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Offenheit auch gegen sich selbst, daß ihr der Baron doch merther geworden war wie irgend sonst ein Patient, daß es ihr schwer werden würde, sich von ihm zu trennen. Aber wenn es so war, durfte der Kranke unter ihrer Schwäche leiden? Da» nimmermehr! Sie Mts sich stark genug, den Kampf mit dem eigenen Gefühl zu bestehen und ihre Pflicht weiter zu erfüllen, so lange zum mindesten, bi» ste ohne Sorge ihn anderen, mit seiner Natur nicht bekannten Händen über- geben könnte. , . ,,

Ein wenig befangener und wiegt ganz mit den klaren Augen wie sonst trat sie heute an da» Bett des Barons, um feine Abendtemperatur zu messen und ihm den Nachltrunk zu bereiten.

Aber auch er schaute sie heute aus anderen, seltsam glänzenden Augen an.

Ich habe Sie lange erwartet, Schwester Ilse. Setzen Sie sich zu mir, ich möchte mit Ihnen reden, vertraulich reden."

Heute noch, Herr Baron? Er ist spät, Sie werden sich aufregen"

Nein, nein, nur keinen Aufschub, ich bitte Sie. Es würde mich mehr aufregen, wenn ich heute nicht sprechen dürfte."

Dabei sah er ihr mit so warm bittendem Blick in die Augen und seine Hand suchte die ihre, daß es ganz heiß in ihr aufstieg. Um Gott, was sollte das bedeuten, was hatte er nur? Sie sitzt an seiner Seite, ihre Hand ruht noch immer in der seinen, es ist, als wollte er sie gar nicht mehr los« lassen. , ,

Und nun beginnt er mit einer Stimme, die auch leicht in Erregung bebt:Meine Tage hier in Hertheim sind ge­zählt, Doetor Balzer hat mir erlaubt, Ende der Wache nach Gattersberg zurück,ukchren."

Sein Auge ruht fragend auf ihr; er steht, wie sie er» röthet, erblaßt. Em Lächeln umspielt seine Lippen, als er fortfährt:Schwester Ilse, Ste rotffen, was Sie mir in der Zett der Krankheit geworden sind. Ob ich jemals wieder genese, das liegt in eines Höheren Willen. Ich bin gefaßt auf Alles, nur nicht darauf, die sanfte Hand zu verlieren, die mich so selbstlos und hingebend in der schwersten Z-it meines Ledens gepflegt hat. Schwester Ilse, wollen, können Sie mich nach Gatter-berg begleiten? '

Ihre L PPM zittern, lange vermag sie kein Wort hervor» zubringen; dann aber sagt ste mit leiser fester Stimme:Sie weiter pflegen zu dürfen, war auch der Wunsch meines Herzens."

So willigen Sie ein?"

Ja, konnten Ste daran zweifeln, Herr Baron?"

Dabei sah sie ihn mit ihren klaren blauen Augen so vertrauensvoll an, daß es ihn wie Rührung überkam. Ja, Doctor Balzer hatte recht: In diesem schlichten Mädchen wohnt eine starke, characlervoll Seele, die sich von kleinlichen Vvrurtheilen nicht zurückschrecken läßt und nur dem eigenen Willen folgt.

Doctor Balzer," fuhr Wolf nun nach kurzer Pause fort,hegte indessen einige Bedenken."

Bedenken?" stammelte ste jetzt doch errdthend, denn ihr fiel die Warnung der Mutter, der Wunsch de» Bruders ein. Welche, Herr Baron? '

Ec meinte, da Sie noch nicht in den Verband eines Diaconiffenhause» eingetreten seien, könnte es Ihrem Rufe schaden, wenn Sie mit dem unvermählten Manne unter einem Dache wohnten"

Jetzt athmet ste schwer, eine dunkle Gluth steigt in ihre Wangen.

Und Doctor Balzer ist ein erfahrener Mann," spricht Wolf hastig weiter,und die Welt schlechter, als Ihre reine Seele es ahnt. Deshalb, Schwester Ilse, bitte ich Ste auch nicht, als Pflegerin mit mir zu gehen, sondern"

Er zögerte einen Moment, sie sieht ihm mit fragend bangem Blick in die Augen.

Sondern?"

Als mein» angetrante Gattin," fügt er leise hinzu Und seins Hand schließt sich fester um die ihre.

