43
genug au«, ist ganz sanft geworden und rührt die Pfeife nicht an.”
„Vielleicht besitze ich da« Mittel, ihn wieder gesund zu machen,” sagte Cäcilie, „hier mein Freund, bringt ihm dieser Briefchen.”
„Na, na, Fräulein, dar ist ein Wagstück, der Brief von dem Lieutenant war'« just, der ihn krank gemacht hat ”
Cäcilie demonstrirte ihm lächelnd, daß dieser ihn gesund machen werde, forderte aber zugleich, drinnen int Garten auf die Antwort warten zu wollen und Jacob konnte nichts dagegen machen. Die würde selbst, wie er dachte, den Hauptmann zahm gemacht haben.
Nach fünf Minuten war er schon wieder zurück.
„Der Herr Hauptmann will Sie sprechen, Fräulein!” rief er athemlos. „Er fuhr mit einem Ruck auf, e« ist nicht auszudenken, und hat sie noch nicht mal gesehen.”
Cäcilie folgte ihm lächelnd und trat in de» Hauptmann- Zimmer, dessen Thür Jacob nach Vorschrift fest zu machte. Der alte Herr sah sehr verfalle» aus, sein Gesicht war ebenso grau wie der starke militärische Schnurrbart. Er wollte sich erheben, sank aber kraftlos zurück. Auf dem Tische im Bereiche seiner Hand lagen zwei offene Briefe.
„Bleiben Sie ruhig fitzen, Herr Hauptmann,” begann Cäcilie, stch auf einen Wink von ihm ans einen Stuhl in seiner Nähe niederlassend. „Ich kenne Otto Waldmann, der seinen Vater gefunden und diesen trotz seiner Reichthumr verleugnet hat. Sie sehen daraus, daß ich sein volles Vertrauen besitze. Wie beurtheilen Sie Ihren Sohn?”
„Ich bin stolz auf ihn,” versetzte Rautenstern, „er ist ein Charakter und wird seinen Weg auch ohne mein Geld machen. Ich möchte ihn gar nicht anders, obwohl ich seinen Verlust um so schmerzlicher fühle, die harte Züchtigung war verdient. Liebt mein Sohn Sie?”
„Ja, Herr Hauptmann!”
„Aha, ich verstehe, sind Beide arm, nun wollen Sie eine Versöhnung herbeiführen. Ja, ja, mein Kind, da» wäre mir lieb genug, stände von meiner Seite nicht» int Wege, da mir die Tochter ganz annehmbar erscheint. Könnten dann heirathen, wie?”
„Gerade so ist'-, Herr Hauptmann,” erwiderte Cäcilie. „Er will aber nicht, der Trotzkopf, ich soll auf ihn warten, bi» wir Beide alt und grau sind.”
„Ein Character, Hut ab vor ihm,” murmelte der alte Herr. „Das ist eine schlechte Aussicht, mein Kind,” setzte er lauter hinzu, „lassen Sie mich einmal nachdenken. Halt, sagen Sie, daß Sie so und so viel, na, meinetwegen fünfzig- tausend Mark geerbt haben, dann können Sie gleich heirathen.”
„Hilft nicht», Herr Hauptmann! — Otto würde nur eine reiche Frau heirathen, wenn er ein Gleiche» in die Waage werfen könnte. Darf ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen? — Und — wissen Sie, weshalb er seinen Abschied hat nehmen müssen?”
«Nein, da» hat er mir nicht gesagt, erzählen Sie nur.”
Cäcilie erzählte zuvörderst die Duellgeschichte mit dem Oberst, was den Hauptmann in große Aufregung versetzte.
„Der schlechte Kamerad hätte vor die Klinge gemußt; armer Junge, aber er hätte sich doch schlagen sollen, sich auf die Defensive beschränken können.”
„Ich glaube, er handelte recht,” meinte Cäcilie, „weil er immerhin der schuldige Theil war und in der Hitze eines solchen Kampfes sich zu vergessen fürchtete. Der Oberst hätte sich mit der Abbitte begnügen sollen. Die Wuth über das Scheitern seines Heirathsplanes mag ihn über die Grenze der Vernunft hinsusgeriffen haben.”
„Der mittellose entlassene Offizier war schlimm daran,” fuhr sie in ihrer Erzählung fort, „weil er nichts mit sich anzufangen wußte und als Sohn des Regiments feinen Beruf über Alles in der Welt liebte. Da las er in einem hiesigen Blatt die Heiraths-Annonee eines jungen Mädchens mit einem Vermögen von zweimalhunderttaufend Mark, welches unter der Chiffre 777
„Wie,” unterbrach der Hauptmann sie erstaunt, „777? Er fiel doch nicht darauf herein?”
