Ausgabe 
30.1.1896
 
Einzelbild herunterladen

- 41

sonder» unnachsichtlich mit fich selber in'« Gericht ging. Wenn mein wilder Jähzorn, den mein Vater durch da« soldatische Joch der Dirciplin zu bändigen hoffte, auf irgend eine Entschuldigung pochen könnte," fuhr er düster fort,so ist e« diese, daß meine Mutter mir in frühester Kindheit durch den Tod entrissen wurde und ich damit jene Liebe entbehren mußte, welche für jede« Kind, ob hoch oder niedrig, arm oder reich da« Sonnenlicht der Lebeü« bedeutet. Von Miethlingen umgeben, von einem Vater erzogen, dessen Jähzorn ich geerbt und oft unter seiner harten Hand grausam genug erprobt hatte, konnte am Ende nicht« andere« au« mir werden. Wie es indeß gekommen wäre, wenn die militärische Dirciplin mich nicht früh unter ihre Fuchtel genommen, das mag ich gar nicht ausdenken. Ich wurde Soldat mit Leib und Seele und ich darf'« sagen, mein Kind ein tüchtiger Offizier, dem ein« glänzende (Saniere bevorstand. Mein wilder Zorn, der mich um mein häusliches Glück gebracht, zerstörte auch diese und darin vor Allem, das erkenne ich heute voll Demuth vor Gott, liegt die ewige Vergeltung, welche jede Schuld an ihrem Urheber unerbittlich rächt. Dis Flucht meiner Gattin hatte mich durchaus nicht zur Erkenntniß ge­bracht, ich sah im Gegentheil den Beweis ihres Verraths und schoß Bornheim zum Krüppel. Dann kam der böhmische Krieg, wo ich an meinem Platze war und mein Leben, wo immer die Gelegenheit fich bot, tollkühn, ja, mit einer wilden Lust aus's Spiel setzte. Aber ein ruhmvoller Soldatentod war mir nicht beschieden."

Just, als ich vor der Schlacht stand," fuhr Hauptmann von Rautenstern nach einer Pause fort,in welcher mir Avancement und Verdienstkreuz winkte, mußte mich der alte Jähzorn wieder packen. Ein Soldat bei meiner Compagnie, ein nicht«nutziger Kerl und gefürchteter Raufbold, verweigerte mir den Gehorsam; anstatt ihn arretieren zu lassen, stach ich ihn nieder. Vorwärts ging'« dann gleich in den Kugelregen hinein, ich wie ein Toller drauf los, mit meiner Klinge jeden Widerstand forträumend, meine Jungen» hinter mir drein ja, mein Kind, er war ein gräßliches Gemetzel mit Bajonett und Gewehr-Kolben ein Morden im großen Maßstab! Aber wir stachen kejne Wehrlosen nieder, darin liegt'«. Und doch kam's mir später, al» ich vor Gericht gestellt wurde als Mörder, närrisch vor nicht wahr? Hm, ich verlor den Maßstab dafür, der Kerl hätte nach Kriegsrecht eine Kugel verdient, ich hatte einfach dem Gesetz vorgegriffen. Meine Bravour in der Schlacht bewahrte mich vor Cassation, all­jährlich ein paar Wochen Festung, das war Alle». O nein, nicht Alles, die Schwere des Urtheils lag in der permanenten Zurücksetzung beim Avancement, man schritt einfach über mich hmweg. Keine Auszeichnung, keine Beförderung, keine Hoff­nung! Kind, ein solches Dasein wirst Du nicht begreifen können. Dann kam der Krieg mit Frankreich. Daß ich mich dort nicht geschont, vielmehr den Tod gesucht habe, wirst Du mir glauben, er mähte um mich herum mit blutiger Sense, mich ließ er unberührt, keinen Blutstropfen zapfte er mir ab. Meine Soldaten hielten mich für hieb-, stich- und kugelfest, glaubten mich mit dem Gottseibeiuns im Bunde und fürchteten mich. Das machte mich immer wüthender und riß mich zu einer neuen Gewaltthat hin. Mein zweite« Opfer es war mein Bursche hatte mich durch eine Dumm­heit gereizt. Er blieb Gott sei Dank am Leben und ist mein Diener, mein treue« Factotum geworden."

O, da« freut mich von Herzen," kam es unwillkürlich über Cäciliens Lippen.

Ja der arme Kerl wurde al« invalid aus dem Dienst entlassen und kam zu mir, wo er natürlich zeitlebens versorgt sein wird. Du magst e» mir nun glauben oder nicht, meine Tochter aber der Andere, nämlich der Todte, hat mein Gewissen im Grunde gar nicht absonderlich beschwert. Warum nicht? Weil der Kerl ein nichtsnutziges Subject war, ein Elender, der seiner alten Mutter und seinen Geschwistern ein Schrecken gewesen und ehrlichen Soldatentod in der Schlacht nicht verdient hätte."

