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Das war nun Alles anders geworden — durch Doras Schuld! Das Herz that ihr weh bei dem Gedanken, baß der zärtliche, für angenehme Gemüthlichkeit so empfängliche Vater künftig irgend welche Einbuße erleiden sollte. Dazu kannten weder Vater und Schwester bis jetzt den eigentlichen Grund des Zerwürfniffes. Wülpern hatte bei seiner Rückkehr dem Rendanten nur gesagt, daß tiefliegende innere Gründe ihnen beiderseits ein gemeinsames Fortleben unmöglich machten und daß er darum Schritts gethan habe, das eheliche Band zu lösen. Ein Vorwurf treffe Dora nicht, nur sein Schicksal habe er, Wülpern, anzuklagen, weil es ihn in seiner Wahl irre geführt habe. Es war dies eine Vorflcht mit gleichzeitiger großmüthiger Rücksicht auf die Liebenden. Denn Mülverstedt war noch immer activer Offizier und würde schwerlich den Heirathsconsens erhalten, falls Dora von einem Makel getroffen war.
Draußen ein leises Klopfen und das siebenjährige Töchterchen Frau Adelheids trat ein, um die Tante zum Thee zu rufen.
Dora folgte thränenschluckend, — in dem Kreise, in dem sie jetzt lebte, war jede lebhafte Gefühlsäußerung als „Sentimentalität" verpönt. Man genoß das Heute in der Hoffnung, das Morgen durch kluge, richtig stimmende Berechnung noch besser genießen zu können.
Die heutigen Absndgäste waren ein Regisrungsaflessor und ein junger Gelehrter, der als das Schooßkind Frau Adelheids galt. Die welterfahrene Regierungsräthin wußte ganz genau, daß heutigentags auch der Nimbus einer geistigen Bedeutung dazu gehört, um ein Haus zu machen. Demzufolge war sie immer auf der Jagd nach einem Künstler oder einem Afrikareisenden, begnügte sich im Nothfall aber auch mit einem Philosophen, falls er salonfähig war.
Das Gespräch ging den gewöhnlichen Gang: Theater, Stadtklatsch, etwas Politik — bunt durcheinander. Der stark ergraute Regierungsrath sprach von ein paar Avancements, die jeder Anciennität zuwiberliefen, und der kahlköpfige blasirte Regierungsaffessor klagte über die täglichen Ball-Einladungen, die noch immer kein Ende nehmen wollten.
Rur Doctor Hertel blieb schweigsam trotz aller Mühe, die sich die Regierungsräthin mit ihm gab. Dafür hingen seine Augen bewundernd an Dora — die Wissenschaft schien ihm keineswegs den Schönheitssinn geraubt zu haben.
Es entging Frau Adelheid nicht und ließ sie ihre Bemühungen einstellen. Wenn diese Dora in der Nähe, war mit den Männern einmal absolut nichts anzufangen. Und doch besaß sie außer „dem bischen Jugend und Schönheit" durchaus nichts, was ihr in der Gesellschaft Bedeutung geben konnte, wenigstens nicht in den Augen der Regierungsräthin.
„Meine Cousine ist eine Augenweide für Jedermann, nicht wahr, lieber Doctor?" meinte Frau Adelheid aushorchend. „Aber im Grunde genommen ist sie doch nur ein hübsches Bild."
„Allerdings pflegt die junge Dame nicht zu geistreicheln," bemerkte Doctor Hertel spitz.
„Geistreicheln? Was meinen Sie damit?" frug die Regierungsräthin verletzt.
„Ich möchte damit die bewußte Absicht ausdrücken, etwas Originelles, noch nicht Dagewesenes sagen zu wollen. Davon scheint mir allerdings Ihre Verwandte fern, gnädige Frau. Sie ist eben vollkommen natürlich, weil sie nicht einmal weiß, daß sie es ist. Ich möchte sie eine wurzelechte Rose nennen. Die Vorzüge derselben kennt jeder Gärtner. Sie geben duftreichere, vollere Blüthen, wenn sie auch die mannigfaltige Farbenpracht der künstlich aufgepfropsten Rosenstämme selten erreichen."
Frau Adelheid biß sich auf die Lippen — sie hatte längst angefangen, ihre augenblickliche Nachgiebigkeit gegen den Bruder zu bereuen. Sie war sich bewußt, eine wohl- armirte Festung zu sein; dennoch hatte sie sich diesmal überrumpeln lassen.
