wettergebräunten Mannes, von dem Mister Burnet wohl mit Recht sagen konnte, daß ihm jeder Baum und jeder Grashalm in der Prairie bekannt sei, machte sich George Neal auf den Weg.
Der Abschied von seinem blonden Töchterchen war trotz der kurzen Trennung, die ihnen bevorstand, sehr innig und schmerzlich.
Immer wieder warf sich Ellinor an seine Brust, um ihn schluchzend zu bitten, daß er sie doch lieber mitnehmen möge, und weder sein beruhigender Zuspruch noch Mays Liebkosungen brachten den Strom ihrer Thränen zum Versiegen.
„Mir ist so bang," klagte sie, „so entsetzlich bang. Es liegt mir wie die Vorahnung von etwas Schrecklichem auf dem Herzen." , t m
Zuletzt aber ließ sie sich doch überzeugen, daß ihre Begleitung dem Vater nur hinderlich fein würde und gab ihn aus ihren Umarmungen frei.
Bis die Gestalten der beiden Reiter in der Ferne verschwunden waren, folgte sie ihnen mit den Blicken, dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und eilte in ihr Zimmer, um sich auf's Neue einem Schmerz hinzugeben, dessen sie sich vor den Anderen schämte, weil sie wußte, daß er von ihnen sür kindisch gehalten wurde.
Als sie nach geraumer Zett sür die Hausgenoflen wieder sichtbar wurde, war sie zwar sehr bleich, aber äußerlich ruhig und gefaßt. Von den Aeußerungen, die Mister Burnet zu ihrem Vater über die Unsicherheit der Wege in Texas gethan, wußte sie natürlich nichts und man hütete sich wohl, in ihrer Gegenwart etwas Derartiges zu sagen. Es wurde im Gegen» theil von allen Seiten versucht, ihre übergroße kindliche Sorge durch verdoppelte Lustigkeit zu zerstreuen und namentlich Fred, der sie gar zu gern wieder heiter gesehen hätte, bot all' seine Liebenswürdigkeit und gute Laune auf, ihre trübe Stimmung zu verscheuchen.
Auch während des ganzen folgenden Tage- war er, sobald sich ihm nur eine Gelegenheit dazu bot, an ihrer Seite, Seit dem Beginne ihrer Bekanntschaft hatte er sich noch nie so lebhaft zu ihr hingezogen gefühlt als jetzt, wo er ihr junges, zärtliches Gemüth von Angst und Kümmerniß bedrückt wußte. Wenn er wirklich jemals für einen Augenblick den thörichten Gedanken gehabt hatte, May eifersüchtig zu machen, so lag ihm eine solche Absicht während dieses Tages jedenfalls weltenfern. Er hatte keinen anderen Wunsch als den, Ellinor so gut er konnte über die bangen Stunden ungewisser Er» Wartung hinwegzuhelfen und.wenn er dabei schier unerschöpflich war in ritterlichen Aufmerksamkeiten und feinfühligen Erheiterungsversuchen, so war dies nach seiner Ueberzeugung nichts weiter, als was in solchem Fall etwa ein liebevoller Bruder für seine Schwester gethan haben würde.
Ob May es anders ansah, verrieth sich in ihrem Benehmen nicht. Sie beschäftigte sich vielleicht heute etwas weniger mit ihrer Freundin, als es sonst der Fall gewesen war, aber das konnte recht wohl ein bloßer Zufall sein und wenn sie einmal zu Ellinor sprach, geschah es in demselben gütigen und herzlichen Tone, den sie von Anfang an gegen sie angeschlagen hatte. t „
Von den kleinen Bosheiten, deren sie Fred Houston gegenüber sonst einen unerschöpflichen Vorrath in Bereitschast hatte, kam heute sogar nicht eine einzige über ihre Lippen, und nur als er sie am Abend bat, etwas zu singen — ein Wunsch, den er freilich ebenfalls nur um Ellinor» willen ausgesprochen hatte — erwiderte sie ziemlich kurz und schroff, daß sie sich dazu nicht aufgelegt fühle.
Aber es hatte fast den Anschein, als ob sie diese Unfreundlichkeit sofort bereute. Denn kaum fünf Minuten später fragte sie ihn zu seiner Ueberraschung, ob er Lust hätte, sie in der Frühe der nächsten Tages auf einem Ritt in die Prairie zu begleiten.
Ohne Besinnen und sichtlich erfreut sagte er zu; zugleich aber wandte er sich an Ellinor, um der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß auch sie bei der Partie sein würde.
Doch das junge Mädchen schüttelte bestimmt ablehnend den Kopf.
