Ausgabe 
29.9.1896
 
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das ist die reine Menschenpflicht für Sie. Wenn Sie aber von mir denken können, daß ich'- von wegen der Anleihe thäte, dann bleiben Sie in Gottes Namen hier, und nehmen Sie mein Wort, daß die dumme Geldgeschichte gute Zeit und Weile hat."

Der junge Fariner hatte schweigend zugehört, jetzt reichte er dem ehrlichen Sander gerührt die Hand und sagte:Ich danke Ihnen, mein lieber wackerer Freund und werde Ihren Rathschlägen folgen. Wie sollte es mir einfallen, von Ihnen eigennützige Absichten vorauszusetzen? Aber Sie haben recht, ganz recht, ich muß mich aufraffen, etwas beginnen, um aus dem nutzlosen Grübeln zu kommen, und wenn jener Rittmeister Alttng ein solcher Mann ist, wie Sie ihn schildern, dann ist er eine doppelte Pflicht für mich, ihn vor meinem wüsten Bruder zu schützen, der unter meinem Namen dort sich einschleichen will. Ich weiß ja nur nicht, wie ich jemals meine Schuld bei Ihnen abtragen soll, Herr Sander, da der Gedanke, nicht durch eigene Kraft, sondern nur durch ein fremdes Erbthell dazu im Stande sein zu können, mich muth- lor und verzweifelt macht."

Zum Henker noch einmal, Herr!" rief Sander, zornig mit der Faust auf den Tisch schlagend,mit einem solchen Aeußern und einem solchen Sack voll Kenntnissen und Fein« heilen werden Sie überall Ihr Glück machen und mir die Handvoll Dollars bald wtedergeben können. Punktum, Streusand drüber, damit wären wir jetzt fertig. Wann wollen Sie reisen?"

Wäre es nicht besser, dem Onkel erst zu schreiben?"

Weiß er denn gar nichts davon?" fragte Sander stutzend.

Der Lieutenant schreibt freilich in seinem Briefe, daß er bereits an seinen Bruder geschrieben und meine Ankunst angemelde habe, ich finde das doch ein wenig voreilig von ihm."

Na, es sieht ihm ganz ähnlich," meinte der Rinder, farmer,er wird auch wohl keine Zeit mehr dazu gehabt haben, und wenn Sie erst schreiben und seine Antwort ab- warten wollen, wirds stürmischer Herbst, also schlechte lieber« fahrt sein. Nehmen Sie die Dinge, wie sie sind und beeilen Sie sich mit der Abreise, telegraphiren aber doch von Ham- bürg lieber nicht."

Gut, ich nehme beides, Rath und Hülfe von Ihnen an, und beginne morgen mit den Zurüstungen. Wie's aber auch kommen möge mit mir, niemals werde ich vergessen, was ich Ihnen schulde, und meine Dankbarkeit gegen Sie kann nur mit meinem Leben enden."

Ach, Schnack!" brummte der wackere Rinderfarmer, sich hastig schnäuzend, um seine Rührung zu verbergen und dann der alten Frau Reimers zunickend, welche heretnkam, um den Tisch für das Abendbrot zu decken.

10. Capitel.

Auf dem Anstand.

Der fünfte October war angebrochen und hatte sein schönstes sonnigster Herbstwetter gespendet. Ein Jagdvergnügen auf Altinghof galt immer für ein besonderes Fest, zu dem sich alle Gutsbesitzer in der Runde freuten, weshalb sich auch Niemand ohne ganz besondere Gründe davon ausschloß.

Die Frage, ob der Lindenhagener mit seiner Nichte ebenfalls zu den Eingeladenen gehörte, beschäftigte Jung und Alt, ja es wurde unter der Jugend sogar darauf gewettet, weil man von einer geheimen Verlobung zwischen dem amerikanischen Neffen und der schönen Ebba Regina munkelte. Es kam in diesem Falle also ganz besonder» auf die Ein» ladung an, um die Macht des famosen Han» Justus über seinen sittenstrengen Onkel zu erproben. Setzte er da» durch, dann war auch das Unwahrscheinlichste für ihn möglich.

Am verhergehenden Abend war der Notar au« F. schon eingetroffen und etwa» geschehen, wovon Han» Jusiu», der sich auf seinem Zimmer befand, keine Ahnung haben konnte.

