Ausgabe 
27.10.1896
 
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Freudenschauer« durchbebte Rechte gleiten und wandte sich zur Thür.

Also auf morgen Abend, mein Lieber! Und daß Eie nicht vergessen, vermeiden Sie jede Anrede der Dame, jede Frage! Sie ist, wie bemerkt, außerordentlich schüchtern."

Sie dürfen sich auf die delikateste Bedienung verlassen, mein Herr!"

»Ich will 68 hoffen!"

Nazi begnügte stch nicht damit, die Ladenthür aufzureißen, sondern stürzte sogar hinaus, dem Fremden den Wagenschlag zu öffnen, während Dingelmann sich an der Schwelle in pendelartigen Verneigungen erschöpfte.

Wohin?" fragte der Droschkenkutscher von seinem Bocke herab, respectvoll den Hut lüftend.

Der Herr wollte rasch antworten, besann sich aber im Anblick des ihm wohl allzu dienstfertig erscheinenden Jünglings, der da den Wagenschlag hielt.

Zum CafL Maximilian!" warf er dann kurz hin und stieg ein.

Der Miethwagen raffelte davon, und Principal und Lehrling kehrten in den Laden zurück.

Das war einmal ein nobler Kerl!" schwor Nazi be­geistert. Der Meister seufzte.

Ja, solche Kunden könnten wir brauchen. Schade! Es scheint ein Fremder zu sein, sonst hätte er sich kaum zu mir verirrt und wird wohl nicht lange in unserer Stadt bleiben. Na, jedenfalls soll er mit größter Aufmerksamkeit bedient werden und mit mir zufrieden sein! Du hast gehört, was er verlangt absolute Discretion. Daß Du mir also fein den Mund hältst und die zartnervige Dame mit keinem neugierigen Blick belästigst!"

Seien Sie ganz beruhigt, Meister! Ich will mich so dünn als möglich machen."

Schön. Die vornehmen Leute halten ja darauf, daß sie wie von geräuschlosen Maschinen bedient werden."

Am Abend des anderen Tages rüstete sich Meister Dingelmann mit seinem jungenAssistenten" zum Empfange der in jeder Beziehung außerordentlichen Kundschaft mit einer Akkuratesse und einer stummen Feierlichkeit, als sähe er der verantwortungsvollsten Operation in seinem Berufe alsapprobtrter Bader" entgegen. Genau fünfzehn Minuten vor Zehn mußte Nazi den Laden schließen, daß nur durch einen Thürspalt das Licht der Gasstamme auf die Gaffe hinausdrang, den Erwarteten den Weg zu weisen.

Eine halbe Stunde später rollte eine Droschke in das Gäßchen und hielt vor dem Friseurgeschäfte.

Da find sie!" lispelte Nazi, und der Principal drohte ihm schon mit dem Finger, ihn zum Schweigen zu ermahnen, als hinge davon ihr irdisches Heil ab.

Der Mann stieg zuerst aus und half einer dicht ver­mummten, weiblichen Gestalt aus dem Wagen.

Sie traten in den Laden, von Dingelmann und Nazi nur mit stummen Verneigungen begrüßt. Der Herr mit dem Cylinderhut sprach ebenfalls keine Silbe und bedeutete dem Friseur blos durch einen Wink, den Laden zu schließen. Nazi that es in einer gewissen fieberischen Erreaung, die von Secunde zu Secunde zunahm Diese geheimntßumgebene Dame, die ihr Bruder mittlerweile zu einem Stuhle geführt hatte, fesselte sein ganzes Interesse. Ein dunkler, grünlich schillernder Seidenpelz ohne Aermel umhüllte die schmächtige, kleine Gestalt vom Halse bis fast zu den Füßen, eine schwarz­seidene Gesichtslarve mit dichtem Unterschleier ließ gerade nur die kleinen Ohren und einen schmalen Hautstreifen der Stirne frei; ein kostbarer, schwarzer Spitzenfhawl, mit vieler Grazie umgeworfen, bildete die Kopfbedeckung. Ihr Be­gleiter trug unter seinem Pelze ebenfalls schon das Masken- costüm, wie au» feiner hellbraunen Beschuhung, dem grauen Trtcot an den Waden und aus einer rothen Sammetmütze zu ersehe« war, die au» der einen Tasche seines Pelzrockes hervorsah. Zu diesem Aufzuge eines mittelalterlichen Nobile, wie er gestern angedeutet halte, mußte sein brünette», gelb­liches Gesicht mit dem pechschwarzen Haupt- und Barthaar

ganz vorzüglich passen. Aber Nazi hatte nur einen ganz flüchtigen Blick für den Mann. Sein Hauptstreben richtete sich darauf, dieschöne Unbekannte" aurzuforschen, denn daß sie wirklich schön,schön wie eine Göttin" sein müßte, das war für seine jugendliche Phantasie eine sofort ausge- machte Sache.