„Ich bin eine sehr schlechte Retterin," sagte sie, „und was ich bis jetzt von Mister Burnets Mustangs gesehen habe, kann mir wenig Muth machen, mich mit einem dieser unbändigen Thiere einzulaffen."
Noch bevor Fred versuchen konnte, sie anderen Sinnes zu machen, bestärkte May die Freundin iin ihrem Entschluß, indem sie erklärte: „Ellinor hat vollkommen Recht. Unsere Mustangs sind durchweg halbwilde Bestien und ohne Zweifel die boshaftesten und tückischsten Geschöpfe unter der Sonne. Man muß wie ich Jahre lang in beständigem Kampfe mit ihnen gelegen haben, um alle ihre Eaprizen und Untugenden zu kennen."
Dagegen ließ sich nun freilich nichts mehr einwenden, wenngleich es Fred scheinen wollte, als sei bet dieser Characte- ristik der kleinen, flinken Pferde ziemlich viel Uebertreibung im Spiel. Im Grunde war es ja sür ihn nur schmeichelhaft, wenn May bei dem Spazierritt keine andere Gesellschaft haben wollte als die seinige und vielleicht auch bot sich dabei endlich Gelegenheit zu einer Aussprache, die dem jetzigen un- klaren und auf die Dauer unerträglichen Verhältniß zwischen ihnen ein Ende machte.
Bei dieser Hoffnung sah der junge Mann dem Ausfluge mit einer gewiffen freudigen Erwartung entgegen.
Er erhob sich sehr frühzeitig von seinem Lager und beeilte seine Toilette um so mehr, al» er bei Sittern Blick aus dem Fenster bemerkte, daß May trotzdem vor ihm schon aus ! den Federn gewesen war. Sie lehnte in einem allerliebsten tzketten Reitanzuge an der Brüstung der Veranda, vor der drei fertig aufgezäumte Mustangs, eines von ihnen mit einem Damensattel, von einem Schwarzen gehalten wurden.
Fred Houston verzichtete mit Vergnügen auf sein Frühstück, um nur recht schnell unten an ihrer Seite zu sein und sein hübsches Gesicht strahlte von Lebensfreude und Fröhlichkeit, als er ihre schmale Rechte, die den Handschuh noch nicht aufgesireist hatte, zum Gruß an seine Lippen führte.
„Ich mache mir eigentlich Vorwürfe, Sie zu diesem Ausfluge aufgefordert zu haben, Mister Houston," sagte May, die merkwürdig blaß und übernächtig aussah. „Wenn ich auch keinen Augenblick zweifle, daß Sie ein ausgezeichneter Reiter sind, so fürchte ich doch, daß Sie mit dem ungeberdigen Thiere da, dem einzigen, das ich Ihnen zur Verfügung stellen kann, sehr viel Plage und Aerger haben werden."
„O, wenn es nichts weiter ist als das," lachte er, „so dürfen Sie ganz unbesorgt sein. Ich bin zwar kein Alexan- der, der kleine, struppige Gaul dort ist aber auch kein Buce- phalus. Ich werde keineswegs übermäßig stolz darauf sein, wenn es mir gelingt, ihn unter meinen überlegenen Willen zu zwingen." „ , .
May antwortete nichts und ließ sich von ihm in den Sattel heben, um dann ihren Mustang sogleich durch einen scharfen Peitschenhieb in rasche Gangart zu setzen.
Fred, der ein paar Sekunden später die Füße in den Bügeln hatte, ohne daß er dazu den Beistand des Schwarzen hätte in Anspruch nehmen müssen, brachte sich indessen mühelos neben sie und galoppirte an ihrer Seite glücklich in den herrlichen, frischen Morgen hinein.
Da» Pferd erschien ihm so folgsam und so gut zugeritten, als er nur jemals eines zwischen den Schenkeln gehabt und er konnte sich nicht enthalten, seine schöne Begleiterin in gutmüthigem Scherz wegen ihres geringen Vertrauens in seine Reitkunst zu verspotten. , „ ,
May aber ging nicht auf seine harmlose Munterkeit ein, und ihr Gesicht behielt jenen kalten, hochmüthigen Ausdruck, der ihm in der letzten Zeit so oft und so gründlich mißfallen hatte.
„Um so besser, wenn ich mich getäuscht habe," sagte sie. „Es hätte mir nur leid gethan, Sie als einen Gegenstand der allgemeinen Heiterkeit zu sehen, wenn Sie unberitten nach Hause zurückgekehrt wären."
„Ntm, diese Besorgniß war allerdings unbegründet. Mem


