Ausgabe 
28.3.1896
 
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umschwebte, schwand, sobald sie fern war. Er hatte damal», al» Axel ihm seine Verlobung angezeigt, die schöne Amerika- netto im Herzen al» eine Kokette verurtheilt, die den Flirt gar zu weit treibt und sich nicht scheut, Neigungen zu erwecken, die zu erwidern sie keineswegs willen» ist. Seine Niederlage dem Vetter gegenüber hatte ihn tief gekränkt, um so tiefer, je leidenschaftlicher er für Adeline geglüht hatte. Und er war nicht gewöhnt gewesen, im Kampfe um Frauengunst zu unter­liegen. Da» hatte seinen Schmerz verdoppelt, ihn in jene zornige Stimmung versetzt, die einen Zusammenstoß mit dem Vetter unausbleiblich machte. Und der Gedanke, diesen in einem Besitze glücklich zu wissen, der ihm versagt war, hatte ihn selbst noch quälend verfolgt nach seiner Verheirathung, die den Verhaßten zum mindesten von dem Genuß seines reichen Erbes ausschloß.

Das war nun vorbei. Adeline hatte ihr Verlöbniß ge­löst, sie war frei. Er durfte nur das Band zerschneiden, das ihn an Ilse fesselte, und sie wurde die Seine, ja, Ilse hatte es großmüthig bereit» selbst zerschnitten-

Aber gerade da» peinigte ihn. Je mehr er es jetzt täglich deutlicher empfand, was sie ihm gewesen war, desto mehr wuchs ihr Werth in seinen Augen- Er kam sich klein vor, ein Spielball seiner Leidenschaften, und grollte mit dem Geschick, da» ihn in solchen Zwiespalt gestürzt hatte.

Besser vielleicht, er hätte diese übereilte Heirath unter­lassen, wäre frei geblieben. Dann hätte er das Glück, da» geliebte Mädchen sein eigen nennen zu dürfen, voll genießen können. So aber würde die Wonne von Adelinen» Besitz , stets durch einen heimlichen Gewiffenrbiß beeinträchtigt wer- den; es war wieder, wie so oft in seinem Leben, nichts Volles und Ganze».

Und doch, wer weiß, ob er ohne Ilse» treuen Beistand in den Tagen der Krankheit und Verdüsterung seiner Seele überhaupt noch im Lichte wandelte, ob nicht Schmerz und Lust für ihn lange im stillen Grabe Ruhe gefunden hätten? Ja, wer weiß! Er mochte seine Gedanken drehen und wenden wie er wollte, da» Gefühl, eine Schuld der Dankbarkeit gegen Ilse zu haben, wurde er nicht los.

Auch Georg war seit Ilse» Abreise in Brindisi nicht mehr der willige, hingebende Diener seines Herrn wie zur Zeit ihrer Anwesenheit. Zwar that er seine Pflicht nach wie vor; aber die Freudigkeit, mit der der alte Mann sonst um Wolf gewaltet, da» Glück, da» ihm au» den alten Augen ge­leuchtet hatte, wenn er ihn in einstiger Kraft daherschreiten sah, das fehlte jetzt.

Sines Abends, als Georg ihn entkleidete und er, da er sich nervös angegriffen fühlte, den gewöhnlichen Abendtrank verlangte, den sonst immer Ilse bereitet hatte, kam es un­willkürlich von des Alten Lippen.

Ja, wie die Frau Baronin noch hier war, ging es dem Herrn Baron viel besser. Der Herr Baron nehmen schon wieder ab"

Meinst Du? Ich glaube, da» Klima in Neapel bekommt mir nicht gut." .

Ach, das Klima ist hier za auch schön und warm genug; aber e» ging früher Alles besser, geregelter zu als jetzt."

Das ist Deine Schuld. Sorge dafür, daß es ebenso bleibt wie früher." _

Ja, wenn ich das könnte, Herr Baron. Der Wille ist gut, aber die Frau Baron zu ersetzen, die so fürsorglich war und Alle» so im Auge behielt, was dem Herrn Baron dienlich sein konnte, da» vermag ich nicht. Sie verstand'» eben, wie keine sonst. Eine solche Frau l Ich habe in meinem langen Leben keine ähnliche gekannt. Sie hätten sie nicht fortlassen sollen, um Ihretwillen nicht, Herr Baron."

Sie wollte nicht bleiben," sagte Wolf kurz und als der Alte noch etwas erwidern wollte, gab er ihm unmuthig ein Zeichen, sich zurückzuziehen.

