Ausgabe 
27.8.1896
 
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Baron, dann muß die Geschichte höchst zart angefaßt werden, da sie im Punkt der Ehre verteufelt empfindlich ist.«

,,Jst auch ganz in der Ordnung,« rief Baron Alting, nachdenklich an seinem Schnurrbart zupfend.Sehen Sie, mein bester Oberst, - ich bin ein alter Junggeselle geblieben und lebe so für mich auf meinem Gute, das ich damals nach anno fünfzig, als mein Vater starb, verkaufen mußte, weil ich, ein ehemaliger dänischer Offizier, mich als Deutscher gefühlt und na, Sie waren ja in der gleichen Verdammntß und hätten fich damals auch nicht wieder in der schleswig- holsteinischen Hetmath blicken lassen dürfen. Im Grunde aber,« setzte er lächelnd hinzu,lief der Verkauf auf eine Verpachtung hinaus; mein Pächter, der allerdings als gesetzlicher Käufer gelten mußte, war unser langjähriger Verwalter, ein ehren­hafter, braver Mann, der mir den Pachtzins während meines Exils prompt zahlte. Na, ich habe mich damals in der Welt weidlich umgesehen, und als dann Schleswig-Holstein eine preußische Provinz wurde, kehrte auch ich zurück und über- nahm aufs Neue meinen geliebten Besitz, nach welchem ich mich halbtodt gesehnt hatte."

Sie hatten also doch immer die Hoffnung auf einen Wechsel der Verhältniffe festgehalten?« fragte der Oberst dann lächelnd.

Hätte ich denn sonst noch weiter leben können? Sie glauben nicht, wie fest das Herz an der ererbten Scholle hängt, wie hetmathlos ich mir draußen trotz reicher Geldmittel vorkam und wie ich mich endlich in Hamburg niederließ, um nur in der Nähe der geliebten Heimath weilen zu können. Daß es sich so schnell entscheiden sollte, wagte ich nicht zu hoffen, obwohl ein Thronwechsel in Dänemark unzweifelhaft irgend eine Katastrophe erwarten ließ."

Gewiß, eine Hauptsache dabei war nun allerdings auch der glückliche Zufall, daß in Preußen ein König ans Ruder gelangte, welcher den Zeitpunkt wahrnahm, um in Schleswig- Holstein den Grundstein zum deutschen Einheitsbau zu legen. Nun, laffen wir das, mich wundert nur, daß Sie, ein Mann in den besten Jahren, als reicher Grundbesitzer sich damals nach Ihrer Heimkehr nicht verheirathet haben."

Ich fand keine Frau nach meinem Herzen und! befand mich schließlich ganz wohl dabei.«

Der Baron hatte diese Worte kurz und heftig hervor­gestoßen und ein Schatten sich über sein sonst freundliches Gesicht gelegt.

Pardon, Herr Kamerad!« sagte der Oberst,kommen wir also auf unfer eigentliches Thema zurück. Nur fällt mir noch ein, daß Sie einen jüngeren Bruder hatten, der da­mals, ich meine 1848, Seecadett in Kopenhagen war. Blieb er in dänischen Diensten?"

Baron Altings Gesicht glich jetzt einer Wetterwolke.

Er ist tobt," erwiderte er kalt , ..doch reden wir nun von Torstensons Tochter, mein lieber Oberst! Sie ist also hier in der Stadt?"

Ja; was gedenken Sie für sie zu thun?"

Ganz einfach, ich nehme sie mit nach Minghof.«

Hm, als was denn eigentlich, wenn ich fragen darf?« Alting sah den Oberst etwas verduzt an.

Als was?" wiederholte er langsam,ich dächte, sie könnte ebenso gut Gesellschafterin oder meinetwegen Reprä­sentantin bei mir als bei irgend einem anderen sein.«

Oberst Ferseck lachte belustigt auf.

Möchten Sie dem jungen verwaisten Mädchen wirklich dieser Anerbieten mache«, Baron Alting?« fragte er dann sehr ernst.

Dieser zupfte ungeduldig an seinem Schnurrbart.

Na, zum Teufel noch einmal, ich kann sie doch nicht heirathen und mich vor der Welt lächerlich machen? Könnte ja zur Roth ihr Großvater sein."

