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ihnen entdeckten Inseln deS Atlantischen, des Indischen und de« Stillen Ocean« die Hausthiere ihrer Heimath auszusetzen, und wo auch der civilisirte Mensch später in bislang unbekannte oder unbewohnte Gebiete" eindrang — überall pflegte er seine Hausthiere mitzubringen, dis dann in der neuen Heimath häufig verwilderten. Indessen, nicht blos Hausthiere waren es, die der Mensch in fernen Gegenden einzuführen bestrebte, nicht allein Nutzthiere im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern auch andere ihm zur Ernährung dienende Geschöpfe. So ist im frühen Mittelalter der aus dem nördlichen Afrika stammende Damhirsch nach Europa gebracht worden, aus Kleinasien wanderten die Fasane zu uns und aus dem Osten kam der Karpfen, um einer der Lieblingsfische der deutschen Volkes zu werden. Früher gab es noch keine Bienen in Amerika, sie sind erst mit den ersten Europäern in der neuen Welt aufgetaucht, um hier alsbald zu verwildern. Mit den deutschen Auswanderern gelangte das Rothkehlchen, der Fink, der Zeißig in den amerikanischen Urwald unb;itt den australischen Busch, allerdings auch der nichtsnutzige Spatz, der früher jenseits des Atlantischen Oceans und bei unseren Antipoden ganz unbekannt war, nun aber dort wie hier zu einer förmlichen Landplage geworden ist.
Eine ganze Reihe thierischer Organismen sind aber auch mit dem Menschen durch die Welt gewandert oder wenigstens seinen Spuren nachgefolgt, ohne daß dies von ihm beabsichtigt, ja selbst nur geahnt worden wäre. Gar manche Schmarotzer sind mit dem Menschen und seinen Hausthieren nach Gebieten gekommen, wo man vorher von der Existenz solcher unangenehmer Gesellen höchstens vom Hörensagen gewußt hatte. Nach Neuseeland gelangte der gewöhnliche Floh erst durch die Europäer und characteristischer Weise nennen die Eingeborenen, die Maori, das liebe Thierchen den „kleinen weißen Mann", hiermit also das Ursprungsland des kleinen Blutsaugers in einer für uns Europäer keineswegs schmeichelhaften Art andeutend. Die Wanze ist seit den Kreuzzügen aus ihrer orientalischen Heimath über den größten Theil der Erde verschleppt worden, die Ratte aber gelangte als „blinder Passagier" der Seeschiffe in alle Welttheile, selbst die arktischen Regionen nicht ausgenommen. Mit den Vorräthen, den Lebens- und Genußmitteln des Menschen kam die gewöhnliche Stubenfliege, die wahrscheinlich ein ursprünglicher Bewohner Asien« ist, in« Abendland. Ebenso ist die Küchenschabe muthmaßlich au« dem Morgenlande nach Europa eingeschleppt worden, und zwar al« die letzten Reste der merkwürdigen Völkerwoge der Kreuzzüge nach ihrem Ausgangspunkte zurückflutheten. Anderseits hat uns aber auch Amerika mit einer Schabenart beschenkt, die sich immer mehr in Europa einzubürgern beginnt, ebenso sind die Reblaus und der Kartoffelkäfer aus Amerika unserem Erdtheil aufgehalst worden.
Doch auch zahlreiche pflanzliche Organismen verdanken dem Menschen direct oder indirect ihre Verbreitung über die Erde. Direct ist dies dadurch geschehen, daß der Mensch durch den Anbau von Getreide u. s. w. eine Menge anderer pflanzlicher Organismen verbreiten half; so sind z. B. die sogenannte Kornrade, die Klatschrose und der Rittersporn, Gewächse, die erst durch den Getreidebau au« dem Südosten Europas nach dem centralen Europa gelangten. Indirect verhilft der Mensch vielen Pflanzenarten zu ost weiten Wanderungen dadurch, daß ihre Samen Güterballen, Kleidungsstücken, ja Briefen anhaften und auf solche Weise Hunderte und tausende von Meilen weit nach ganz entfernten Punkten unseres Planeten gelangen. Im südlichen Australien, namentlich in der Umgebung von Adelaide, finden sich zahlreiche Arten von Unkräutern vor, die vorher nur am Cap der guten Hoffnung, in Südamerika und zum Theil in Japan anzutreffen waren, offenbar sind sie aus diesen Gebieten durch den Schiffsverkehr nach dem jüngsten Erdtheile gekommen. Bei uns in Deutschland gibt es auf Eisenbahnböschungen, auf Schutthaufen, an Wegböschungen einen eigenthümlichen Pflanzenwuchs, welchen der Botaniker mit dem Collectivnamen „Ruderatenflora"
- bezeichnet. Alle die hierzu gehörigen Pflanzen sind im Osten \ heimathsbecechtigt, von dort find ste auf den Canälen des menschlichen Verkehrs hergewandert, ja, eins von ihnen, der Stechapfel, verdankt seine Verbreitung direct dem Menschen, nämlich den Zigeunern, die den Stechapfel gegen gewisse Viehkrankheiten schon längst verwandten und ihn aus dem Osten mit nach Europa und Deutschland brachten. Viele andere Pflanzen, die bei uns schon seit langer Zeit das Bürgerrecht besitzem, sind ebenfalls Einwanderer aus fernen Zonen, wie die Stachelbeere, die wilde Tulpe, die kleine, schwarze Hyazinthe. Die von unseren Gärtnern so gefürchtete Wasserpest ist in den canadifchen Seen daheim, von wo aus ste zunächst nach Schottland verschleppt wurde, um dann ihren Zug auch durch den Continent anzutreten.
