Ausgabe 
30.1.1896
 
Einzelbild herunterladen

48

längeren Reise begriffen, hatte meine Frau ihn während meiner Abwesenheit verlegt und vergessen. Ich erstaunte daher nicht wenig, als er sich zufällig wieder auffand, daß da« Couvert einen Brief mit Ihrer Adresse und einige Zeilen von der Hand einer längst Verstorbenen enthielt, worin mir die Mission aufgetragen wurde, mit dem Briefe dem Hauptmann von Rautenstern auch einen Sohn zu überbringen, der ihm in der Fremde von seiner Frau geboren worden war. In ihrer Sterbestunde hat sie die beiden Briefe an den Gatten und an mich geschrieben und ihre Unschuld mit dem Tode besiegelt. Dieser Brief trug dar Datum de« 20. März 1862. Obengenannter Konrad Müller, welcher mir diese Briefe sandte, wollte sich durch ein Geständniß die Sterbestunde erleichtern, da ihm die Geschichte keine Ruhe mehr lasse und ihm zweimal nacheinander die tobte Frau im Traum erschienen sei. Bei diesem Konrad Müller hat Ihre arme Frau Gemahlin vor fünf« oder sechsundzwanzig Jahren ein Unterkommen gefunden. Er wohnte in einem norddeutschen Haidedorfe und hatte der Sterbenden gelobt, dar Kind und den Brief mir selber zu überbringen. Unglücklicherweise hinterließ sie noch einen werth« vollen Schmuck mit kostbaren Edelsteinen, den er mir ebenfalls überbringen sollte, da sie ihm und den Seinen ihre Garde« robenstücke und ihr baares Geld geschenkt hatte. Die Edel« steine erregten des Manne» Habgier, er vergaß sein Ver« sprechen und reiste nach ihrem Tode mit seiner Frau und dem Säugling, den sie für ihr eigenes Kind aurgaben, auf'» Ge« rathewohl in die Welt hinaus, wo sie das arme, verlassene Wesen irgendwo an einem Waldsaume aussetzten. Daß der gefühllose Räuber sich gescheut hatte, ein von der sterbenden Mutter am Halse de» Knaben befestigtes Erkennungszeichen an sich zu nehmen und daß er auch noch den Zettel mit der Handschrift der Mutter hinzugesügt hatte, mag als Zeichen jenes göttlichen Funken« gelten, der ihm später da» Gewissen aufrüttelte und zu diesem Geständniß zwang- Konrad Müller hatte einige Monate später sein Hab und Gut verkauft, um mit Frau und Kindern nach Amerika auszuwandern. Vorher hatte er den Schmuck an einen Hamburger Handelsmann, welcher die anderen Edelsteine der vornehmen Dame schon an sich gebracht hatte, verkauft und jedenfalls ein gutes Stück G-ld daraus gelöst. Al» ich diesen Brief und das Schrei­ben Ihrer Frau Gemahlin, welches nach einem Viertel» Jahrhundert wie eine Mahnung au« dem Grabe vor mir lag, gelesen, reiste ich sofort nach jenem Haidedorf ab, um nähere Erkundigungen über Konrad Müller einzuziehen und im dortigen Kirchenregister nach Ihrer verstorbenen Gemahlin zu forschen. Ich fand den Namen Adelheid Delmenhorst in der Todtenliste, woraus ersichtlich, daß die Verstorbene den Ihrigen, Hauptmann von Rautenstern, abgelegt und ihres Vaters Namen ohne das Adels-Prädicat wieder angenommen hatte. Man erinnerte sich im Dorfe jener fremden Dame und führte mich auf den Friedhof, wo ich eine Zeit lang an ihrem Grabe weilte. Konrad Müller« Angaben erwiesen sich al» richtig und mir lag nur die Mission ob, den Sohn der Tobten, den ein so grausames Schicksal getroffen, zu suchen- Wohin konnte jener Mann das Kind gebracht haben und weshalb hatte er die Gegend nicht näher bezeichnet? Sein Brief enthält keine weiteren Andeutungen, woraus ich schließe, daß der unwissende und beschränkte Bauer, der nur in Geld­sachen eine durchtriebene Schlauheit besessen, auf gut Glück in die Welt hinaurgefahren ist, ohne sich um die Namen der Städte und Ortschaften zu bekümmern, um sich vielleicht später damit rechtfertigen zu können, daß er nicht mehr wisse, wohin er den Knaben gebracht. Sein einziger Plan muß gewesen sein, ihn so weit al« möglich sortzuschaffen. Ich ging nach Thüringen und Sachsen, vermochte aber nicht« zu entdecken und beschloß, Ihnen die Briefe mit einigen Zeilen zuzusenden, al» eine Krankheit mich wochenlang darttiederwarf. Al« ich genesen war, erhielt ich auf eine warme Empfehlung hin einen jungen Volontär, Namens Otto Waldmann, einen Artillerie-Lieutenant außer Dienst, welcher vor 25 Jahren von Pionieren an einem Waldsaume gefunden worden und auf Kosten de» Regiments-Commands» auferzogen worden

