Ausgabe 
28.1.1896
 
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feit wir um nicht gesehen, ergangen? Gewöhnen Sie sich an Ihren neuen Beruf?"

D, ich liebe ihn bereits," versicherte Waldmann, sie mit leuchtenden Blicken betrachtend, da sie ihm viel schöner noch al« früher erschien und er die größte Lust verspürte, sie an seine Brust zu ziehen und als sein Eigenthum zu beanspruchen. Ich bin Ihnen zu höchstem Dank verpflichtet, die Familie ist so lieb und gut zu mir, wenn Herr von Bornheim auch jetzt mit mir hadert und mir zuweilen recht rauh den Text liest."

Ei, ei, dann hat er sicherlich Grund dazu," meinte Cäcilie, ihm eine Tafle Kaffee eingießend,bedienen Sie sich, bitte! Dars ich erfahren, was Sie verbrochen haben?"

Ja, Fräulein Cäcilie, ich hätte doch Alle» geschrieben!" Er erzählte ihr jetzt von seiner Sendung und von dem Resultat derselben. Sie hörte mit großem Interesse zu, ohne durch eine Miene zu verrathen, daß ihr dar Meiste bereits bekannt sei.

Der geheimnißvolle Menschenfeind ist Ihr Vater?" rief sie endlich, auf'» Höchste überrascht.Das ist ja fabelhaft interessant- Wissen Sie, daß sich Niemand in der Stadt seines Anblicks rühmen kann, als sein Bankier? Und daß ich mir stets den Kopf darüber zerbrochen habe, warum er die Nummer feine» einsam gelegenen Hauses in 777 umwandelte, auch trotz aller Geldstrafen daran festgehalten hat?"

Waldmann sah sie bestürzt an.

Nummer 777?" fragte er leise.Das ist seltsam!"

Nicht wahr?" fuhr sie eifrig fort.Den Bankier Meiring, der mir bekannt ist, fragte ich einmal darum, er meinte boshaft, der Hauptmann habe wohl drei böse Frauen gehabt, deren Andenken er dadurch verewigen wolle- Doch das bei Seite. Sie sind also der Sohn und Erbe eine» sehr reichen Manne», Herr Waldmann und werden selbstverständ» lich fortan den Ihnen zukommenden Namen tragen. Ich fürchte nur, daß Herr von Rautenstern Sie trotz Allem adop- tiren muß."

Ihre Furcht ist unnöthig, mein Fräulein!" erwiderte der junge Mann kalt,da ich meine Armuth und meinen Namen weitertragen werde. Oder würden Sie einen Mann achten können, welcher elend genug wäre, von dem Mörder feiner Mutter Reichthum und einen adeligen Namen anzu« nehmen?"

Sie vergessen die Kindespflicht dem Vater gegenüber," warf Cäcilie ein.O nein, mein Freund, ich kann Ihre Ansicht, Ihr Thun in dieser Hinsicht nicht gut heißen."

Freilich," bemerkte er nicht ohne Hohn,würde die Null zur Bedeutung gelangen, meine Gnädige, und mir viel­leicht ein Glück zu Theil werden können, das meiner Armuth ewig unerreichbar bleibt."

Und wenn es so wäre, mein Freund?"

Er blickte sie mit schmerzlichem Vorwurf an.

Nein, nein, Cäcilie," rief er heftig,Sie können nicht so niedrig von mir denken, Sie nicht, oder ich müßte an jeder edlen und idealen Regung im Menschenherzen verzweifeln."

Ist es nicht genug," fuhr Waldmann nach einer Pause fort,daß der Realismus unserer Zeit die Menschheit herab­zuziehen und den Blüthenbaum idealer Lebensanschauung er­barmungslos zu entblättern sucht? Darf eine Lehrerin, welche dazu berufen ist, die weibliche Jugend zu erziehen, sie zu be­wahren vor solcher Versumpfung, ebenfalls in diese Fußtapfen treten, dem Realismus des Lebens eine Macht einräumen, vor der sie schaudernd zurückweichen müßte? Sie stellen mich auf den Scheideweg zwischen Pflicht und Glück, nun wohl, ich wähle den finsteren Pfad und verschmähe ein Glück, da» sich durch Gold nur erreichen läßt."

Er hatte sich erhoben und wandte sich jetzt hastig der Thür zu.