Nicht nur durch den Menschen, sondern auch durch Thiere geschieht übrigens ebenfalls die Verbreitung verschiedener Organismen. Die Vögel picken Samen auf und helfen dieselben nachher auf natürlichem Wege nach neuen Punkten verbreiten und daselbst eine ganz neue Pflanzenwelt aufbauen. Der Vogel, welcher an seinen Füßen das sogenannte „Entenflott" oder „Entengrütz", und mit letzterem die Eier von Wafferthieren fortträgt, veranlaßt hierdurch die Besiedelung anderer Wasserflächen mit neuen Bewohnern, und so ließen sich noch gar manche Beispiele für die mehr oder weniger hervortretende Rolle anführen, welche Thiere bei den Wanderungen von thierischen und pflanzlichen Organismen spielen.
Schließlich gibt es aber noch interessante und merkwürdige Wanderungen ganz besonderer. Art, nämlich jene der sogenannten Wanderfische. Wie viele Zugvögel im Sommer unsere Gegenden aufsuchen, um hier ihre Jungen aufzuziehen, so wandern auch manche Fische, um für ihre Nachkommenschaft zu sorgen, indem ste passende Oertlichkeiten zur Ablagerung ihres Laiches aufsuchen. Die einen ziehen zu diesem Zwecke vom Meere aus die Ströme hinauf, die andern steigen umgekehrt aus den Flüssen nach dem Ocean hinab. Zur ersteren Art der Wanderfifche gehört u. A. der Lachs, der hauptsächlichste Vertreter der letzteren Art ist der Aal. Diese Fische haben auf dem langen Wege, den sie während der Laichzeit, die Flußläufe entlang nach dem Meere oder in umgekehrter Richtung zurücklegen müssen, begreiflicher Weise die mannigfachsten Hindernisse zu überwinden, aber der Wandertrieb wirkt in ihnen so mächtig, daß sie schwerlich vor irgend einem Hemmniß zurückschrecken. Selbst Wasserfälle, wenn sie nicht zu hoch sind, werden von den Wanderfischen überwunden; in Irland z. B. gibt es einen Fluß mit einem 14 Fuß hohen Wasserfall, über welchen sich die aus dem Meere in diesem Flusse hinaufziehenden Lachse hinaufschnellen. Der Rheinfall bet Schaffhausen freilich bildet selbst für den sprungkräftigsten Lachs ein unüberwindliches Hinderniß, und hieraus erklärt es sich, weshalb im Bodensee keine Lachse anzutreffen sind. Zu den schwierigsten und gefährlichsten Theilen dieser Fischwanderungen gehört der Uebrrgang aus dem Salzwasser des Meeres in das Süßwasser der Flüsse und ebenso der Eintritt aus dem letzteren in den Ocean, da bei zahlreichen Individuen der betreffenden Fische der Uebsrgang aus Seewasser in Süßwasser, und desgleichen aus letzterem in ersteres Gefäßzerreißungen u- f. w- und somit den Tod zur Folge hat. Im Allgemeinen ist jedoch die Frage, warum die Wanderfische wandern noch nicht völlig erschöpfend aufgeklärt, wenn man auch weiß, daß es sich hierbei im Wesenlichen um die Sorge dieser Fische für ihren Laich handelt- Jedenfalls wirkt der seltsame Wandertrieb, speciell beim Lachs, ungünstig auf dessen Vermehrung ein, insofern, als alljährlich sehr viele Lachse bei ihren Wanderungen durch Ermatten, ferner infolge des Schiffsverkehrs in den größeren Flüssen und dann namentlich auch durch Abflußwasser der Fabriken zu Grunde gehen; aus allen Urkunden geht denn auch hervor, daß in vielen Flüssen die Lachse früher weit zahlreicher anzutreffen waren, als dies heute der Fall ist.
Aedaction: I. SB.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