So aber konnte es wirklich nicht weiter gehen, er mußte sich dieser grüblerischen Stimmung entreißen, zu einem festen Entschlüsse kommen. Schließlich war er nicht der Mann, der

eine Frau, die sich von ihm lösen wollte, gewaltsam zurück« sielt. Jetzt hieß es für ihn, ein neues Glück sich gründen, nicht rückwärts, sondern vorwärts schauen.

Am andern Tage schon befahl er Georg, die Koffer zu rüsten, um nach Rom überzusiedeln. Eine geheime Hoffnung agte ihm, er «erde Adeline dort trotz des erst für einige Wochen später in's Auge gefaßten Zusammentreffens schon vorfinden, und er fühlte das Bedürfniß, in ihrer Nähe neue Kraft zu gewinnen, sich von ihr wieder berauschen zu lassen, um zu vergessen, was ihn innerlich quälte und nicht zum Frieden kommen ließ l

Gleich nach seiner Ankunft in der ewigen Stadt eilte er nach dem von Adeline ihm bezeichneten Hotel, um zu fragen, ob die Damen Graham dort etwa schon angeko nmen seien. Der Portier bejahte e»; aber die Herrschaften seien seit zwei Tagen auf einem Ausflug in den Albaner Bergen. Wann sie zurückkehren würden, wäre nicht bestimmt.

Etwas entmuthigt schlug Wolf den Heimweg ein. Er hatte so sehr auf den erfrischenden Einfluß des Verkehrs mit der Geliebten gehofft, und nun war das Wiedersehen auf unbestimmte Zeit verschoben. Ihr nachzugehen, war sein erster Gedanke; aber er verwarf ihn wieder, denn wo sie finden? Besser noch, hier warten; zu lange würde sie ja voraussicht­lich nicht fortbleiben.

Ganz in Gedanken versunken den Corso entlang gehend, hörte er plötzlich seinen Namen rufen.

Wenzelen, Du hier?"

Er blickte auf.Egeling!" rief er, freudig überrascht. Er hatte einen ehemaligen Regimentskameraden erkannt, mit dem er manche fröhliche Stunde im heimathlichen Berlin ver­lebt hatte, damals, als er noch der tolle Wolf gewesen war. Egeling erzählte, daß er seit einem Jahre der Gesandtschaft in Rom attachirt sei. Er war ganz voll von Begeisterung über da» anregende Leben, das er hier führe und bot sich selbstverständlich Wolf als Führer durch die Sehenswürdig­

keiten an.

Das Erste ist," schloß er,daß ich Dich morgen mit mir nach den Grotten von Cernaea nehme, wo gerade da» Maifest der Künstler gefeiert wird. Etwas Eigenartigeres hast Du noch nicht gesehen."

Wolf nahm ohne Besinnen die Einladung an, nur machte er zur Bedingung, daß er seinen Georg mttnehmen wolle, da sein Gesundheitszustand ihm ab und zu noch seinen Bei­

stand nothwendig mache.

Wie Du willst, ich werde auf alle Fälle einen Wagen bestellen."

Nein, das laß meine Sorge fein. Im Hotel bekommt man ihn am leichtesten."

Abgemacht!"

Es war ein herrlicher, sonniger Frühlingstag, als die beiden Freunde sich am anderen Morgen auf den Weg machten. Die Natur hatte ihr Feierkleib angelegt, überall sproß und blühte es in südlicher Ueppigkeit. Sternblumen und Anemonen leuchteten in Heller Farbenpracht au» dem üppigen Grün der Campagna, aus Fels und Trümmerwerk hervor, gelber Ginster überzog das dunkle Gestein wie mit leinem goldschimmernden Mantel, in der Ferne blauten die Albaner Berge, Wolf wie die Augen der Geliebten grüßend. Dort weilte sie ja, sie, nach der er sich mit allen Fibern seiner Seele sehnte.

Eine buntgemischte Menschenmenge war auf dem Festplatz zusammengeströmt, voran alle in Rom gerade weilenden Fremden, dem heiteren Treiben einer internationalen Künstler- schäft auf altklassischem Boden zuzuschauen. Verschiedene Auf­züge, wenn auch ohne die glänzenden Costüme, die man in Deutschland bei solchen Gelegenheiten zu sehen gewohnt ist, belebten da» bunte, eigenartige Treiben. Humor und Ueber- muth allein führten hier ihr lustiges Scepter. Da sah man Kochtöpfe als Helme aufgestülpt, Rüstungen ganz aus Stroh angefertigt, Kleider von Papier; aber Alles hatte Chic, zeugte von Laune und Geschmack.

Wolf schritt mit seinem Gefährten Arm in Arm durch da» Gewoge hin, an ausgeschlagenen Zelten, mit Blumen-