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folgest, umtänzelte Nazi den Stuhl, auf dem sein Ideal ge. feffen hatte. Er glaubte den Platz noch immer von jenem feinen, unendlich süßen Dufte umgeben, der ihm mit dem eigentlichen Wesen seiner Märchenfee identisch war.
„War fällt Dir ein?* zankte da jedoch abermals der gefühllose Principal. „Zum Aufräumen hast Du wahrlich auch morgen Zett im Ueberfluß. Marsch, lösch' das Licht aus, daß wir fortkommen I*
Nazi mußte gehorchen. Wenn es etwas gab, feine elegische Stimmung mit einem schwachen Schimmer von Befriedigung zu durchleuchten, so war es höchstens die beglückende Gewißheit, heut' Nacht von der Schönsten der Schönen zu träumen, von dem Engel, der seiner Meinung nach zur selben Zeit die Ballgesellschaft im Hoftheater in Entzückungsaufruhr ver. setzen mußte.....
Am anderen Morgen unterzog sich Nazi seiner Aufgabe, den Laden aurzufegen, mit einer Melancholie, die ihm bisher gänzlich fremd gewesen war. Es war nur gut für ihn, daß Meister Dingelmann gleich nach dem Aufsperren in gewohnter Weise zum Frühstück ging; anders wäre der in Wehmuth geknickte Jüngling heute nicht ohne einige Kopfnüsse davongekommen, denn die Arbeit ging ihm diesmal sehr langsam von der Hand. Bevor er sie überhaupt angriff, setzte er sich in den gewissen Sessel, der ihm seit gestern Abend gewissermassen geheiligt erschien. Unter der schwachen Beleuchtung einer Flamme de» Kronleuchters erwartete er seufzend das Aufdämmern des trüben Wintertages, dessen Düsterkeit so sehr mit der grauen Oede in seiner junger Brust zu harmoniren schien. Die Bewegung, mit der er dann endlich — den Kehrbesen handhabte, um damit in erster Linie den Boden an der „geweihten Stelle" zu streicheln, hatte etwas Hamlet- artiges.
Plötzlich fuhr er mit einem leisen Schrei empor: beim Zurückziehen bes Reinigungsinstrumentes war ein kleines, hellschimmerndes Ding gegen seins Stiefelspitzen gekollert. Patsch! fiel die Besenstange zu Boden —Nazi wie ein Habicht auf den ihm vom Zufall geschenkten Gegenstand los, über dessen Bedeutung und Herkunft er sich mit der Divinations- gäbe eines über Nacht erblühten Herzens im Fluge klar wurde. Und wirklich — ein finnigeres Symbol hätte ihm nicht bescheert werdens können als das, das er da aus dem Staube der Diele aushob.
Es war — ein Herz, nämlich ein blauemaillirtes Berlok in Herzform, so klein, daß es mit einem Fünfpfenntgstück beinahe bedeckt werden konnte. Auf der Vorderseite trug es in feingezogenen Goldbuchstaben die Inschrift „Napoli“ und darüber einen eingegrabenen Stern mit einer kleinen Perle als Mittelstück. Ein Kranz noch winzigerer Perlen lief als Rand um die Seitenrundungen des Berloks, so einen einge- kerbten Rahmen darum bildend. Daß der verhältnißmäßig schwere Gegenstand aus gediegenem Golds sein könnte und die vielen Perlen darauf einen bedeutenden Werth präsentiren, das kam dem unwissenden Burschen nicht in den Sinn. Die feine Emaille war ihm „bayrisch blauer Lack", das Ganze nur deshalb ein unschätzbares Kleinod, weil es der ange- schwärmten Unbekannten gehört hatte. Das Ding war wahrscheinlich an einem Armreif gehangen; eine festsitzende goldene Oese oben in der Mittelvertiefung des Herzens mußte das Ringelchen getragen haben, mit dem es an das Armband gefesselt gewesen.
Zunächst drückte Nazi das Berlok an die Lippen — das war nach Allem, was er in Romanen über ähnliche Situationen gelesen hatte, seine Schuldigkeit; dann drehte er es nach allen Seiten und prüfte mit einem Daumennagel, ob es nicht etwa wie ein Medaillon zu öffnen sei. Diese Versuche erwiesen sich als vergeblich; das Berlok war also massiv.
