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feinem gewohnten Platz am Fenster- Im Nebenzimmer bemerkte sie Georg mit dem Packen der Koffer beschäftigt.
Wie bleich und verfallen der Baron aursah, als er Ilse jetzt sein Antlitz zuwandte.
„Ah, Sie?" sagte er mit müder Stimme. „Ich glaubte schon, Sie wären fortgegangen auf Nimmerwiedersehen."
„Wie konnten Sie so denken, Herr Baron?"
„Also nicht?"
Ein Lächeln flog für einen Moment über sein Gesicht. Er faßte nach der Hand der neben ihm Stehenden.
„Und die Antwort?" fragte er mit gedämpfter Stimme.
„Sie wünschten, Herr Baron, ich sollte mich prüfen — solle überlegen. Ich habe das gethan, habe überlegt mit dem besten Freund, den ich besitze."
„Einem Freunde?" sagte er und seine Stirn bewölkte sich. „Bedarf es eines Dritten zwischen uns?"
„Ich weiß so wenig von der Welt," entgegn te sie leise und hob die Hände bittend zu ihm auf.
Mit müder Miene ließ er den Kopf in die Kiffen zurück« finken-
„Und dieser Freund — wer ist er?" fragte er gedehnt.
„Pastor Seiffard, mein Seelsorger und Lehrer."
„Hier am Ort?"
„Ja, ein edler und allgemein geliebter Mann. Ihm dürfen Sie Alles sagen."
So kindlich kam das von des Mädchens Lippen, daß der Baron ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.
„Du Unschuld!" lispelte er und legte seine Hand auf ihren Kopf.
„Er ist hier. Darf ich ihn heteinsühren?"
„So, so, gleich den geistlichen Beistand mitgebracht. Sie sind doch weltklüger, als ich dachte, Schwester Ilse. Aber meinetwegen mag er kommen."
Ilse fühlte den leisen Spott in seinem Ton und das that ihr weh.
„Er thut's nur mir zu Liebe."
„Natürlich, mir zu Liebe nicht!"
Sie wandte sich schweigend zum Gehen. Er aber hielt sie an der Hand zurück.
„Nicht so, Ilse, nicht so! Grollen Sie nicht mit dem Kranken!"
Gleich war sie wieder versöhnt und nickte ihm unter Thränen zu: „Nie, nie! Aber seien Sie freundlich zu ihm und offen, Herr Baron, ganz offen —"
„Ich verspreche es!"
Mit etwas gerunzelter Stirn blickte der Baron der schlanken Gestalt nach. Verdrießlicher, als sie es denken konnte, war es ihm doch, sich sozusagen einer Prüfung zu unter« werfen, der Prüfung eine« Pfarrers. „O, Wolf, Wolf, wie wett ist es mit Dir gekommen!" murmelte er. „Und dennoch, auch das wird überwunden werden, wenn es nur zum Ziele führt."
«Schließ' die Thür!" befahl er nun dem im Nebenzimmer geschäftig mit den Koffern rückenden Georg.
Dieser gehorchte sogleich.
Im selben Augenblick trat der Pastor ein. Er verneigte sich leicht und schritt mit Anstand auf den Kranken zu, der ihn durch eine Handbewegung zum Sitzen einlud.
„Fragen Sie," sagte er in herbem Ton, „ich weiß ja, daß Sie mich auszufragen gekommen sind — und machen Sie es womöglich kurz — Sie wissen wohl, meine Kräfte reichen nicht weit."
Der Pastor verneigte sich.
„Ich bitt auf Ilses Wunsch gekommen, um als ihr väterlicher Freund mit Ihnen über das, lassen Sie es mich gestehen, mir unerklärliche Anerbieten zu sprechen, das Sie ihr gestern gemacht haben und auf dar Sie heute fchon eine entscheidende Antwort wünschen —"
„Ein Kranker, ioielleicht Sterbender, hat keine Zeit zum Warten. — Es handelt sich für mich darum, Herr Pastor, wie Schwester Ilse Ihnen auch wohl gesagt haben wird, für die letzten Tage meines Lebens ein Wesen an mich
zu fesseln, an dessen Pflege ich gewöhnt bin, vor dessen Charae« ter ich Hochachtung gewonnen."