Ah, Hauptmann von Rautenstern ging selber zu der alten Mutter seine» Opfers," schaltete Cäcilie tief erregt ein.

Der alte Herr nickte mit einem halben Lächeln.

Meine Pflicht, nicht» weiter, Kind," erwiderte er rauh. Die Leute quälten einige Thränen hervor, um den Preis für den Tobten höher zu schrauben. Ich setzte für die Mutter eine Penston au» und erfuhr dann von ihren Nachbarn, daß die Familie sich überglücklich fühle, von dem schrecklichen Burschen, der schon öfter ihr Leben bedroht, befreit zu fein und mir eigentlich großen Dank schulde, da er gewiß au» dem Kriege heil und ganz, jedenfalls aber noch gewaltthätiger zurückgekommen wäre. Das ganze Dorf fei froh, ihn los­geworden zu fein. Na ja," setzte der Hauptmann ironisch hinzu,ich hatte also im Grunde etwas Gutes vollbracht und seine Familie hat doppelt dabei gewonnen. Jadeffen mußte ich mich mit diesem Tröste begnügen und meine Strafe als eine wohlverdiente, doch immerhin milde hinnehmen, da ich ein großes Schuldregister zu verzeichnen hatte. Wenn Du aber meinst, daß ich hier in meiner menschenfeindlichen Ein­samkeit zur Erkenntniß meiner Sündenlast und zur inneren EinkeA gekommen fei, so irrst Du sehr, Gott bewahre, ich fühlte mich verrathen, zurückgesetzt, tiefgekränkt und hielt mich aus dem hohen Postament der Selbstsucht für den allein Gerechten und Tadellosen, für da« Opfer schändlichen Verraths, niedrigster Kabale. Der Herrgott mußte erst eine Stimme au« dem Grabe wie die Posaunen des jüngsten Gerichts ertönen lass.», um meinen Hochmuth, meine Selbst­vergötterung zu brechen, mich von dem Postament hinab­zustürzen. Jetzt liege ich im Staube, von dem wilden Rauten­stern blieb nichts mehr übrig, als ein innerlich gebrochener Grr s, ein verzweifelter Vater, der vom eigenen Sohne ver­worfen ist."

Er drückte beide Hände vor's Gesicht, um die Thränen zu verbergen, welche er trotz gewaltsamer Anstrengung nicht zu unterdrücken vermochte.

Es waren die ersten Thränen seit seiner Kindheit, welche der rauhe Soldat heute um die Vergangenheit weinte.

Cäcilie setzte sich neben ihn und legte den Arm um seinen Hals.

Lieber, lieber Vater," sprach sie tröstend,der Sohn ist Dir nicht verloren, die Mutterstimme au» dem Grabe wird ihn zurücksühren. Er ist ein edler Mensch

Das ist er wie seine Mutter," fiel der Hauptmann, fich hastig die Augen trocknend, ein,ich möchte ihn gar nicht ander« haben- Aber ich fürchte, liebe Tochter, daß er meinen Starrkopf geerbt hat."

(Schluß folgt.)

Der schlimmste Wintergast unserer Klemen.

Bon Dr. Otts Gotthilf.

------- (Nachdruck verboten.)

In allen Kreisen der Bevölkerungen, von der Hütte di« zum Thron hat die Diphthertti« schon ihre Opfer gefordert. Alljährlich muß die Menschheit dem erbarmungslosen Würge­engel einen übergroßen Tribut entrichte.', von dem Besitze, welchen sie am höchsten schätzt und am allerschwersten und allerschmerzlichsten dahingibt, von chrem Reichthum an frisch emporblühenden Menschenleben. Die Diphtheriti« herrscht fast in der ganzen Welt. Sie ist nicht etwa aus bestimmte Gebiete beschränkt, aus welchen sie nur bei günstiger Gelegen­heit hervorbricht und sich verbreitet, wie die Pest und Cholera, sondern überall, wo der Mensch wohnt, in den norwegischen Fjorden des hohen Norden», in den tropischen Breiten auf Neuguinea hat sich die Diphtheriti» an seine Fersen geheftet. Wie können wir nun den tückischen Feind bekämpfen? Wie unser kostbarste» Gut vor dem Verderben schützen?

So lange wir e» mit einem Feinde zu thun hatten, welcher, selbst unbekannt, au« unbekannten Schlupfwinkeln hervorbrechend sich auf seine Opfer stürzte, so lange war die Aussicht ans eine erfolgreiche Bekämpfung desselben gering.