Ausgabe 
29.9.1896
 
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die weibliche Jugend durch allseitige Leibesübung gekräftigt wird, kann sie auch des Corsets entwöhnt werden. Das Hemd in seiner jetzigen Form hat wenig Berechtigung, zu empfehlen ist die englische Combtnation. Vielfach zu hoch find die Ab­sätze der Schuhe. Dar Haar sei möglichst einfach und ohne Brenneisen zu behandeln, als Bedeckung sei ein weicher Filz­hut oder ein kappenartiger Hut zu empfehlen. Endlich wendet sich der Redner noch gegen Haarnadel, Schleier und unzweck­mäßige Mäntel. Die Ausführungen fanden lebhaften Beifall.

Noch reicher indeß gestaltete sich der Applaus, als die Correferentin Frau Sera Prölß geendet.

Sie gab zu, die jetzige Frauenkleidung sei weder praktisch, noch gesund, noch schön. Der Kleiderrock werde stets ein Symbol der weiblichen Hilflosigkeit und Abhängigkeit bleiben. Habe ihr doch ein Arzt gesagt, er glaube an keine Frauen- emancipation, so lange die Frau nochrumkrabbeln" müsse, um ihre Tasche zu finden. Die heutige Mode verursache eine solche Steishaltung der Glieder, daß man schließlich, der Dar­winschen Theorie zufolge, an die Geburt steisarmiger Kinder glauben könne. Die Männertracht sei ja entschieden practi- scher, schön und ästhetisch aber sei sie nicht. Darum dürfe auch die neue Frauentracht nicht nach Art der jetzigen Männer­tracht gestaltet werden. Das Costüm der Radlerin erscheine ja ganz practisch und chic, es sei aber auf den corrumpirten Corsetgeschmack zugeschnitten. Als die gesundeste und ent- sprechendste Tracht sei die sogenannte Königin-Luisen-Tracht anzusehen, abgesehen von der Decolletirung. Die Rednerin empfiehlt die Errichtung eines Ateliers als Ver­suchsstation für eine vernünftige Frauentracht.

In der Discussion wandte sich Frau Dr. med. Krajewrka- Bosnien gegen das Corfet. Herr Staatrrath Chatiseian- Tiflis beleuchtete die Kleidungsfrage von der klimatologischen Seite. Frl. Bona Peiser-Berlin empfahl die moderne Radfahr­hose, sie ersetze jeden Unterrock und mache das Corset über­flüssig. Frau Marie Günther-Brauer - Schwerin forderte die Bühnengrößen Haberland und Elmenreich auf, durch die That kleidungsreformatorisch vorzugehen; die letzte Sprecherin Frl. Karsten-Berlin gab wehmüthig zu, daß die Frau doch allzusehr Sclavin der Schneiderin sei. Schließlich schien die Versammlung den Vorschlag der Frau Sera Prölß bezüglich der Errichtung einesVersuchs-Ateliers" für das Beste zu halten und es ward als vorbildlichen Typus einer künftigen Kleidertracht auf eine anwesende Dame, Frl- Dr. Möller- Kopenhagen, hingewiesen, die sich in einer der Königin-Luisen- Tracht ähnlichen Robe allerdings sehr vortheilhaft präsentirte.

Geändert wird aber vorläufig trotz allen Disputs an der Frauenkleidung sehr wenig werden.

Hnnrovistisches.

Theorie und Praxis. Arthur:Ich habe die Wahl zwischen einem armen Mädchen, welches ich liebe, und einer reichen Wittwe, welche ich nicht liebe. Wozu würdest Du mir rathen, Fritz?" Fritz:Die Liebe ist das Salz des Lebens, Freund. Ohne sie ist alles Andere ein Quark. Die Liebe macht die Armuth zum Reichthum, die Mühe zum Genuß, die Erde zum Himmelreich." Arthur:Genug, genug! Ich werde das arme Mädchen heirathen, das ich liebe." Fritz: Brav gesprochen. Bei der Gelegenheit gieb mir doch die Adresse der reichen Wittwe, die Du nicht liebst."

Genügsam. Junger Mann:Darf ich, mein werthes Fräulein, mir erlauben, meinen Arm Ihnen anzutragen? ' Dame:Ach, mein Herr, ich bin schon zufrieden, wenn Sie mir Ihre Hand antragen.".