Ein Wort noch, Herr Waldmann!" rief sie ihm zu. Er blieb stehen und blickte sie an.War, glauben Sie, würde Ihre Mutter, wenn sie noch lebte, dazu sagen?" fragte sie ruhig-

Meine Mutter würde mir beipflichten"

Sind Sie dessen gewiß? Wäre die Gute so rach­süchtig gewesen, dann hätte sie Ihnen doch sicherlich nicht den Vornamen de» Vaters gegeben. Otto!" setzte Cäcilie, sich rasch erhebend und auf ihn zutretend, mit weicher Stimme hinzu.Wer sagt Ihnen, daß ich den Mann meine» Herzens um seiner Armuth willen verschmähe, antworten Sie mir auf Ihr Gewissen, würden Sie um mich werben, wenn ich reich wäre, wenn Sie der Gattin Alle» zu verdanken hätten?"

Nein, da» könnte ich nicht ertragen, nimmermehr! Aber ich will vorwärts streben mit unermüdlichem Fleiß, will mir selber einen festen Boden und wenn Du warten willst bi« dahin, Cäcilie! O sprich, daß Du e» willst, sage mir, daß Du mich liebst, gieb mir diese Hoffnung mit, wenn ich nicht verzweifeln soll."

Thörichter, ungestümer Mensch!" erwiderte sie leise. Ja denn, ich liebe Dich und will, sollte ich darüber auch alt und grau «erden, auf Dich warten, doch nur unter einer Bedingung."

Er riß sie an seine Brust und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.

Halt, erst meine Bedingung," rief sie endlich, sich seinen Armen entwindend.Setze Dich wieder ruhig dorthin. Also, wenn ich Dir in irgend einer Form das mütterliche Zeugniß ihres verzeihenden Herzens vorlegen kann, dann wirst auch Du dem Vater verzeihen und ihm die kindliche Liebe nicht länger verweigern. Das ist meine Bedingung, mein Freund, weil der Gedanke, mit grauen Haaren vor den Altar zu treten, nicht ermuthigend für mich ist."

Du würdest also, fall« e» Dir damit glücken sollte, den Reichthum mit mir theilen, Geliebte?"

Gewiß, e« würde mich glücklich machen, Dir Alle» zu verdanken. Da» ist ja eben da» Vorrecht der Frau. Und steh'," fuhr sie nach einer Weile sehr ernst fort, «ich denke mir, daß der Gedanke an den unglücklichen Vater sich wie ein Schatten auf unser Glück legen würde."

Du magst Recht haben wie immer, meine gestrenge Schulmeisterin!" rief Waldmann aufspringend und die Ge­liebte, welche stch ebenfalls lächelnd erhoben, aus'« Neue in die Arme schließend.Jetzt wünsche ich von ganzem Herzen, daß die Beweisführung Dir gelingen möge. Wie willst Du das aber anfangen?"

Darüber bin ich mir selbst noch nicht klar, werde indeß wohl zum Ziel gelangen, weil für mich zu Großes dabei auf dem Spiele steht. Und nun laß uns den Fahrplan studieren, mein Freund, da ich keine Zeit verlieren darf, meinen Feldzug zu beginnen."

Er sah sie auf dem Wege nach X. abfahren und blickte dem Zuge mit einer geteilten Empfindung inneren Zwiespalt» und seligen Glücke« nach. Da er ihr zum Abschied da» Ver­sprechen gegeben hatte, noch heute nach Hirschweiler zurück- zukehren, so blieb er auf dem Bahnhof, um den nächsten Zug zur Heimfahrt gleich benutzen zu können.

XI.

Cäcilie studirte unterwegs den Bomheim'schen Brief und blieb bei dem Passus stehen, daß Waldmanns unglückliche Mutter jedenfalls in dem an den Gatten gerichteten Brief ihm ihre Verzeihung ausgesprochen habe, wie solche auch in dem Wunsche, dem Knaben des Vaters Namen zu geben, aus­gedrückt sei. Hier, so Überlegte die kluge junge Dame, mußte sie den Hebel einsetzen, da hier allein der Beweis dafür sich finden ließ.

In X. angekommen, schrieb sie im Hotel einige Zeilen, die fie wohl versiegelt mit der Adresse des Herrn von Rauten­stern versehen, zu sich steckte, um damit den Menschenfeind in seiner Festung zu überrumpeln.

Jacob prallte beim Oeffnen des Thore» drei Schritte zurück. Ein junge», elegantes Frauenzimmer, das war eigent­lich noch nicht vorgekommen.

Nimmt Ihr Herr Besuch an?" fragte Cäcilie ruhig.

Nicht um die Welt," stotterte Jacob,er ist auch krank und liegt wie tobt auf dem Sopha. fJa, ja, es sieht schlimm