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fahren. I
Herr Eduard mochte überdies einsehen, daß er mit seiner forcirten Sparsamkeit ein wenig zu weit gegangen und entzog sich weiteren Vorwürfen auf eine Weise, die ihm in ähnlichen Situationen schon oft geholfen: Er lehnte fich bequem zurück und versuchte zu schlafen.
Frau Emilie sah mit einem Seufzer den Gatten die kleinen wafferblauen Augen schließen, war aber fürsorglich genug, ihm zugleich die Reisedecke über die Kniee zu breiten. Dann schaute sie eine Weile durch das Wagenfenster; aber sie hatte sich bald an der zwar reichen, doch eintönigen Land- schäft satt gesehen und konnte es nun nicht mehr unterlassen, halb neugierig, halb grollend die Ursache aller Unannehmlich- keilen, den ungebildeten Menschen in der anderen Ecke von der Seite scharf zu betrachten.
Er hatte den Ueberzieher aufgeknöpft — ein schwarzer Tuchrock und eine weiße Halsbinde wurden darunter sichtbar — und schaute still und sinnend vor sich hin. Die Haltestelle, die er zum Wechseln des Coupes benutzen wollte, war längst passtrt; aber weder das Hatten des Zuges noch die laute Stimme des Schaffners hatten vermocht, ihn aus seiner nachdenklichen Haltung aufzustören. Noch immer blickte er grübelnd bald durch das Fenster, bald vor sich hin ins Leere. Er sah ganz aus, wie Jemand, der anhaltend über einen Gegenstand nachfinnt, der etwas ausdenkt, etwas in sich reifen läßt, vielleicht — eine Rede.
„Mein Gott, es wird doch nicht---1" Ein Ge
danke durchzuckte Frau Emilie, der sie starr werden ließ vor Schreck und Bestürzung. Mit offenem Munde blickte sie zu dem Fremden hinüber und versuchte sich langsam eine Bestätigung ihrer Besürchtung zu ergrübeln.
Ja, wie war es nur gleich--hatte nicht Vetter
Karl geschrieben, daß seine Trauung durch den Pflegevater seiner Braut vollzogen würde, den Beide sehr verehrten und der der beliebteste Geistliche einer entfernten Stadt war? Ja, und — Herr des Himmels I — hatte nicht der Fremde vorhin gesagt, daß ihn die „Ausübung seines Berufes" zu dieser Reise veranlaffe? Und dann sein ganzes Aussehen, der würdige Kopf, die grauen Locken, der Backenbart, die glatt- raürte Oberlippe, die nachdenkliche, ernste Haltung — Alles! Aller stimmte! Mein Gott, welch' eine entsetzliche Situation, Welche Bestürzung bei Karl — welche Folgen!
Aber konnte sie sich nicht täuschen, nicht irren? Peinliche Ungewißheit! Aber sie mußte Gewißheit haben, koste es was es wolle! Sie mußte sich und den Gatten noch rechtzeitig aus der mehr als fatalen Lage retten!
Ein paar Mal rückte sie unschlüssig hin und her, dann raffte sie sich auf und schritt eilig aus die andere Seite.
Gewißheit!
Sie fand kaum die Kraft, mit einem erzwungenen Lächeln dem Fremden dankend zuzunicken, dann kehrte sie schwankend auf ihren Platz zurück, dem gegenüber Herr Eduard noch immer friedlich den Schlaf des Gerechten schlummerte.
O Gott, diese Blamage! Das überlebte sie nicht! Halb ohnmächtig sank sie auf ihren Platz zurück.
Da hielt der Zug.
„Station K., zehn Minuten Aufenthalt, alle Passagiere nach D. umsteigen!" schnarrte der Schaffner.
Frau Emilie riß jäh den Gatten aus seinen Träumen. Er fand kaum Zeit, die Mütze mit dem Cylinder zu oer- tauschen, dann kletterte sie hastig hinaus und zog ihn mit fliegendem Athem auf die Seite.
„Aber Emilie, was hast Du denn?"
„Mann — Eduard — fasse Dich! O, es ist schrecklich! Denke Dir er — der Herr, der mit uns fuhr, ist der Geist« liche, der Carl und Lieschen traut!"
„Wie — was? Alte, hat Dir denn das Fahren den Kopf verwirrt?"
„Um Gotteswillen, Eduard, keine Scherze zetzt! Ich weiß es ganz — ganz sicher. Ich habe mit ihm gesprochen. O Gott, diese Blamage! Wenn Carl das erfährt — schreck« | lich! Aber jetzt gilt es zu handeln. Eduard, wir müssen nun Alles aufbieten, um ihm zu zeigen, daß wir Leute von guter Lebensart sind, und daß er Alles von vorhin vergißt. Komm jetzt, wir müssen umsteigen- O die gräßliche dritte Klasse, sie ist an Allem Schuld."
