Ausgabe 
30.4.1896
 
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zweifeln, daß er sich wirklich verirrt habe, daß er sich jetzt in ganz neuen, fremden Regionen befinde.

Und eine Fluth von düsteren Vorstellungen brach zugleich mit dieser Erkenntniß über ihn herein.

Alles, was er jemals von Verirrten, Verlorengegangenen gehört und gelesen, tauchte plötzlich in den grausigsten Bildern vor seiner Seele auf. Er dachte an die angstvollen Bitten der Negers und an Mays spöttische Warnung diese War­nung, die mit ihrem offenkundigen schneidenden Hohn nur dazu bestimmt gewesen schien, ihn in sein Verderben zu

Ein Gefühl namenloser Bitterkeit und tiefer Entmutigung nahm für eine Weile ganz von ihm Besitz.

Aber der mächtige Lebensdrang seiner jugendkrästigen und von Haus aus furchtlosen Natur siegte doch bald wieder über diese Anwandlung von Niedergeschlagenheit und Schwäche.

Wenn er selber die Pflanzung auch nicht wiederfinden würde, konnte er sich doch in diesen wenigen Stunden unmög­lich so weit verirrt haben, daß nicht Burnet oder einer seiner Leute, die ja gewiß bereits aufgeboten waren, ihn zu suchen, seine Spur entdecken und ihn entweder bald erreichen oder doch wenigstens durch irgend ein Signal auf die zu wählende Richtung aufmerksam machen sollte-

Es war wirklich allzu früh, den Muth schon M sinken zu lassen. So spärlich auch immer das Land bevölkert sein mochte, es gab doch sicherlich in der Nähe mehr al» eine menschliche Niederlassung und das ganze Abenteuer war im. äußersten Fall eine kleine, unfreiwillige Hungerkur, die ihm als eine nachdrückliche Warnung für die Zukunft dienen würde, ohne ihm sonst einen dauernden Schaden zuzufügen.

Die Sonne hatte ihre Mittagshöhe längst überschritten und der Mustang gab sehr deutliche Zeichen einer durch Hunger und Müdigkeit herbeigeführten Erschöpfung.

Da Fred ganz sicher war, daß er in der eingeschlagenen Richtung Mister Burnets Haus niemals erreichen würde und da er sich deshalb entschlossen hatte, denselben Weg wieder zurückzureiten, mußte er dem Pferds wohl oder übel einige Ruhe gönnen.

Er machte also am Rande einer Insel Halt, band das Thier mit dem am Sattelknopfe befestigt gewesenen Lasso an einen Baum, so daß es bequem grasen konnte und streckte sich selber im Schatten eines mächtigen Lebenseichenbaumes auf den weichen Rasenteppich nieder.

Wenn auch seine Gedanken naturgemäß nicht gerade von der heitersten Art waren, hatte er doch glücklicherweise jenen gefährlichen Zustand dumpfer Entmuthigung überwunden, der eine kritische Lage wie die seinige nur noch bedenklicher machen konnte. Der Hunger quälte ihn jetzt weniger al» vorhi während des Reitens und auch der Durst, der sich schon sehr unangenehm fühlbar gemacht hatte, war zeitweilig ganz ver­schwunden.

Ohne eigentlich zu schlummern, verfiel er in jenen Zu­stand halbwacher Träumerei, der sich sonst wohl nach einer reichlichen Mahlzeit einzustellen pflegt und der zumeist nur liebliche Bilder vor die Seele zaubert. Er dachte an Ellinor und ihr feines, anmuthiges Gesichtchen stand mit voller Deut­lichkeit vor ihm, von jenem Ausdruck geheimer Angst und stillen Kummers überschüttet, den er mit so viel herzlicher Theilnahme während der beiden letzten Tage darauf gesehen hatte.

»Ob sie nun wohl auch meinetwegen in Unruhe sein wird?" fragte er sich und es regte sich dabei in ihm wie ein geheimer Wunsch, daß e» der Fall sein möge.

Die Vorstellung von dem Dasein eines lieben, holden Wesens, das sich um ihn bangte, übte eine merkwürdig wohl- thuende und beruhigende Wirkung auf fein Gemüth. Sie wurde ihm allgemach ganz und gar zu einer angenehmen Gewißheit und er legte sich in der Stille seines Herzens das Gelöbniß ab, daß er Ellinor dafür bis an das Ende seines Lebens dankbar sein würde.

Irgend ein durchdringendes Geräusch, vielleicht der Schrei

eines Raubvogels, schreckte ihn aus seinem wohligen Traum- zustande empor.

