Ausgabe 
27.6.1896
 
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Ungebundenheit, die ihm die Gemeinde so großmüthig auf» drängte, bei Weitem vorzuziehen sei. In dem Gesicht des Oberförsters lag jedoch etwas so Anziehendes, daß er stch den anderen Tag um die festgesetzte Stunde freiwillig unter die Zuchtruthe seines neuen Lehrmeisters stellte; und nach und nach hatten stch die Beiden so eng aneinander angeschlossen, daß es bei dem Tode des Brunnenmachers natürlich erschien, als stch das Kind ganz bei seinem Beschützer einrichtete. Der Oberförster fing jetzt an, ihn in fein eigenes Fach einzuführen; er lehrte ihn, die Holzarten, die nützlichen Thiere und schäd­lichen Pflanzen unterscheiden.

Janek war in sein fünfzehntes Jahr eingetreten. Von Natur ein fröhliches, stürmisches, begeisterungsfähiges Kind, war er feit dem Tode feines Vaters schweigsam geworden; er ließ stch gern am Fuße einer Eiche nieder und vertiefte stch in finstere Gedanken, während sich feine Augen auf das wogende Blättermeer über ihm hefteten. Unablässig verfolgte ihn der Gedanke, daß feine Eltern keinePapiere" hätten. Das rief in ihm ein solches Gefühl der Scham und Qual, ja, der Wuth hervor, daß er manchmal nahe daran war, feinen armen Eltern wegen ihrer Sorglosigkeit zu zürnen.

Deshalb also hatte man ihn oft mit mitleidigen Blicken angesehen; er war ja nicht wie die Anderen! Er war bekannt im Dorfe! Das Blut stieg ihm in's Gesicht und er biß sich heftig auf die Lippen, wenn er an das verächtliche Lächeln dachte, das die kleinen Töchter des Popen für ihn hatten, so oft sie ihm begegneten; sie wußten es also auch! Alle Men­schen wußten es! ... Ach, es war schrecklich! Wie er ihn deshalb verwünschte, diesen Tymoftäu«! Bei dem Gedanken an denselben drohte ihn ein Gefühl grimmigen, dumpfen Hasses zu ersticken und die grünen Matten vor seinen Augen schienen eine blutrothe Färbung anzunehmen.

Eine» Tages, als er einige Schritte vom Forsthause entfernt beschäftigt war, einen Pfahl zu behauen, hörte er ein durchdringendes Geschrei und warf eiligst sein Werkzeug hin. Auf der Straße sah er Binia, die zweite Tochter des Geist­lichen, ein mageres, braunes Kind, weinend herbeigelaufen kommen; sie wurde von einem unverschämten Bedienten aus dem Schlosse verfolgt, der sie Popadianka, Popentochter, schalt, was ein Ausdruck der Verachtung in jener Gegend ist.

Da sie die Thür de» als gastlich bekannten Hanfes weit offen stehen sah, wollte stch das Mädchen hineinflüchten; aber Janek stürzte sich mit hochgerötheten Wangen auf die Schwelle und versperrte ihr den Eingang.

Du wirst nicht hineinkommen, kleine Unglückspopin," schrie er,und Du kannst Deinem Vater sagen, daß Hans, der Sohn Jakubeks, Dich zur Thür hinausgeworfen hat."

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als sich eine feste Hand äuf feine Schulter legte und ihn kräftig schüttelte.

So, Du glaubst wohl hier Herr zu sein?" fragte der Oberförster mit gerunzelter Stirn.Geh' zu Deiner Arbeit und misch' Dich nicht in Sachen, die Dich nicht» angehen. Da» sind also die hohen Gefühle, über die Du so lange nachgedacht hast, und ich glaubte Dich ganz eingenommen von dem Schmerz um den Tod Deine« Vater». Du findest es wohl sehr ruhmvoll, sich für Beleidigungen zu rächen? Der erste beste elende Mensch ist dessen fähig! Geh', Du thust^mir leid!"

Ohne stch weiter um den Burschen zu kümmern, wandte er ihm den Rücken, führte da» kleine Mädchen in da» Haus hinein und brachte es, nachdem er es völlig beruhigt hatte, unter sicherer Führung auf den Weg nach dem Pfarrhaufe.

Hans machte sich auf weitere Ermahnungen, auf Zornes- ausbrüche gefaßt; aber fein Herr begnügte sich damit, ihn bei der Arbeit zurechtzuwetfen und sprach kein Wort mehr davon. Diese Gleichgiltigkeit brachte Janek zur Verzweiflung und schien ihm schlimmer als die härteste Strafe, denn er sah darin eine bittere Verachtung feines Betragen«. Nun, feine Mutter und Großmutter würden ihn sicher ganz anders be» urtheilen.