Abgekürztes Verfahren. Reisender (dem Kutscher den aufgeschlagenen Baedeker hinhaltend):Kutscher, fahren Sie mal die ersten vier Seiten hier ab! '

Erklärliche Erscheinung. Pipa:Ich erfahre so- eben, mein lieber Fritz, daß Du fast alle Tage in der Schule geschlagen wirst. Ich kann mir diese Erscheinung nicht er- klären. Wie kommt denn das?" Fritz:Ja, Papa, das kommt daher, weil der Herr Lehrer viel stärker ist als ich."

Schwieriges Zeugenamt.Sie sehen ja furchtbar ermattet und abgespannt aus, Herr Forstgehilfe?"Der Herr Oberförster hat heute am Stammtisch wieder allerlei Geschichten erzählt, welche ich miterlebt haben mußte."

Ausgleich. Meister:Warum heulst denn, Bub?" Lehrbub:Ja, de Meisterin hat mich gehau'n und ich laß mich nimmer von einer Frau hau'n!" Meister:Ra, sei nur zufrieden, da hast Du,von mir a Paar!"

Schwer zu befolg en* Arzt:Dieses Nackengeschwür, lieber Herr Schwalbe, ist nicht gerade gefährlich, Sie werden aber doch gut thun, e» im Auge zu behalten."

*

Beim Examen.Aber, Herr Candidat, Sie sind ja vollständig unvorbereitet. . Nun, was glauben Sie, welche Eigenschaften muß ich als Professor der Chirurgischen Ab- theilung besitzen?!' Candidat (schwitzend):Ein gutes Herz, Herr Professor!"

Literarisches

,3Ött«tiele MLdch«N-3eitur»g", Wochenschrift für junge Mädchen. Im Verlage von Max Schmidt in Lübeck erscheint mit 1 October dieses Jahres eine neue, reich illustrirte Zeitung für tit Mädchenwelt. Trotz des großen Reichthums an illustrirten Blättern fehlte es bisher an einer Zeitschrift, in der jungen Mädchen im Alter von 13 bis 20 Jahren belehrender und anregender Unterhaltungsstotz und gleichzeitig Anleitung zu allen Arten von nützlichen Handarbeiten, Kunstfertigkeiten und Liebhaberkünsten geboten worden wäre. Die ersten deutschen Schriftsteller und Maler, Lehrer und Jugendfreunde haben ihr- Mitarbeiterschaft zugesagt und Beiträge geliefert, so daß das neue Unternehmen, das eine Lücke in unserer Zeitschristenliteratur ausfullt, unter den günstigsten Auspicien in's Leben tritt. Die uns vorliegende vornehm ausgestattete Nummer ist reich an Text und Illustrationen und so gehalten, daß sie auch von Erwachsenen mit Vergnügen gelesen werden wird Der billige Preis (vierteljährl. 1,80 Mk.) und der gediegene Inhalt wird dieJllustrirte Mädchen-Zeitung" bald zu einem Lieblings- blatte der jungen Mädchen inachen, was um so wünschenswerther er: scheint, als die Herausgeber mit Recht di-landläufige, seichte und faden: scheinige Jugendliteratur bekämpfen und von dem Grundsätze ausgehen: Für die Jugend ist das Beste gerade gut genug 1"

Derschöne" Herbst.

Der sogen. Wetterprophet Prof. Habenicht in Halle hatte bekanntlich noch vor einigen Wochen uns einen schönen Herbst in Aussicht gestellt, der bis in den October hinein andauern sollte. Ihm widmet ein Freund unseres Blatter folgenden

Stammbuch-Vers:

O w-tterkundiger Hab-nicht,

Mit Deiner Weisheit prahle nicht!

Einen schönen Herbst ließt Du uns hoffen

Im Regen sind wir bald ersoffen.

Abwechselnd windig, kalt und naß Seit Wochen schon ohn' Unterlaß, Kaum eine Stunde Sonnenschein Das soll der schöne Herbst wohl sein?

O nein, geehrter Herr Professor, Da weiß Kalendermann es besser! Ist der September feucht und naß, So füllt er dem Bauer das Regenfaß." So schreibt er und der Mann hat Recht, Doch Deine Kunst bewährt sich schlechtl Wer prophezeih'n nicht besser kann, Der thu's ä la Kalenvermann.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverstMS-Buch- und Steindruckerei (PietsL & ©tfienba)