Ausgabe 
29.9.1896
 
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ihnen ritten natürlich die Damen fort, und es schien dem alten Baron Alting, als ob seine Freunde förmlich aufathmeten, daß sein Neffe nicht unter ihnen war.

Wie, meine Gnädige, Sie sind nicht mit von der Partie?" fragte Hans Justus, als die Gesellschaft ver- schwunden war,Sie, eine der besten Retterinnen, und un­zweifelhaft auch eine kühne Jägerin?"

Ich finde keinen Gefallen an der Jagd," er widerte Ellen ruhig,es widerstrebt mir als Dame, ein wehrlose» Geschöpf mit der Waffe zu bedrohen. Wenn ich den Vater zuweilen nach dem zweiten Walde begleitet habe, dann that ich es nur aus seine Bitte."

Hm, das wundert mich," meinte Hans Justus etwas sarkastisch,in Amerika liebt jede wirkliche Lady diesen Sport, und wie man mir hier erzählt, huldigen besonders die Damen des Hochadels demselben ebenfalls mit Leidenschaft- Sie ge­hörten dieser Gesellschafts»Klaffe wohl früher nicht an, Fränlein Ellen?"

Diese erblaßte, er wollte fie geflissentlich beleidigen, weßhalb?

Mein Vater gehörte zu dem besten Adel Dänemarks," versetzte fie stolz,und was diesen Sport anbetrifft, so wird derselbe nicht nur von den Damen des Landadels geübt, sondern auch noch von sonstigen Damen zweifelhasten Range», insofern sie durch Geld und Gut sich hier oder anderswo ein gewiffe» Ansehen erworben."

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, verließ sie das Zimmer, um sich zu der Wirthschaftertn zu begeben. Hans Justus blickte ihr mit einem ingrimmigem Lächeln nach, murmelte etwas Unverständliche» und begab sich in sein Thurmzimmer, um seine Jagdpfeife anzuzünden und den Barbier zu erwarten, der ihm die Wunde nachsehen und wieder ver­binden sollte. Er lehnte sich au» dem offenen Fenster, blie» dichte Wolken in die reine Morgenluft hinaus, und ärgerte sich, daß noch kein einziger Schuß gefallen war.

Dann erfaßte ihn eine heftigen Unruhe, die ihn wieder auftrieb und zum Hin« und Herwandern zwang.

Das werden schöne Stunden für mich sein," murmelte er,hätte ich's denn nicht felber thun können, wie Ebba Regina es wollte? Sie trifft stets da« Rechte, aber da war's ja schon zu spät. Verdammte» Blut, da» sich nicht zur Ruhe zwingen läßt, hab' ich denn nicht warten gelernt auf dem Anstand, wenn ich dem zahmen und wilden Raub­zeug mit der Büchse beizukommen suchte? Hab ich nicht im Urwald und in der Prairie stundenlang auf der Lauer ge­legen, ohne diesen rasenden Hammerschlag in der Brust zu fühlen? Bah, was ist'« weiter al« die Furcht vor einem Mißlingen, erst jetzt fühle ich, daß stch's selber hätte thun müffen"

Er legte die Pfeife bei Seite und sich selber auf'« Sopha, um die ganze Jagd an seinem inneren Blick vorüberziehen zu laffen. Wa» diese alten Burschen doch im Jagdrevier wollten! Er lachee leise bei dem Gedanken, seinen ehr­würdigen Onkel auf dem Anstand zu sehen, wie sich die Rehe freuen würden. Da kommt Joe Catton halt, halt! E« ist noch zu früh, der Esel nicht--

Han« Justus sprang mit einem wilden Fluch auf und blickte verstört umher. Hatte er geträumt oder mit wachen Sinnen eine Vision gehabt? Nein, das unruhige Blut hatte ihm den schlechten Streich gespielt, die Furcht seine Einbildungs­kraft mit gespenstischen Bildern bevölkert. Ec mußte das sremde Gefühl, das seine ganze Manneskraft lähmte, bestegen, um sich nicht selber zu verrathen.

Al« er seine Pfeife wieder angezünbet hatte, legte er sich aufs Neue aus dem Fenster. Es war gut, wenn die Leute ihn sahen, und da kam ja auch der Barbier angetrabt. Dann schlug der dumpfe Knüll eines Schusses an sein Ohr, und bald gings: P,ff, paff!

Der Barbier trat ein und bedauerte den gnädigen Herrn, nicht an dem Vergnügen theilnehmen zu können.