Zwei Stunden hatte der alte Baron sich mit seinem An­walt eingeschloffen, um eine wichtige Unterredung zu halten, der ein noch wichtigeres Geschäft folgte, weil der Notar nur

einen Tag auf Altinghof bleiben konnte. Hätte der Neffe die Anwesenheit desselben erfahren, er wäre sicherlich noch unruhiger gewesen. Doch war der Diener zu geschult, um ungefragt etwas zu erzählen-

Es war nichts Geringeres als das Testament, da» der Notar aufgesetzt hatte, und das am nächsten Tage erst unter» zeichnet werden sollte, weil der Baron zwei seiner besten Freunde, die sich natürlich unter den eingeladenen Gästen be­fanden, al» Zeugen haben wollte.

Man constatirte am Jagdmorgen den Ausschluß der Lindenhagener und zwar selbst abseiten der Jugend mit großer innerer Gegnugthuung, während die älteren Herren an eine Einladung dieserSippschaft" überhaupt nicht ge­dacht hatten. Daß Hans Justus, der es sich nicht nehmen ließ, mit dem Arm in der Binde die Jagdgäste, worunter sich auch mehrere junge Damen befanden, persönlich zu be- grüßen, sich selberangeschoffen" hatte, erregte unter seinen Freunden das größte Erstaunen, da man von seiner fabelhafte« Geschicklichkeit im Schießen genug Beweise erhalten hatte. Man neckte ihn deshalb weidlich und er ließ sich Alles ruhig gefallen, beklagte seinen Unfall in elegischer Weise und betrug sich so tadellos, daß die Damen ihn einfach bezaubernd fanden. Er bemerkte es sehr wohl, daß die älteren Herren ihm äußerst kühl begegneten und sich geflissentlich von ihm fern hielten, ober sich nur kurz nach seinem Befinden erkundigten, eine Wahrnehmung, die ein ingrimmige» Lächeln bei ihm hervorrief.

Baroneß Ellen blieb zu Harald Römhilds Bedauern daheim, um die häuslichen Wirthfchafts - Pflichten im Inte­resse der Gäste sorgfältiger als je zu erfüllen. Der junge Hirschholmer, der jetzt bestimmt wußte, das au» ihr unb Hans Justus niemals ein Paar werden konnte, nahm seine Bewerbung um die Pflegetochter des alten Baron» wieder auf und zwar einestheils aus Neigung für da» schöne, liebenswürdige Mädchen, anderntheil» aber auch in der be­stimmten Vorausficht einer reichen Mitgift, die ihr trotz der hereingeschneiten Erben unzweifelhaft zu Theil wurde.

Der Unfall des Amerikaners schien ihr nicht sonderlich zu Herzen zu gehen, da sie im Gegentheil ungewöhnlich heiter war. Niemand ahnte, daß ihr sein Fernbleiben von der Jagd eine wunderbare Beruhigung gegeben hatte, während die Ge­sellschaft ihre Heiterkeit ganz ander» auslegte unb selbst Hans Justus etwas stutzig machte.

Ach," flüsterte Charlotte Römhild einer Freundin in'» Ohr, die Heuchlerin hat» doch auf den jungen Baron abgesehen. Sieh, wie sie sich freut, ihn hier allein zu behalten."

Das hilft ihr nichts," gab die Freundin ebenso leise zurück,mein Bruder Kuno hat mir unter'm Siegel der Verschwiegenheit verrathen, daß er» auf die Lindenhagenerin, die gräßliche Ebba Regina abgesehen hat."

Nicht möglich, das wäre ja ein Schimpf für uns alle, aber ähnlich sähe es ihm immerhin. Der alte Baron müßte ihn nach Amerika zurückschicken. Daß aber diese scheinheilige Pflegetochter sich Nicht schämt und ihre Freude so unverhohlen zeigt, ist ganz abscheulich, sie fürchtet nicht mit Unrecht, daß Hans Justus sie eines Tage» vor die Thür fetzen wird." , ..

Al» die Geschmähte sich ihnen jetzt näherte, waren beide Damen, die sich ihre liebsten und intimsten Freundinnen nannten, voll überströmender Zärtlichkeit gegen sie und meinten, daß sie immer lächeln müsse, weil sie dann noch einmal so schön aursehe. . u

Nun, ein wenig Liebe, ein wenig Treu, und ein bisset oder auch recht viel Falschheit dabei!" wie e» in der Posse heißt, da» ist der Brauch bei Arm und Reich.

Es war ein buntes, fröhliches Bild, als die Jagd- Gesellschaft aufbrach und theils zu Pferde, theils zu Wagen, von der Hunde - Meute gefolgt, den Schloßhof verließ. Die Reiter waren voraus, weil sie den zweiten Wald, der at« größter und wildreichster von der Jugend bevorzugt wurde, seiner weiten Entfernung halber sonst zu spät erreichten und sie alsdann auch zur Jagd zu wenig Zeit behielten. Mu