Der Bruder zeigte für sie eine ganz außerordentliche Sorgfalt. Er ließ es sich nicht nehmen, ihr selbst alle die Dienstleistungen zu widmen, die zur Vorbereitung de» von Herrn Dingelmann bedungenen Toilettenwerkes gehörte«. Er nahm ihr das Spitzenfichu ab, nestelte ihr den Kragen des Pelzmantels auf und schlug diesen so weit über die runde Lehne des Frifirstuhles zurück, daß der herrlich geformte, schneeweiße Nacken der Dame, umschlossen von dem gold­gestickten Rande einer hellblauen, ausgeschnittenen Costüm- taille, sichtbar wurde.

Wenn aber Nazi darauf gerechnet hatte, nun auch end­lich der Gesichtszüge der Dame ansichtig zu werden, so sollte er sich getäuscht haben. Dieser fataleBruder" schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, seine Schwester wie ein Märchengeschöpf zu behandeln, dessen Anblick der profanen Alltagswelt verschlossen bleiben müsse. Er flüsterte ihr einige Worte in einer fremden Sprache zu, die sie nur mit leisen Kopfnicken beantwortet. Die Maske nahm er ihr nicht vom Gesichte. Ja, als er bemerkte, daß Nazi unausgesetzt in den Spiegel sah, vor dem die Dame saß, um wenigstens die Augen zu fixiren, die aus der Seidenlarve leuchteten, da rückte er sie mit dem Stuhle soweit seitwärts, daß sie zwischen die beiden Wandspiegel zu sitzen kam und nun­mehr jihre Rückenseite zu sehen war.

Ehe Meister Dingelmann an sein Werk schritt, bedeutete er dem Nazi unter einem Rippenstoß, sich hinter den Vor­hang desKämmerchens" zurückzuziehen, da er sofort wahr­nahm, wie lästig dem eleganten Fremden die Gegenwart de» neugierigen Burschen war. Nazi war aber gar nicht böse über diese Verbannung; jetzt brauchte er ja dem Principal nicht an die Hand zu gehen und konnte durch Vermittelung eine» Loches in dem verschlissenen Vorhänge seine Be­obachtungen in ungestörter Muße fortzusetzen.

Meister Dingelmann löste den griechischen Knoten, in welchem das Haar der Dame gebunden war. Die Maske war mit feinen Gummispangen an ihren kleinen, rosigen Ohren befestigt, sodaß sie bei der Aufgabe de« Friseur» kein Hinderniß bildete. Dingelmann war sehr überrascht von dieser Fülle herrlichen Haares, die seine kunstgeübten Hände entfesselten. Was war das für eine Marotte, diesem seltenen Blond, um das sie Tausende beneiden konnten, durch ein Färbemittel künstlicheAuffrischung" verleihen zu wollen! Wäre er nicht so dringend genöthigt gewesen, stch allen Launen seines Auftragebers zu unterwerfen, so hätte er die Gegenvorstellungen des gewissenhaften Fachmannes nicht zurückgehalten. So begnügte er stch nur mit einem ftagenden Blick, auf den der Herr mit einem leichten Kopfnicken antwortete.

Der Fremde hatte auf dem nächsten Fristrseffel Platz ge­nommen und nach einer Zeitung gegriffen, die auf dem zweiten Spiegeltijchchen gelegen; aber er la« nicht, sondern behielt hinter dem Blatte die Hantirung Dingelmanns fort­während im Auge: wie dieser die Flasche aus dem Schrank hervorlangte, sie auswickelte und den Inhalt auf einen Schwamm goß, mit welchem er die Tinctur auf das Haar der maskirten Dame auftrug.

Das Haar erlitt unter dieser Procedur wirklich nur eine ganz unwesentliche Veränderung, eine Erhöhung de« Gold- glanzes, wie sie allenfalls auch mittelst Pomade hätte bewirkt werden können.

Als Dingelmann da« Geschäft derFärbung" vollendet hatte, ging er daran, diese« bewundernswerth reiche Haar in eine kunstvolle Phantastefrisur zu ordnen, die er sich zu dem ihm angedeuteten Costüm der Dame extra ausgedacht hatte.

(Fortsetzung folgt.)