„Dar begreife ich- Ilse Belli» trägt in einem unscheinbaren Körper eine starke und große Seele."
Wolf nickte.
„Eben deshalb habe ich gewagt, ihr ein Loos anzubieten, das nur eine selbstlose Seele auf sich nehmen kann. Verstehen Sie da«, Herr Pastor? '
„Vollkommen, Herr Baron. Aber Sie sprechen nur von Ihren letzten Tagen. Wenn Gott er aber anders wollte, wenn Sie unter der treuen Hand der Pflegerin gesunden sollten?"
Wolf machte eine geduldige Bewegung.
„Wenn dieser kaum zu erwartende Fall eintreten sollte, so muß Ihnen mein Name dafür bürgen, Herr Pastor, daß ich an der mir angetrauten Frau als Ehrenmann handeln werde."
„Das bezweifle ich nicht; aber Ilse, das werden Sie ja längst erkannt haben, liebt Sie und Sie werden diese Liede vielleicht nie erwidern können-"
„Ich habe Ilse nicht von Liebe gesprochen —"
„Aber sie gehört zu einer glücklichen Ehe —"
„Da« meine ich nicht. Freundschaft und Artung müssen nur zu oft in der Ehe die Liebe ersetzen und diese Ehen sind deshalb nicht unglücklich. Doch wozu über Dinge reden, dis in so vager Ferne liegen, die so unwahrscheinlich sind? Nehmen wir den Fall, wie er ist, daß Schwester Ilse einem armen Kranken mit ihrer Person ein Opfer bringt, daß er ihr zu lohnen nach Kräften bereit ist —"
„Das heißt, Herr Baron, wenn ich Sie recht verstehe, Sie find bereit, für die Zukunft der Ihnen angetrauten Gattin auch nach Ihrem Tode ausreichend zu sorgen?"
„Das bin ich."
„Haben Sie aber auch bedacht, daß Sie dadurch dis Ansprüche Ihrer rechtmäßigen Erben kürzen?"
Um des Barons Mund zuckte es bitter.
„Das weiß ich. Aber ich habe keine so nahestehende« Erben, daß fie ein Anrecht hätten, von mir zu verlangen, um ihretwillen einem letzten Wunsche, der Pflege einer liebevollen Hand zu entsagen."
Der Pastor schaute zu Boden. Hatte der Baron nicht Recht? Der Mann, der ihm die tödtüche Kugel in die Brust gesandt, hatte freilich ein solches Anrecht verwirkt-
„Und gerade weil ich mich geliebt weiß, Herr Pastor," fuhr Wolf fort, „begreifen Sie wohl, daß ich, der Verwaiste, der Einsame, von ihr mir die Augen zudrücken lassen möchte?"
„Ich habe dem nichts entgsgenzusetzen."
„Dann, Herr Pastor, nur eine Bitte noch: Lassen Sie die Entscheidung nicht lange auf stch warten. Ich lechze nach der Heimkehr in mein Hau«. Dort werde ich ruhiger mein Loos ertragen, hier wird mir jede Minute zur Pein."
Der Pastor hatte stch erhoben.
„Sie wollen abreisen?"
„Morgen, wenn es geht."
„Und Ilse?"
„Ich hoffe, fie wird groß genug denken, um mich nicht allein sortgehen zu lassen. Voraussichtlich läßt sich unsere Trauung bald ermöglichen. Doch darüber sprechen wir noch, Jetzt senden Sie mir Ilse "
Er reichte dem Pastor zum Abschied die Hand, die dieser warm drückte.
„Er hat doch noch mehr Gefühl, als ich anfangs geglaubt habe." Mit diesem Gedanken trat der Pastor in Ilses Zimmer, die ihm entgegeneilte und ihren Kopf in heftigster Erregung an seine Brust drückte. Er neigte sich zu ihr und küßte ihr die Stirn.
„Ich rathe nicht ab," sagte er leise.
Jetzt schaute sie mit strahlenden Augen zu ihm auf. — „O, lieber, lieber Herr Pastor!"
„Wohl gemerkt, ich sagte nur, ich rathe nicht ab. War Du aus Dich nimmst, wenn Du dem Baron ein „Ja" sagst, ist schwer und verantwortlich, und dunkel die Zukunft, welcher


