nur noch wie ein ungeheurer, grausenerregender Friedhof erschien.
Wenn er nur eine Flinte gehabt hätte! Er sah in weniger als Schußweite Wild genug, daß ein ganzes Bataillon Soldaten sich daran hätte sättigen können. Rudelweise traten die Hirsche aus deu Inseln hervor, sahen ihn mit ihren großen Augen so ruhig und furchtlos an, al» wüßten sie, daß von diesem unglücklichen Reiter nichts zu besorgen sei und ergriffen oft erst die Flucht, wenn er ihnen bis auf kaum hundert Schritte nahe gekommen war.
Eben hatte sich Fred wieder mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft aus einer jener gefährlichen, jetzt in immer kürzeren Zwischenräumen wiederkehrenden Betäubungen los- gerissen, als er eine Entdeckung machte, die ihn laut aufschluchzen ließ in überschwänglicher Freude.
Unmittelbar vor sich hatte er im Grase Spuren bemerkt, die seine schon ersterbenden Lebensgeister urplötzlich neu belebten, denn es waren die Spuren eines einzelnen Pferdes, und da die frei herumlaufenden Mustangs niemals allein, sondern immer nur in Heerden die Prairie durchstreifen, konnte er sich nicht darüber im Zweifel befinden, daß es die Spuren eines Reiters feien.
Run war feine Errettung gewiß; denn dieser Reiter mußte sich irgendwohin begeben haben und er brauchte nur die deutlich erkennbare Spur, die obendrein noch ganz frisch sein mußte, zu verfolgen, um gleich ihm an eine menschliche Niederlassung zu gelangen.
So spornte er denn sein Pferd und ritt dahin, als seien mit einem Male alle Qualen und alle Müdigkeit von ihm genommen. Es entmuthigte ihn auch nicht, daß ein paar weitere Stunden vergingen, ohne daß er des Reiters oder der Ansiedelung, die ihn ausgenommen, ansichtig wurde. Und wenn sich zuletzt unter dem Druck seines schlechten körperlichen
Zustandes doch auf's Neue gewisse bange Zweifel einstellen wollten, so verschwanden sie wieder, als er neben der ersten Spur, unmittelbar neben ihr herlaufend, noch eine zweite gewahrte.
Nicht» hätte seine Zuversicht auf baldige Erlösung nachhaltiger stärken können al» diese Wahrnehmung. Wenn zwei Reiter hier in der endlosen Prairie zusammengetroffen waren, um demselben Ziele zuzustreben, so konnte die» Ziel nur eins Ortschaft oder doch eine menschliche Wohnung gewesen sein. Er würde also diese zweite Nacht sicherlich nicht abermals hungrig und durstig unter dem Sternenhimmel zubringen müssen.
Aber die Dunkelheit war freilich nicht mehr fern und es galt deshalb, die letzten Kräfte- die Pferd und Reiter noch daran setzen konnten, zu einem scharfen Ritt zusammen zu nehmen. Es war ein Ritt um das Leben, dessen mußte Fred wohl mehr und mehr inne werden, denn seine Widerstandsfähigkeit begann nachgerade auf eine sehr bedenkliche Art zu ermatten. „
Das krebsartige Nagen in den Eingeweiden machte sich heftiger fühlbar; er spürte einen unsäglich widerwärtigen, fauligen Geschmack im Munde, während sein Körper abwechselnd von brennender Hitze verzehrt oder von eisiger Kälte geschüttelt wurde; in seinen Ohren brauste es und der Zaum des Pferdes lag ihm wie eins schwere Last zwischen den Fingern. Zuweilen wurde e» ihm dunkel vor den Augen und er mußte wie ein Verzweifelter gegen die Ohnmachtsanwandlungen kämpfen, die sich immer häufiger einstellten. Trotzdem gelang es ihm noch, sich im Sattel zu halten.
Er ritt und ritt, bis er mit einem Mal neben den beiden Pferdefpuren deutlich noch eine dritte gewahrte, die in ihrem weiteren Verlaufe ebenfalls hart neben ihnen blieb; die Entdeckung war so merkwürdig und sein Geist war durch die übermenschlichen Strapazen so geschwächt, daß er kaum noch wußte, ob er sich darüber freuen sollte.
Das Eine nur fühlte er, daß er mit seinen Kräften zu Ende war und daß er es für heute aufgeben mußte, die Fährte noch weiter zu verfolgen. Auch wenn ihn nicht die rasch zunehmende Dunkelheit in Gefahr gebracht hätte, sie zu verlieren, würde er vielleicht in einem neuen Ohnmachtsanfall aus dem Sattel geglitten fein und der Verlust seines Pferde« war für ihn natürlich gleichbedeutend mit einer sicheren Ver- urtheilung zu dem gräßlichen Tode des Verschmachtens.
Er stieg also ab, sicherte seinen Mustang wie in der verflossenen Nacht und warf sich nieder. Rauchen konnte er nicht mehr; aber, was ungleich schrecklicher war, er konnte auch nicht mehr schlafen. Wenn sich wirklich einmal für dis Dauer einiger Minuten ein leichter Schlummer aus seine Lider senkte, so führ er doch gleich darauf in jähem krampstgen Zusammenschrecken wieder empor und er verlebte in diesem entsetzlichen Zustands eine Nacht, die ihn im eigentlichsten Sinne des Wortes dem Wahnsinn nahe brachte.
Kaum war die Morgendämmerung angebrochen, als er sich wieder aufraffte. Aber es währte lange, bis er sein Pferd gerüstet hatte. Den Sattel, den er sonst mit zwei Fingern auf den Rücken de» Mustang geworfen hatte, konnte er jetzt kaum mit Aufbietung aller Muskelkräfte an seinen Platz bringen und es wurde ihm wiederholt schwarz vor den Augen, während er sich bemühte, den Gurt zu befestigen.
Mit unsäglicher Anstrengung stieg er aus, um den drei Reiterspuren, seiner einzigen Hoffnung, so rasch zu folgen, al» e» ihm und dem Thiere eben noch möglich war.
Denn auch das Pferd war durch den furchtbaren acht- undvierzigstündigen Ritt nahezu völlig erschöpft und wenn es auch, glücklicher als fein Herr, den Hunger nach Belieben hatte stillen können, so litt es doch unverkennbar unter den Qualen des Durstes nicht weniger al» er. Unterdessen war die Schwäche de» Thiere» für Fred jetzt gerade ein Glück zu nennen; denn wenn es noch frisch und munter gewesen wäre wie beim Beginn des verhängnißvollen Ausfluges, würde es ihn unfehlbar mit dem ersten Seitensprung aus dem Sattel gehoben haben. (Fortsetzung folgt.)