Die Sonne stand tief und ein leichter, erquickender Luft­zug strich über die Prairie dahin.

Von einer plötzlich erwachten Hoffnung beseelt, daß er vielleicht doch noch vor Einbruch der Nacht Burnets Pflanzung oder irgend eine andere menschliche Ansiedelung erreichen würde, schwang sich Fred in den Sattel und trieb, ohne erst lange über die einzuschlagende Richtung zu grübeln, den neu­gekräftigten Mustang zu einem flotten Galopp. Aber das Tagesgestirn, sank gluthroth wie eine ungeheure Masse flüssigen Goldes unter den Horizont, ohne daß jene Hoffnung in Er­füllung gegangen wäre, und dis Schatten der Dämmerung breiteten sich immer dunkler über da» weite, unabsehbare Ge­filde. Eine kurze halbe Stunde heißen Rittes noch, dann um­hüllten den Einsamen die Schleier der tropischen Nacht und er verschloß sich nicht länger der Gewißheit, daß er diese Nacht unter freiem Himmel werde zubringen müssen.

E» war an und für sich nichts Schauriges in diesem Gedanken, denn es war ja nicht die trostlose, undurchdring­liche Finsterniß des Nordens, die ihn hier umgab. Das mit einem Heer funkelnder Sterne besetzte Firmament hatte eine wunderschöne, tiefblaue Färbung angenommen; unten im Grase und in dem Laubwerk der zunächst gelegenenInseln" aber leuchteten Myriaden phosphorisch ,schimmernder Lichtpünktchen auf, die eine ungewisse magische Helligkeit über die ganze Landschaft verbreiteten.

Nie hatte Fred eine ähnliche Anzahl von Leuchtkäfern gesehen wie hier, wo sie oft zu Tausenden in große Klumpen zusammengeballt schienen und niemals auch glaubte er einen so süßen Gesang der Nachtigallen vernommen zu haben, al» er hier in wundersam schmelzenden, klagenden Lauten au» der Ferne zu ihm herübertönte.

Ueberwältigt von der Herrlichkeit einer überreichen Natur, deren erhabene Majestät ihm durch seine seltsame Lage nur um so eindringlicher zum Bewußtsein gebracht wurde, faltete Fred fast unwillkürlich die Hände zum Gebet, wie er es seit seinen Knabenjahren nicht mehr gethan, und ein Gefühl wunder­samer Tröstung kam damit in sein Herz.

Vielleicht war diese Prüfung von einer weisen Vorsehung über ihn verhängt, um ihn zu läutern und ihn zu ernster Einkehr zu bestimmen. Jedenfalls waren ihm niemals die Worte eines Predigers oder der Klang einer Orgel so feier­lich in die Seele gedrungen, als hier die tausendfältigen Stimmen der schöpferischen Allmutter Natur, und wenn sich ihm in diesem Augenblick Gelegenheit zu einer großen, schönen, selbstverleugnenden That geboten hätte, er würde sicherlich nicht einen Moment gezögert haben, sie zu vollbringen.

Nach einer Weile freilich verstummte da» anmuthige Concert der kleinen Vögel und statt seiner tönten andere, minder harmonische Laute durch die Nacht.

Bald war e» ein dumpfes, heiseres Bellen, bald ein langgezogenes Geheul, das aus größerer oder geringerer Ent- sernung zu Fred herüberdrang. Er kannte diese wider­wärtigen Stimmen die Stimmen von Wölfen und Jaguaren sehr genau, aber wenn sie auch seine andächtige Gemüths- verfassung störten, vermochten sie ihm doch keine Besorgntß für seine Sicherheit einzuflößen, denn er wußte wohl, daß in so wildreichen Gegenden, wie es diese Texasprairien waren, ein Mensch niemals den Angriff der bei allem Blutdurst feigen Bestien zu fürchten habe.

Abermals lagerte er sich, nachdem er seinen Mustang sicher befestigt hatte, in das würzig duftende Gras und ent- zündete, um den nagenden Hunger zu betäuben, eine der starken Havanna-Cigarren, deren er am Morgen vor dem Ausritt glücklicherweise eine ganze Anzahl zu sich gesteckt hatte. Das aromatische Kraut versetzte ihn in eine Art von wohlthätigen Rausch und nach Verlauf einer halben Stunde war er sanft und fest entschlummert.

Der Tag war schon angebrochen, al» er erwachte, der Hunger meldete sich zwar sehr vernehmlich, aber er hatte der