Der Wunsch, ihnen fein Leid zu klagen, wurde so un­widerstehlich, daß er sich mit Einbruch der Nacht, während

der Oberförster sich beim Schein der Lampe in ein Buch ver­tiefte, auf dunklen Waldpfaden nach Hause schlich.

Herr Gott, das ist ja unser Junge! Warum kommst Du zu so später Stunde, mein Sohn?"

Und als er seine Erzählung beendigt hatte, sagte die Mutter:Komm', laß Dich umarmen! Ach, der tapfere Kerl!"

Und dann rief die Großmutter mit ihrer verrosteten Stimme:Recht so, recht so! Man sieht, daß Du mein Blut in Deinen Adern hast. Diese Leute können nicht genug ge­kränkt werden."

Aber als Hans eine Stunde später allein im Stalle unter seinem Heubündel kauerte, quälte ihn doch eine dumpfe Unruhe. Wer hatte denn Recht, die beiden Frauen in ihrer Liebe für ihn oder sein Herr? Sein ehrliches Gewissen sagte es ihm wohl und er schlief sehr bekümmert ein.

IV.

Auf das Familienleben im Pfarrhaufe war ein Schatten gefallen. Der Pope und feine Gattin hatten auf die Geburt eines längst ersehnten Sohnes gehofft; anstatt dessen waren ihnen zwei kleine Töchter befcheert worden, so daß sich die Anzahl der jungen Popadiä» jetzt auf ein halbes Dutzend belief.

Tymoftäus zerbrach sich den Kopf darüber, wie er später eine so zahlreiche Töchterschaar ohne Mitgift verheirathen sollte. Wenn sie noch hübsch gewesen wären! Aber außer der Nettesten, einer rostgen, rundlichen Blondine, war Eine immer magerer und schwarzbrauner als die Andere. Nun, da es einmal so war, so sollte auch Alles für die Eine geopfert werden, für Sofronya, die Schönheit. Sie hatte Alles, elegante Toiletten, Unterricht auf der Guitarre und dem Flügel, französische Stunden; sie war sogar zwei Jahre in dem Pensionat der Diaconissen in Czernowitz; sie allein wurde auch geliebkost und verhätschelt.

Auf diese Weise war Binia, die Zweite, systematisch ge­opfert worden. Höchstens war sie gut genug, um die vier Jüngsten umherzutragen, zu warten und ihnen die Nase zu putzen; kaum, daß fie lesen und rechnen konnte.

Ihr kleine», entsagungsvolle» Gellcht und ihre großen, traurigen Augen hatten Thaddäus gerührt.

Wollen Sie sie nicht zu mir schicken, wenn auch nur auf zwei Stunden in der Woche?" hatte er ihren Vater gefragt.

Der Pope, der niemals eine Gelegenheit versäumte, eine Sache auszunutzen, die ihn nichts kostete, nahm das An­erbieten an.

Meinetwegen, aber nur Sonntags," sagte er,denn sie muß arbeiten, wir können sie zu Hause nicht entbehren."

Als Janek nach einigen Tagen des Schmollens zu feinem Herrn zurückkehrte, war er unangenehm überrascht, auf einem Schemel der Veranda die kleine Binia sitzen zu sehen, die dem Oberförster 'einen Abschnitt aus der biblischen Geschichte auf­sagte.

Dieses Vorgehen von Seiten des Herrn Thaddäus schien ihm eine direkt an ihn gerichtete Herausforderung zu fein. Aber er mochte auf die verschiedenste Art protestiren, das Haus zu den Stunden, wo das kleine Mädchen kam, auffällig meiden oder so thun, als ob er ihre Anwesenheit gar nicht bemerkte, wenn er einmal gezwungen war, mit ihr zusammen zu fein: Es gelang ihm nicht, den Oberförster zumAeußersten zu treiben; dieser begnügte sich, ihn mit ernstem, fast traurigen Gesicht anzusehen und schien seine kleinen Kunstgriffe durchaus nicht zu bemerken.

Des Kampfes müde, sing der Knabe endlich an, stch zu beruhigen; dennoch bewahrte er, immer wieder angereizt durch feine Mutter und Großmutter, in seinem innersten Herzen einen dumpfen Groll gegen den unkten Priester und seine Familie.

Janek wuchs zusehends. Jeden Tag weihte ihn Thaddäus mehr in die Geheimnisse feines Faches ein; er schickte ihn sogar oft auf einen Rundgang durch den Forst und konnte ihm endlich eine Flinte in die Hand geben.

(Fortsetzung folgt.)