Sie aber macht sich los, springt jäh von ihrem Sitze auf.Herr Baroi, was was sprechen Sie da?"

Nur Wohlüberlegtes. Ich weiß ja, es ist ein Opfer, ein unschätzbares Opfer, was Sie mir da bringen, wenn Sie sich einem kranken, dem Tods entgegensiechenden Manne an­trauen lassen. Aber Sie üben als meine Gattin ja nur den­selben Beruf aus, dem Sie Ihr Leben widmen wollen, ja mehr, Ste werden die Freunvin und Trösterin eines vom Leben hart Geprüften, eines Einsamen, der Niemand, Nie­mand auf der Welt besttzt, der ihn liebt, der sich seiner an­nimmt und der der Willkür feiler Seelen preirgegeben wäre, die nur an ihren irdischen Vorthsil denken, nur den Augen­blick ersehnen würden, in dem ste den Todten begraben, in seinem Besitz es sich wohl sein lassen können."

Sie sind nicht verlassen, Herr Baron, chenken Sie an Ihren treuen Georg."

Ja der! Aber hat er Macht in meinem Hause, er, der D ener? So wie meine Kräfte abnehmen, würden Andere sich zu Herren darin machen, noch ehe ich ein Todter bin. Es ist eine Christenpflicht, Schwester Ilse, die S e an einem Unglücklichen zu erfüllen haben. J»re Nähe, Ihre sanstt Sli nme, Ihr liebevolles Wort war mir die beste Medicin, so lange ich hier war; ohne Sie müßte ich elend zu Grunde gehen."

Aber ich will ja mit Ihnen gehen, Herr Baron, auch ohne ohne

S>e bekommt das Wort nicht über die L'ppen.

Auch ohne meinen Namen anzunehmen. Freilich, Schwester Ilse, da« wollen Sie und ich danke Jonen für Ihre Bereitwilligkeit; aber ich kann Sie al« Eyrenmann nicht an­nehmen, Ihren Ruf zerstören, Sie vielleicht der brutalen Be­handlung ftenber Eindringlinge aussetzen, wenn je bet Moment eintreten sollte, wo ich nicht mehr im Stande wäre, Sie zu schützen, nein. Schwester Ilse, das geht gegen mein Gewffen, gegen mem Gesühl. Dann lieber diesem Wunsch, von dessen Erfüllung mehr für mich abhängt al« Sie ahnen, wie so man­chem andern schon in meinem Leben entsagen. Dann lassen Sie un» scheiden, Schwester Ilse, so schwer er mir auch fällt."

O, Herr Baron, er wird, e» muß sich ein Ausweg finden"

Er schüttelt den Kopf.

Sprechen wir nicht mehr darüber. Hier giebt e« nur Ja ober Nein- Ueberlegen Sie es stch, geben Sie mir morgen eine entscheidende Antwort j tzt 'st meine Kraft zu Ende."

Sie erschrickt. Der Baron sieht wirklich ganz erschöpft aus. Em kurzer Husten erschüttert ab und zu seine Brust. Er schließt die Augen und menget sich zur Seite.

Eist diesen beruhigenden Trank, Herr Baron, ich bitte."

Sie hat einige stä kende Tropfen in Wasser gelöst und hält sie ihm an die Lippen. Er schlürft sie mechanisch, spricht aber kein Wort mehr.

Leise zog Ilse sich in ihr Zimmer zurück und schickte Georg hinein, der die Nacht bei ihm schlief.

M>t einem leisen Siöhnen warf sie sich auf ihr Bett und barg ihr Antlitz in den Händen. So lag sie lange, lange regungslos, immer denselben Gedanken im Hirne wälzend.

Was soll, wa» darf ich thun?"

Eines stand fest in ihr- Sie war zu jung, zu unerfahren, um in einer so fellsamen Sache selbst entscheiden zu körnen- Ihr Herz, ach, das-te ja gleich am liebsten das entschei­dende Ja ausgesprochen. W s konnte ste Besseres wünschen, als den geliebten Mann zu pflegen, feine Leiden erleichtern, ihn vielleicht dem Leben mieoer gewinnen zu helfen? Aber burite ste ihrem Herzen folgen, burfle sie überhaupt dem Herzen allem die Entscheidung anheimgsben?

Der Baron hatte ji nicht von Liebe zu ihr gesprochen und was ste für ihn empfaad. das ahme er kaum.

(Fortsetzung folgt.)