Ausgabe 
27.10.1896
 
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Klingel unter der sich öffnenden Ladenthür, und der elegante Fremde trat ein-

Jetzt hatte Nazi die längst ersehnte Gelegenheit, seine Flinkheit zu zeigen. Wuppdich I stand er auf dem St»chl und ließ in der nächsten Secunde die beiden Garflammen an der Decke aufzischen, während sein Principal sich dem Zufallrkunden mtt der Grandezza eines Tanzmeisters zur Verfügung stellte.

®ie frtfiren auch Damen?" näselte der im Pelz, den Eylinderhut in den Nacken schiebend und den Griff seines Regenschirmes unter'- Kinn stemmend.

Gewiß selbstverständlich!"

Und können auch Haare färben, wie Sie da draußen ankündigen, wie?"

Sie sollen auf dar Prompteste bedient werden, mein Herr." ' n ,

Ich meine das Färben von Frauenhaar, verstehen Sie mich wohl!"

«Da» ist sogar meine Specialität," hauchte Dingel­mann, nur durch das Bewußtsein beklommen, daß er mit seinem Vorrath an Tincturen zu dieserSpecialität" recht schlecht bestellt war.Belieben Sie mir nur zu sagen, welche Nuance der betreffenden Dame genehm wäre, und welche ursprüngliche Haarfarbe verdeckt werden soll."

Ach ja meine Schwester ist blond von jener matten Nuance, die man aschblond nennt, und ich möchte ihrem Haare etwa« lebendigeren Glanz geben, so ungefähr die Farbe reifen Hafer«, und was ich hauptsächlich betonen will, die Farbe muß vergänglich, abwaschbar sein. Es handelt sich nämlich nur um den Einklang mit einem Costüm, das fie morgen zu einem Carnevalsfeste, zu einem Maskenballe an- legen wird. Wir betheiligen uns an einer Gruppe, die florentinische Meute aus dem vierzehnten Jahrhundert dar- stellt, und da schwebt mir als reizende Ergänzung zum Costüm meiner Schwester jenes seltene Goldhaar, welches dis Pinsel der alten Meister an den Portrait» der Florentinerinnen mit so viel Liebe behandelt haben."

Ich begreife ganz wohl," entgegnete Dingelmann etwas unsicher.Es soll sozusagen nur eine Auffrischung von Blondhaar sein, die Verleihung eines blendenden Schimmers, der am anderen Tage von selbst vergeht und keinerlei Ver- änderung der Haares zurückläßt."

Ganz recht. Und haben Sie so ein Mittel, so eine Tinctur?"

Ich denke wohl."

Meister Dingelmann wandte sich nach dem einen der Parsümerieschränke, in dessen oberstem Gefach drei verschiedene Flaschen mit Haarfärbemitteln ein einsames Dasein fristeten. Der Fremde betrachtete sich den Lehrling, der seinem Principal diensteifrig die kleine Trtttleiter herbeiholte, mit der die Höhe des Schrankes allein zu erreichen war-

Ja um es nicht zu vergessen! Sagen Sie, ist hier in der Mhe ein Droschkenstandplatz?"

Ja wohl, drei Straßen weit. Wenn Sie wünschen, mein Herr, so könnte Ihne« der Bursche da einen Wagen besorgen."

Sehr gut! Seien Sie so sreundlich, junger Mann und bitte gleich ich habe wenig Zeit und kann mich nicht lange aufhalten I"

Nazi flog hinter die Schrankwand nach seiner Mütze und stob im nächsten Augenblick schon auf seinen langen Beinen" davon, während Meister Dingelmann auf der Höhe seiner Leiter nach einer der drei Flaschen griff.

Hier, mein Herr, da wäre gerade, wa« wir brauchen."

Ahl Danke, ich reiche schon! Bleiben Sie nur! Vielleicht wählen wir noch ander«. Jedenfalls muß ich erst ..."

Der Fremde entkorkte die Flafche, die er dem Friseur abgenommen, roch daran und goß dann einige Tropfen auf da« Marmortischchen in seiner Nähe, um die tiefdunkelgelbe Tinctur auch mit Irem Auge zu prüfen.

Lassen Sie mal sehen, wa» Sie noch haben," meinte

er dabei, mit einer flüchtigen Kopfbewegung zu den übrigen zwei Flafchen hindeutend.