war. Ma» hatte ihm nach dem Fundort den Namen Wald­mann gegeben- Seltsamerweise fiel mir nicht» Besondere» an dieser Thatsache, welche man mir mitgetheilt, auf, bi« ich einen kostbaren Rubinring mit den Buchstaben O- v. R. an seinem Finger blitzen, dann die Uhrkette und den Zettel sah. Mir war bereits eine Aehnlichkeit in seinen Gesichtszügen, eine gewisse Bewegung de» Kopfes, welche Ihnen, wie ich mich jetzt erinnert, eigenthümlich ist, an ihm aufgefallen und mit dem Ringe, mit dem Zettel hatte ich de» Räthsels Lösung in der Hand, Ihr Sohn ist dieser Findling, Hauptmann von Rautenstern. Ich sende ihn, den völlig Ahnungslosen, selber zu Ihnen mit dem Briefe der Mutter. Handeln Sie jetzt nach Pflicht und Gewissen, sühnen Sie eine Schuld, die einst zum Himmel schrie und durch Ihre Tapferkeit in der Schlacht keine Milderungsgründe finden konnte wie die anderen Folgen Ihres ungezügelten Jähzorns. v. Bornheim."

Cäcilie hatte das Schreiben aufmerksam durchgelesen und es dem Hauptmann wieder zurückgegeben.

Wie grausam die Habsucht eines niedrigen Menschen an dem Kinde auch gefrevelt haben mag," sagte sie dann mit einem so sonnigen Lächeln, daß sein trüber Blick sich ebenfalls zu erhellen begann,so kann ich mich doch im Grunde nicht darüber betrüben, weil der Findling unter der Obhut seine» leiblichen Vater» wohl in ganz andere Lebensbahnen geleitet worden und mir niemals als mein zweites Ich begegnet wäre. Hauptmann von Rautenstern hätte sich unter anderen Verhältnissen unzweifelhaft eine bürgerliche Schwiegertochter verbeten."

Der alte Herr blickte sie nachdenklich an und nickte dann mechanisch lächelnd.

Magst wohl Recht haben, meine Tochter I Gott hatte mein verhärtete» Gemüth, das eine dicke Rinde von Selbst­sucht, Hochmuth, von unfehlbarer Ueberhebung und Größen­wahn umpanzert hielt, noch nicht mit dem Hammer der Ver­geltung berührt und meinen verruchten Jähzorn noch nicht bestraft. Ich war es damals nicht werth, Vater zu fein und der arme Junge wäre von meiner harten Hand zerbrochen worden wie feine gute Mutter. Ich hielt mich für verrathen und betrogen und wäre damals vor dieser Stimme au» dem Grabe noch lange nicht zu Kreuze gekrochen. Ach, mein Kind, ich bin viel schuldiger, al» Du glaubst, aber Gott hat mich niedergeschmettert und mich weggewischt von jener Tafel, auf welcher die Namen der Tapferen verzeichnet stehen. Hätte ich meine Schuld mit dem Leben bezahlen dürfen, hätte die Feindeskugel mich hinweggerafft, ich wäre viel­leicht milder gerichtet worden."

Cäcilie hatte erschrocken diesen leidenschaftlichen Ausbruch de» alten Soldaten angehört. Sollte der alte Jähzorn wieder Gewalt über ihn gewinnen?

Mein lieber, lieber Vater," bat sie, schmeichelnd ihre Hand auf seinen Arm legend.

Vergieb, meine Tochter," sagte er, ihre Hand ergreifend und festhaltend,Du fürchtest den tollen Rautenstern nicht und da» thut mir wohl. Ich war wieder einmal ungerecht, da man mich nur zu mild und nachstchtig gerichtet hat. Weißt Du, war man sich von mir noch weiter erzählt?"

Freilich habe ich davon gehört, aber ich glaube nicht daran," erwiderte Cäcilie zögernd.

,,E» ist wahr, mein Kind," sagte er langsam und mit schwerer Betonung.Du sollst mich ganz, wie ich gewesen bin, kennen. Ich habe nicht blo» eine schwache Frau bedroht und zur Flucht genöthigt, einen wackeren Kameraden zum In­validen geschossen, o nein, ich habe auch einen Mord be­gangen! Siehst Du, wie Deine Wangen erblassen und Deine Hand hier in der meinen vor Abscheu zuckt? Er ist eine wunderliche Comödie in der Welt, im Grunde doch ein Narrensptel. Höre mich an und dann richte gerecht."

Der Hauptmann schwieg einen Augenblick, strich sich über die Augen und ließ seufzend ihre Hano los.

Er erzählte jetzt mit halblauter Stimme die tragische Geschichte seiner Ehe, wobei er sich in keiner Weise schonte,