Ostern wurde die sechzehnjährige Hedwig eingesegnet; ehe die Tochter in die Welt eingeführt werden würde, mußte Dora
aus dem Hause sein. Sie durfte ihr nicht im Wege stehen — keinensalls.
Sie nahm sich vor, in diesem Sinne an den „armen, verblendeten Bruder" zu schreiben, besonders auch, weil sie durch den Gatten wußte, daß die Goldquelle der Alimentationsgelder, welche Wülpern während des Scheidungsprozesses an Dora gesetzlich zu zahlen hatte, nach erfolgter Scheidung in Wegfall kommen werde.
Arthur hatte übsrdem erklärt, später die Sorge für Dors unter allen Umständen allein zu übernehmen.
XI.
Dora stand vor dem Spiegel, zum zweiten Hochzeltsfest geschmückt.
So — noch den blühenden Orangenzweig etwas höher gerückt, daß die Wellen des herrlichen Blondhaares zum Vorschein kamen, und dis Brauttoilette war beendet.
Der Blick, den sie dabei nothgedrungen in den Spiegel warf, ließ sie vor sich selbst erschrecken. Ja, sie war sehr blaß heute — fast leichenfarben. Dazu lag schwerer Ernst auf der reinen, weißen Stirn. Unwillkürlich vergegenwärtigte sie sich das Bild, das ihr vor fünf Jahren entgegengestrahlt hatte aus dem kleinen, mullumhüllten Spiegel ihres Zimmers im Vaterhause in Gröpelingen. Im Geiste hörte sie wieder bas Lachen und Scherzen draußen, alle Heiterkeit und Lustigkeit der neugierigen, theilnehmenden Freunde und Bekannten und blickte in das glückstrahlende Gesicht des Vaters.
„Ich — konnte nicht anders, nein, neinl" rief sie leidenschaftlich und öffnete luftlechzend das Fenster, weil sich das Herz plötzlich zusammenkrampfte. Vielleicht dufteten die Orangenblüthen zu stark, der Duft der Myrthe war sanfter. Die hereindringende Mailuft beruhigte die erregten Nerven wieder und ließ ein paar Thränen leise die Wangen hinab« tropfen.
In diesem Augenblick trat Arthur von Mülverstedt ein, um die Geliebte zur Trauung abzuholen. Auch er war blaß, sah aber schön und vornehm aus.
„Endlich, Geliebte, ist der Augenblick unserer Vereinigung gekommen I" sagte er, Dora auf die Stirn küssend. „Aber was seh' ich, Dora? Willst Du im schwarzen Kleide zur Trauung gehen?" frug er, die schwarze AÜasrobe betrachtend.
„Ja, Arthur!"
„Unmöglich I"
„Verzeih' — aber ich kann nicht anders!"
„Wieso? Du bist doch keine Wittwe, die gezwungen zum Altar tritt, weil sie deü ersten Gatten noch betrauert," sagte Mülverstedt mit Ironie.
„Ich glaube — es ist in meinem Falle noch schlimmer," meinte Dora bedrückt. „Nein, nein, an Deiner Brust ist auf Erden mein einziger Platz!" verbesserte sie sich, indem sie sich leidenschaftlich an den Geliebten drängte. „Aber die Erinnerung, dies Gespenst, ich vermag es nicht zu überwinden!"
„Bitte, sei nicht sentimental, auch Schwester Adelheid redet davon. Sentimentalität ist unmodern, sie paßt absolut nicht in die heutige Welt. Du warst e» doch früher nicht. Bei unserer ersten, ziemlich sonderbaren Begegnung im Eisenbahnwagen, dann als mich der Erbonkel zur ersten Bekanntschaft herancitirte, erschienst Du mir übersprudelnd lustig."
„Was wußte ich damals vom Leben, vom Leid?" frug Dora. „Aber ich wußte auch nichts vom Glück. Jetzt erst kenne ich es. Lieber sterben als zurück!" rief sie jauchzend.
Mülverstedt küßte sie mit heißer Inbrunst und sagte, sie prüfend betrachtend, nicht ohne Innigkeit: „Bleibe, wie Du bist, Du bist holdselig wie immer, und vergieb mir meinen Wunsch. Sieh', ich glaubte ein Recht darauf zu besitzen, das Weib meiner Liebe, das ich nach großen Kämpfen zum Altar führen darf, auch äußerlich als echte Braut zu sehen in weißem Gewands. Aber es ist gleichgiltig." Dann fuhr er fort, indem er hinauswies: „Die ganze Natur scheint unser Hochzeitsfest mitzufeiern; der Frühlingstag kann nicht herrlicher sein!"


