Ausgabe 
27.6.1896
 
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da» nur, um Angelegenheiten der Gemeinde zu besprechen! Sag' doch den Leuten, daß sie morgen wiederkommen."

3a, natürlich, Irena, kommt morgen wieder," brummte der Pope, dem e» unangenehm war, vor den Beiden einen Verweis von seiner Gattin zu erhalten.Jakubek wird wohl bi» morgen mit der seierlichen Handlung warten können. So ist er immer. Fünfzehn Jahre lang hat man Zeit dazu und dann am letzten Tage schreit man wie ein Ertrinkender nach Hilfe."

Morgen wird e» vielleicht zu spät sein, Wohlthäter. E» geht ihm so schlecht!"

Und da die Popenfrau, die noch immer in der Thür« öffnung stand, ungeduldig zu werden anfing, rief Irena, vor ihr auf die Kniee stürzend:Erbarmen, Wohlthäterin, Er» barmen!"

Dich, Irena," sagte die Frau trocken und sah fie dabei scharf an,Dick kenne ich. Du würdest viel besser daran thun, Dich um Deine eigenen Sachen zu kümmern, anstatt Dich in Anderer Angelegenheiten zu mischen. Es ist mir zu Ohren gekommen, daß der Müller fich viel zu viel um Dich herumdreht."

Ehrwürdige Frau," murmelte da» arme Weib,hören Sie, Jakubek stirbt! Er ist ja nur, damit seine Frau und sein Kind ihre Papiere in Ordnung haben; sehen Sie, da» ist Janek, ihr einziger Sohn, ein gute» Kind; damit er einen Namen hat! Ach, ich bitte Sie, lasten Sie anspannen! Der liebe Gott wird es Ihnen lohnen!"

Der Priester stand rathlo» zwischen dem Wunsche, einer Regung der Menschlichkeit nachzugeben und der Furcht vor einer häuslichen Scene. Seine kleinen verschmitzten Augen richteten sich fragend auf seine Frau.

Nein, nein, Thymoftäu», es ist unmöglich," rief diese mit herrischer Stimme,das werde ich nie erlauben, es wäre eine Thorheit bei solchem Wetter. Glaubst Du, ich hätte Lust, Dich zu pflegen, wenn Du morgen an einer Lungen« entzündung krank liegst? Merkst Du denn nicht, wie es draußen aussieht?"

In der Thal tobte das Gewitter immer fürchterlicher; der Donner rollte und Blitze zuckten am schwarzen Himmel.

Die Leute vergessen allzuleicht, daß der Geistliche Anderes im Kopfe hat als ihrs jämmerlichen Geschichten und daß er sich vor Allem für seine Familie erhalten muß."

Wenn e» der römische Pfarrer in Sambor gewesen wäre," sagte die Bäuerin mit Bitterkeit, indem fie sich bleichen Angesicht» erhob,der würde nicht gezögert haben. Er ist Tag und Nacht zu jeder Stunde bereit für seine Pfarrkinder; da« hat man recht gesehen während der Cholera."

Du bist unverschämt, Irena," schrie die wüthende Popadia,ei ist mir sehr gleichgiltig, was die römischen Priester thun. Sie sind frei, ohne Familie; aber bei uns ist es etwas Anderes; ein Familienvater darf fich nicht der Ge­fahr aussetzen."

Bi» jetzt hatte sich Janek ruhig verhalten and leichenblaß, mit funkelnden Augen und zusammengebiflsnen Zähnen die Entscheidung de» Geistlichen abgewartet; aber bei der bestimm­ten Weigerung der Popadia röthete sich sein Gesicht vor Ent­rüstung, und der ganze, seit langer Zeit in seinem jungen Herzen angehäufte Schmerz brach plötzlich los.

Wie ein Rasender stürzte er sich auf bett Popen, klammerte sich mit allen Kräften an dessen Rock und schrie mit einer Stimme, die bald dar ganze Hau« in Aufstand versetzte:Sie müssen kommen, Sie müssen kommen! Sie können den Vater nicht sterben lassen! O, Gott wird Sie strafen!"

Der Pope, der einen Augenblick von dem plötzlichen An­griff wie betäubt gewesen war, wurde feuerroth und indem er den Knaben um den Leib faßte wie ein Bündel Schilf, schrie er:Seht doch den Verrückten, er will mir Vorschriften machen, auf meine Ehre! Warte nur, Du Grünschnabel, ich werde Dich zur Vernunft bringen!"