Auf dem Seitengeleise stand die Localbahn zur Abfahrt bereit. Das Ehepaar erreichte sie eben, als der Gegenstand ihrer Aufregung, der würdige Fremde mit lebhaft qualmender Cigarre ein Coup« bestieg — diesmal fürsorglich ein Rauh« coups. Gleich wohl kletterten die Beiden eilig nach und kaum, daß sie fich Zeit gelassen, ihre Platz ihm gegenüber einzm nehmen, als Herr Eduard auch schon mit der freundlichsten Miene von der Welt ausrief: „Ah, da sind Sie ja auch!
Und Frau Emilie lispelte mit dem verbindlichsten Lächeln dazwischen: „Das ist nett; nun können wir ja unsere Unterhaltung von vorhin fortsctzen, wenn es dem Herrn angenehm.
Der hatte die Beiden Anfangs mit einem sehr erstaunten Blick gemessen; denn außer ihm verdickten noch mehrere Passagiere die dumpfe Luft des niederen Coupes mit dem Dampf ihrer Cigarren von sehr verschiedener Qualität. Aber in seiner Art lag es nicht, über die plötzliche Hebet« Windung ihrer Abneigung gegen das „Gequalme" lang nachzugrübeln, oder gar seinem Erstaunen Ausdruck zu geben. Er nickte gelassen mit einem schwachen Lächeln und dampfte ruhig weiter.
«Ja, ja," meinte Herr Eduard, der inzwischen krampf- I hast nach einem Anknüpfungspunkt gefahndet hatte, „das
„Ach, verzeihen Sie, mein Herr," begann sie stockend, verwirrt, „aber mir scheint — es ist etwas warm im Coups — gestatten Sie, daß ich hier das Fenster ein wenig öffne?"
Verwundert hatte der Fremde aufgehorcht und sie für einen Moment fragend und zweifelnd angesehen. Dann ging es wie ein Lächeln um seine Lippen; aber er sprang dienst, eisrig auf und war ihr behilflich, die Scheibe herabzulassen.
„Eine schöne Gegend —" sie blickte ihm scheu von der Seite ins Gesicht; aber da er in seiner höflichen Gelassenheit verharrte, fuhr sie muthiger fort: „Kennen Sie dieselbe schon?"
„Rein," sagte er ruhig, „ich durchfahre sie das erste Mal."
„Fahren Sie noch weit?" meinte sie dann plötzlich und preßte die Hand fest auf dem Seidenen zusammen.
Wieder traf sie ein erstaunter Blick aus seinen sanften Augen; aber er antwortete doch in seiner gemessenen Weise:
„Nein, nur bis zur nächsten Station."
„Aha! das ist gewiß das Ziel Ihrer Reise?' Dar Herz schlug ihr bis an die Kehle hinauf.
„Durchaus nicht, ich habe noch eine kleine Strecke mit der Localbahn zu fahren, dann eine Meile - ungefähr - mit dem Wagen .... übrigens bin ich völlig unbekannt hier."
Kein Zweifel! Schreckliche Befürchtung — entsetzliche
den Holzbänken ganz steif, und hat als Zugabe stets schlechte Lust Freilich, solche Reise verschluckt ohnehin viel Geld."
Frau Emilie kannte die Summen zur Genüge, die ihr Mann zu dieser Reise verausgabt hatte. Er erzählte ja Allen, die es hören wollten und die es nicht hören wollten, wie viel das Hochzsitsgeschenk für seins Nichte gekostet hatte; za — viel, viel Geld hatte er ausgegeben.
Nun, es wird ja auch eine höchstelegante Hochzeit! Hub er wieder an. „Vetter Karl hat sich ja sogar einen Koch, einen Lohndiener und was sonst nicht noch Alls» kommen lassen. Das Haus werden wir wohl kaum wieder erkennen; denn er hat renovirt und einen ganz neuen Flügel angebaut. Aber ich denke, wir werden unter den achtzig Gästen nicht ab^ngt'au Emilie war zufrieden, ihren Mann schließlich wieder in seinem Fahrwasser zu haben.
„Weißt Du, Eduard, ich freue mich schon auf die schöne Wagentour nachher. Mir kommt ebenso der Gedanke, die muß herrlich sein! Nicht wahr, Alter? Der Morgen ist so srisch und die Luft so klar."
Ihr Gatte hatte aber nur ein kurzer „Ja" als Ant« wort auf ihre freundliche Anrede. Damit wußte sie, daß er keine derartige Unterhaltung wünschte und schwieg. Es war doch schließlich sein eigener Wille gewesen, dritter Klasse zu