Wer spricht von heirathen, mein lieber Baron, das Mädchen bedarf eines Beschützers und Rathgebers, mit einem Worte -t eines Vaters.«

Herrgott, will ich ihr denn das nicht von ganzem Herzen sein?« rief Alting, ungeduldig aufspringend.

Gewiß, gewiß, aber Ellen Torstenson ist jung und schön und Sie find ein reicher, lediger Herr, die Welt nimmt dergleichen nicht so arglos auf, wie Sie es thun, Herr Kamerad! Nur das, was irgend eine gesetzliche Form erhalten hat, wird von ihrer Schmähsucht verschont, insofern die Ehre nicht direct angegriffen werden darf. Da Ihr Bruder tobt ist, kein näherer Verwandter somit geschädigt würde, so meine ich«

Daß Sie Recht haben, alter Freund, und ich ein Holz- köpf bin, nicht gleich auf diesen vernünftigen Gedanken zu kommen," unterbrach ihn der Baron freudig erregt,ich adoptire ste einfach, dann hat die Welt nichts mehr daran herumzumäkekeln. Kommen Sie, Obersti, führen Sie mich zu meiner Tochter)"

Daß Ellen Torstenson, als der gute Rittmeister ihr Alles mitgetheilt hatte, und ste nun so herzlich bat, ihm zu gestatten, die alte Schuld der Dankbarkeit in solcher Weise abtragen zu dürfen, nicht nein sagte, war selbstverständlich, und wenn sie auch nach der gesetzlich erfolgten Adoption ihres Vaters Namen ablegen und sich Baroneffe Alting nennen mußte, so war dies für ein junges Mädchen, das bei einer Heirath doch den Namen wechseln mußte, nur von ge­ringer Bedeutung, wie der Oberst Ferseck hrrvorhob.

Für die Waise aber war das tröstliche Dichterwort: Drum laß uns fest an diesem Glauben halten: Ein einz'ger Augenblick kann Alles umgestalten l« zu einer märchenhaft schönen Wirklichkeit geworden.

2. Capitel.

Ein verhängnißvoller Brief.

Nach diesem nothwendigen Rückblick kehren wir wieder auf die Veranda des Schlosses in Minghof zurück, wo der alte Rittmeister soeben die Posttasche revidirte und Ellen wie ein neugieriges Kind auf die Neuigkeiten aus der großen Welt, die ihr die Journale und Zeitungen brühwarm ver­kündeten, etwas ungeduldig harrte, da der Vater bei allen Dingen sehr gemächlich zu Werks ging.

Zuerst kamen die Zeitungen, dann die Journale, welche die junge Dame sofort an sich nahm, um sich die Illustrationen anzusehen, als ein Ausruf des Vaters, der wie ein gepreßter Schrei erklang, sie erschreckt aufblicken ließ.

Der alte Herr hielt einen Brief in der Hand und starrte mit völlig erblaßtem Gesicht auf die Adresse.

Väterchen, was fehlt Dir?" rief Ellen, sich rasch er- hebend und zu ihm tretevd,woher kommt dieser Unglücks- brief, der Dich, noch uneröffnet, schon so entsetzt?"

Sie warf einen Blick auf die Adresse und sah, daß er, nach den Briefmarken zu rechnen, aus Amerika kam.

Es ist nichts, mein Kind," erwiderte der Baron, den Brief hastig in die Brusttasche seines Jackets steckend.Die Handschrift sah mir nur wie die eines Mannes aus, der längst todt ist. Es kam mir so gespensterhaft vor, daher mein Erschrecken. Nimm's nicht Übel, liebes Herz, wenn ich drinnen den Gespensterbrief lese, kannst mir die Lampe auf mein Zimmer schicken und den herrlichen Abend hier weiter genießen.«

(Fortsetzung folgt.)

Merkwürdige Wanderungen.

Seit altersher ist der Mensch bewußt und unbewußt der Träger und Verbreiter thierischer wie pflanzlicher Organismen gewesen, so daß durch ihn zahlreiche Thier- und Pflanzen­arten vön ihrer ursprünglichen Heimath nach ganz entfernten anderen Punkten unseres Planeten gebracht worden sind. Schon die Karthager, und nach ihnen die spanischen und portugiesischen Seefahrer, hatten die Gewohnheit, auf den von