Das ist nur noch Dunkelbraun und Schwarz," ent­gegnete Dingelmann kleinlaut; er hatte ja nur zu wohl vorausgesehen, daß diese klägliche Auswahl den Kunden nicht befriedigen werde.

So, so! Na, zeigen Sie immerhin einmal her! Am Ende wäre es ja nicht unmöglich, daß ich mich noch anders entschließe, und doch zu der gewöhnlichen Haarfarbe der Südländerinnen greife."

Die» sagte der Herr, während fich der Friseur umdrehte, um die Flasche mit bet Tinctur zum Schwarzfärben herabzu­langen.

Hier, wenn ich bitten darf! Aber ich muß be­kennen, ich weiß in der That nicht, ob diese Farbe nicht etwa doch noch längere Zeit Spuren zurückzuläßt. . . ."

Ei, dann freilich können wir fie nicht brauchen. Was denken Sie! Meine Schwester würde nie einwilligen . . . Gut also, bleiben wir bei der ersten da!"

Der Herr stöpselte die Flasche mit der blonden Tiuctnr, die er in der Hand behalten hatte, wieder zu, schüttelte fie und betrachtete fie durch's Licht. Dingelmann athmete froh auf und hüpfte von der Leiter herab.

Unschuldig ist das Zeug da wohl?"

Ich Übernehme jede Garantie", verstcherte der Friseur, die Hand auf's Herz legend.

Auch für die leichte Abwaschbarkeit?"

Ebenso. Sie können fich vollkommen verlassen."

Gut. Dann bitte, wickeln Sie mir das Ding« ein und stellen Sie's zur Seite, damit Sie es nicht etwa irr- thümlich än einen anderen Kunden abgeben l"

Dingelmann hätte dem Fremden auch hierüber sehr be­ruhigende Versicherungen geben können, beeilte sich aber, seinem Wunsche zu gehorchen, umsomehr als er sah, daß er in die Tasche nach dem Portemonnaie griff.

Ich bezahle er gleich, um mir die Flasche auf jeden Fall zu sichern. Da das wird genügen!"

Dingelmann wäre fast ausgerutscht bei der tiefen Ver­beugung, mit der er die zwei harten ThalerstÜcke begrüßte, die der Freigebige auf das Spiegeltischchen niederklirren ließ, und seine Hände zitterten, während fie die reservirte Flasche in einen Bogen des schönsten Seidenpapiers einwickelten.

Also morgen?" sagte er bann, bie so splendid bezahlte Waare in ein Extrafach stellend.Und wohin soll ich kommen, dar Fräulein zu bedienen?"

Ah! Sie werden das doch jedenfalls hier am besten machen. Wir werden auf der Fahrt zum Balle bei Ihnen vorsprechen, schon costümirt. Aber er scheint, Eie haben kein gesondertes Cabinet zur Verfügung, wo meine Schwester vor der Neugier anderer Kunden geschützt wäre?"

Leider nein. Ich glaube Sie jedoch auf da» Be­stimmst« versichern zu können, daß das Fräulein trotzdem durchaus ungestört fein wird. . . . Gegen Abend habe ich selten noch Kundschaft zu erwarten. . . ."

Selten, das schließt doch nicht aus, daß eine Belästigung zu fürchten wäre. Meine Schwester ist sehr schüchtern, müssen Sie wissen. Da will ich Ihnen einen Vorschlag machen. Wir werden sehr spät kommen, zu einer Stunde, wo Sie sonst schon Feierabend machen dürsten sagen wir: nach zehn Uhr. Schließen Sie den Laden eine Viertelstunde vor zehn, ich werde anpochen, Sie lassen un« ein und Üben Ihre Kunst bei wieder geschloffenen Thüren. Ich werde Sie für diese Extrabedienung natürlich genügend entschädigen."

Ganz nach Belieben!" flötete Meister Dingelmann unter einem neuen, devoten Bückling.Ich stehe jederzeit zu Diensten."

Inzwischen war draußen die bestellte Droschke vorge­fahren, und Nazi stürmte wieder herein.

Hier ist der Wagen, mein Herr!"

«Danke!"

Der Fremde ließ ein Trinkgeld in Nazis schier vor