„Ich bin überzeugt, daß fein Freund, ein Lieutenant von Rosenau, ihn dazu verführt hat. — Es war ja auch nicht so schlimm, weil die Betreffende erst in Correspondenz mit dem ihr zusagenden Heirathreandidaten treten und somit erst eine Bekanntschaft anbahnen wollte. Apropos, Herr Hauptmann, führt Ihr Haus nicht die Nummer 777?"
„Ja, ich habe es durchgesetzt, wissen Sie, warum? — Weil der siebente Tag im siebenten Monat der schwärzeste Tag meines Lebens, nämlich derjenige war, an welchem ich meine Frau verlor. — Und weil ich — Gott verzeih' mir diese Sünde — jede Frau für eine böse Sieben hielt. Und auf diese fatale Nummer mußte der Junge in eine solche Falle gehen!”
„Schicksal, Herr Hauptmann, der Türke nennt es Kismet,„ bemerkte Cäcilie, ein humoristisches Lächeln unterdrückend. — „Hören Sie weiter.”
Sie erzählte jetzt von seiner Reise nach Wien, von ihrer Reisebekanntschaft, der Fortsetzung derselben, welche mit seiner Abreise nach dem Gute des Herrn von Bornheim endigte und hob dabei ganz besonders ihre Unterhaltung mit ihm im Prater hervor, die sie haarklein berichtete.
„Hm,” meinte der Hauptmann, al» sie schwieg. „Sie kannten ihn also von Ansehen, wie man sagt, er aber hatte Sie niemals gesehen?”
„So ist'» und ich will auch ehrlich gestehen, daß ich mich heimlich gründlich in ihn verliebt hatte.”
„Aha, jetzt gerath' ich auf eine Spur, Sie setzten sich auf seine Fersen und lockten ihn zu stch in'« Coupee, kenne da», Kleine, wird dem Schaffner ein Trinkgeld in die Hand gedrückt und so weiter.”
„Nicht ganz so, Herr Hauptmann,” rief Cäcilie erröthend und lachend, «ich sehe wohl, daß ich jetzt vollständig beichten muß, um nicht bei Ihnen in ein falsches Licht zu kommen. So hören Sie denn, ich bin weder Lehrerin, noch arm, sondern eine verwaiste Erbin, die seit einem halben Jahre der Vormundschast entwachsen ist. Der alte Herr Werner, bei dem Ihr Sohn gewohnt, war mein Vormund, doch war ich nur selten in X. und hielt mich meistens in Dresden oder Wien bei Freunden auf. Ich habe Lieutenant Waldmann damals nur zweimal gesehen, es war genug, um mein Herz an ihn zu verlieren und leider, da es zur Zeit jener Katastrophe geschah, zu spät, um eine nähere Bekanntschaft anzubahnen. Sein Schicksal ging mir nahe, zumal mein Vormund ihm da» höchste Lob spendete. Kurz entschlossen, wie da» meine Art ist, wollte ich ihn prüfen und —"
„Ah — Sie schrieben die Heiraths-Annonce," fiel der Hauptmann erregt ein, „eine schlimme Versucherin I"
„Ja, ich nehme auch diese Sünde auf mein Conto, — ich mußte doch mit ihm bekannt werden. Er kam also und ich Regte- Der Passus mit Wien kam mir gelegen, weil ich wirklich abreisen wollte, ich nannte mich Stern, obwohl ich Stein heiße und — dirigirte ihn nach Hirschweiler zu Herrn von Bornheim.”
„Ja, zu dem Manne, dem ich im blinden Wahne den Arm zerschoß und schwerer Unrecht hinzufügte,” kam es leise von der Hauptmanns Lippen. „Sagen wir durch Gotte» Fügung, meine Tochter, Sie find sein Werkzeug gewesen, um mir den letzten Trost, den Anblick des braven Sohnes und die Verzeihung meines armen, von mir gemißhandelten, ja, gemordeten Weibes zu geben."
„Sie haben Ihre Verzeihung wirklich erhalten, Herr Hauptmann?” fragte Cäcilie freudig erregt.
„Ja, mein Kind, doch möchte ich Dich bitten, mich Vater und Du zu nennen."
Er streckte die Arme nach ihr aus und Cäcilie erhob sich rasch, ihn zu umarmen und zu küssen.
„M.in lieber, lieber Vater,” sagte sie bewegt, „jetzt dürfen wir Alle auf Glück hoffen, denn steh', Otto darf nur die atme Lehrerin lieben, da ich die Gewißheit erlangen