Und er hielt trotz allen Ausschlagens und Strampelns einige Minuten lang den dreisten Burschen in der Luft, der die Kühnheit gehabt hatte, sich an seiner heiligen Person zu

vergreifen. Dann öffnete er die Thür de» Pfarrhauses, setzte den jungen Empörer ohne Weiteres auf den Weg, stieß die Frau hinterher und kehrte in seine Wohnung zurück.

Zuerst saß Janek ganz betäubt auf dem nassen Erdboden; die kalten Regentropfen gesellten sich zu den brennenden Thränen auf seinen Wangen. Balo aber erfaßte ihn die Wuth nochmal»; er stürzte sich wie ein Rasender auf die unerbittlich verschlossene Thür und fing an, mit aller Kraft seiner Fäuste und seiner Füße dagegen zu trommeln und die Schläge mit Geschrei und Schimpfreden zu begleit n.

Das Geräusch von losgemachten Ketten, wüthende« Hundegebell und eine Donnerstimme erschollen durch die Nacht.

Da klammerte fich Irena angstvoll an bett Knaben und zog ihn mit Aufgebot aller ihr noch gebliebenen Kräfte fort.

Komm', laß uns gehen, wir werden ihr Herz doch nicht erweichen; die Großmutter hatte Recht."

Ihre Heimkehr war traurig.

Als der Sterbende sie allein wlederkommen sah, hob ein tiefer, schmerzlicher Seufzer seine Brust und er sagte:Gotter Wille geschehe!"

Am anderen Tage zu früher Stunde hielt die Britschka des Popen vor der Thür der Hütte. Der Wind hatte den Boden getrocknet. Ein frischer Geruch von feuchten Blättern und Blüthen stieg au» den Büschen und Wiesen auf. Die Sonne lachte am wolkenlosen Himmel und auf dem alten Birnbaum, unter dem da» Häuschen stand, sang eine Meise ihr Lied.

Der Pope war abgestiegen; aber beim Anblick der aus der Schwelle kauernden Greisin, die an einem blendendweißen Hemd nähte, über dessen traurige Bestimmung er nicht im Zweifel sein konnte, kletterte er schleunigst wieder in seinen Wagen.

Die Alte erhob sich bebend, drohte ihm mit der mageren Faust und murmelte zwischen den Zähnen:Elender Schurke, Du!"

In der That waren schon mehrere Stunden verflossen, seit de» armen Bergmann« schlichte Seele in Gottes Hände zurückgekehrt war.

III.

Thaddäus, der Oberförster des Grafen Wladimir Dobro« wolski, bewohnte am Rande der Walde« ein amnuthiM Häuschen, das zierlich mit durchbrochenen Balcons geschmückt und im Sommer von einer ganzen Wildniß bunter Blumen, Petunien, Geranien u. s. w- umgeben war.

Man sagte, der sanfte, friedliche Mann sei au» der Fremde eingewandert und habe früher im Reichthum gelebt. Welcher Art war seine Vergangenheit? Durch welche Ketten von Leiden war er veranlaßt worden, die Menschen zu fliehen, sogar seinen Namen zu ändern und fich tief in die Einsamkeit der Wälder zu vergraben?

Niemand wußte es. Wenn seine Seele früher die grau- samen Kämpfe des menschlichen Lebens durchgemacht hatte, so ging sie jetzt ganz auf in Barmherzigkeit und allgemeiner Nächstenliebe. An den armen Bewohnern der Berge und den Bäumen de« Waldes hing sein ganzes Herz. Seit mehr al« zehn Jahren bemühte er sich, Licht in die dunklen Köpfe der Kinder zu bringen: Er lehrte sie Lesen, Religion, Geschichte und flößte ihnen besonders Liebe zum Vaterlands ein.

Vor drei Jahren hatte er zufällig am Rande eines Ge» Hölze» Janek, den Sohn der Brunnenmachers, getroffen. Das zerlumpte Kind versuchte gerade ein Nest aurzunehmen.

Pfui, Kleiner, wirst Du wohl die armen Thiere in Frieden lassen I Warum bist Du nicht in der Schule?"

Wir gehen schon lange nicht mehr hin!"

So und weshalb nicht?"

Weil der Lehrer .... er hat fich erhängt und die Schule ist geschloffen worden."

Thaddäus kannte die Langsamkeit und da« Formenwesen der Behörden.

Sag', Kleiner, willst Du von morgen an zu mir kommen? Ich werde Dir Stunden geben."

Der Knabe verzog das Geficht. Er fand, daß die süße