Und dazu ein solches Jagdwetter, na, die vornehme Gesellschaft knallt auch schon tüchtig drauf los. Sieh, sieh,

die Wunde macht sich gut, der gnädige Herr haben gesunde» Blut und eine glückliche Hand, denn sonst"

Was meint Ihr damit, verdammter Pflasterschmierer," fuhr Han» Justus ihn roUb an,glaubt wohl gar, ich hätt't mit Fleiß gethan?"

Gott bewahre," stotterte der Barbier tödtlich erschrocken, ich meine ja nur, daß der gnädige Herr sich gefährlicher hätte verletzen können."

Unsinn, dazu gehört keine glückliche Hand, ich war zu sorglos, dachte nicht an die Ladung Zufall ist Alles im Leben."

Gewiß," stimmte der Barbier demüthig bei, hütete sich aber, ein Wort hinzuzusetzen, aus Furcht, hje böse Laune seine» Patienten noch drohender zu steigern- Er legte mit zitternden Händen den Verband an und freute sich, mit heiler Haut hinan» zu kommen.

Mög' der Herrgott den Herrn Rittmeister noch lang' uns erhalten," flüsterte er draußen im Vorbeigehen dem Kutscher zu,der drüben im Thurm ist ein Schlimmer I"

Das weiß der Himmel," murmelte der Kutscher im Weitergehen,der Hergott wird aber wohl ein Einsehen haben."

Die Stunden vergingen, der schöne Wald war belebt von Jagdlust und Hundegekläff, doch hatten die alten Herren noch nicht viele Beute erschossen und die Mehrzahl war froh, als zum Frühstück in der Försterei geblasen wurde.

Hören Sie, Freund Alting," sagte der behäbige Herr von Römhild, der dem Weine tapfer zusprach,Sie haben mir den schönsten Rehbock mit Ihrer Unruhe verscheucht. Ich protestire dagegen, in Ihrer Nähe zu bleiben. Zum Henker, waren doch sonst ein guter Schütze, aber nun ist man seine» Leben» nicht mehr sicher, Sie hantiren ganz ge- fährlich mit Ihrer Flinte, können sich und Anderen ein Leid damit anthun, nur nicht dem Wilde,> da» Ihnen seine Dank- Adresse widmen müßte."

Ein laute» Gelächter und Bravo lohnte den Redner, während Baron Alting nachdenklich im Kreise umherblickte und nach eingetretener Ruhe dem alten Freunde Recht gab.

Ich weiß nicht, ob'» an mir oder an meiner Flinte liegt, daß mir jeder Schuß Beschwerde macht," meinte er kopfschüttelnd,mein Förster soll den Lauf mal untersuchen."

(Fortsetzung folgt.)

Reform der Franenkleidmg.

Eineinteressante Frage" ist am vorigen Dienstag auf dem in Berlin tagenden Frauencongreß aufgerollt worden; e» handelte sich um die Reform der Kleidung. Das Thema hatte den Vortragssaal mit vielen Vertreterinnen des schönen Geschlechts angefüllt. Zuerst sprach ein Herr Dr. med. Spener.

Er bezeichnete die Franenkleidungals ein noch bedeut­same» Hinderniß für die Bewegung der Frau in der Frauen­bewegung". Ja seiner nicht rein ärztlichen Betrachtung documentirt stch der Referent al» Mitkämpfer der Frau. Fast alle weiblichen Kleidungsstücke verurtheilt er aus practifchen, gesundheitlichen und moralischen Gründen; zunächst den Kleiderrock, der den freien Schritt der Beine hemmt und als Staubfänger wirkt. Er müsse nach allen Seiten fußfrei werden, mindesten» 10 Zentimeter vom Erdboden ab. Die Unterröcke, welche das 16. Jahrhundert erfunden habe, damit die Frauen leichter recht breite Hüften heucheln können, feien durchaus zu verdammen. Noch mehr da« Corfet. An einer Kreidezeichnung der mediceischen Venus demonstrirte der Redner die Schädlichkeit des Corsets.Wer zählt die Völker, kennt die Namen, die alle zum Corfelkrieg kamen?" und doch, wie wenig ist trotz allen Schreibens und Redens erreicht! Noch viel zu wenig wird beachtet, daß das Mieder namentlich durch die Last der Röcke enger wird. Für die jetzige Genera­tion wird aber das Corfet doch nicht zu entbehren sein, da die Rückenmuskulatur derselben zu schwach geworden ist; wenn