Einige Minuten dachte er darüber nach, ob es nicht seine Pflicht sei, Alle» zu unternehmen, um den Gegenstand der Verlustträgerin zurückzustellen. Aber wohin hätte er sich denn wenden sollen? Im besten Falle konnte er nur warten, ob die Dame oder ihr Bruder nicht wiederkommen würde,
nach dem Dings zu fragen. Bi, dahin aber durfte er es doch wenigstens in seine Verwahrung nehmen. Die glückliche Ahnung jedoch, daß ihm dies blaue Herz als Erinnerung-, zeichen nicht streitig gemacht werden würde, erfüllte ihn schon dabei mit heimlichem Jubel.
Wie er es hüten wollte! Wie seinen Augapfel! Nie, nie sollte es ihn verlassen. Es sollte ihm als „Talisman" dereinst noch in's Grab mitgegeben werden. Wie romantisch!
Gestern hatte er sein Taschentuch, mit dem er dem Herrn die verschüttete Haarfärbetinctur vom Pelzärmel ab- getrocknet, als das einzige Andenken an die interessante Kundschaft im verborgensten Schrankfach daheim aufbswahrt; gut, es sollte da bleiben, aber nur als Souvenir zweiten Ranges. Erinnerten ihn die gelbbraunen Flecken in dem Tuche an das Haar, das mit jener Flüssigkeit gesäitigt worden war, so hatte er in diesem blauen Herzen ein Ding gewonnen, das durch den persönlichen Gebrauch seiner Eigen- ihümerin geheiligt worden war. Ein köstlicher Schatz für den schmachtenden Finder! . . .
II.
Es war in einer Mainacht des Jahres 1894, als Herr Emmerich v. Fröden — erst seit einer Woche als Attachö einer deutschen Gesandtschaft nach Wien versetzt — sein Junggesellenheim zu einer Stunde betrat, die erstaunlich früh genannt werden mußte im Hinblick auf den Umstand, daß er heute, gleich den letzten Abenden, in einem jener Gesellschaft-, cirkel auf dem neuen Boden verweilt hatte, in die ihn sein Chef einzuführen verpflichtet war.
Der junge Bediente war bei der unerwarteten Heimkunft seines Herrn nicht wenig betroffen und nahm sich sogar die Freiheit zu einer zarten Frage, ob sich der Gebieter vielleicht unwohl fühle, wurde aber schroff abgewiesen. Dar passirte ihm von dieser Seite zum ersten Male. Herr v-Fröden, in dessen Diensten er schon seit einigen Jahren stand, war sonst ein sehr gütiger, leutseliger Herr und wenn auch nicht- weniger als ein Lebemann im Sinne seiner Gesellschaftsklasse, so doch von heiterem Temperamente. Die Versitzung nach Wien hatte er als eine Aussicht auf angenehme Zerstreuung begrüßt und sich in den ersten Tagen in der gemüthlichen Kaiserstadt an der Donau auch offenbar sehr behaglich ge- fühlt. Erst vorgestern, als er von einem Besuche der eben eröffneten Internationalen Kunstausstellung heimgekehrt war, hatte sich so etwas wie ein Schatten auf seiner Miene gezeigt. Seine gegenwärtige Laune aber war mehr als düster.
Es lag wie Verzweiflung in der Bewegung, mit der er sich, im Schlafzimmer angekommen, die weiße Cravatts vom Kragen riß und weit in's Zimmer schleuderte.
„Daß ich's nicht vergesse, Ignaz!" murrte er dann, als ihm der Diener die Lackstiefel von den Füßen zog. „Du wirst morgen, während ich im Amte bin, ein kleines Packet besorgen — in's Hau» des Freiherrn v. Effenberg. Erinnere mich daran, es ist von Wichtigkeit!"
Der Ignaz nickte. Den Namen de» Baron» Effenberg hatte er auf der Einladungskarte gelesen, die seinem Herrn jüngst zugekommen war- Er wußte daher, daß es eben das Haus Effenberg sei, das Herr v. Fröden heute besucht hatte und in dem er fich anscheinend nichts weniger als amüfirt hatte.
„Befehlen der gnädige Herr etwa, morgen früh wieder geweckt zu werden!" fragte der Diener am Schluffe, ehe er sich mit den Kleidern entfernte.
„Nein! Ich will schlafen — so gut und so lang ich's vermag. Komm' nur zur gewöhnlichen Stunde, um hier geräuschlos einzuheizen; die Morgen sind noch sehr kühl!"
„Sehr wohl!"
Der Bursche ging, und der Attachs warf sich unwirsch auf die Seite, die Bettdecke bis an's Kinn heraufziehend. Er schloß die Augen und bemühte sich, in möglichst regelmäßigen Zügen zu athmen, um den ersehnten Schlaf herbeizulocken. Er befahl fich die Ruhe, das absolute Vergessen mit


