durfte er jetzt an sein eigener Glück denken, da da» Leben des ihm Lheverstsn auf Erden in Gefahr stand?
Da machte Axel eine« Tages dem Kranken einen Besuch und beim Fortfahren schon theilte er dem Vetter wie en passant mit: „Du wirst bald eine Anzeige von mir erhalten, ich habe mich mit Miß Adeline Graham verlobt. Gern hätte ich er dem Onkel selbst mitgethetlt, aber er schien mir zu krank. Sage Du e» ihm, wenn Du einen geeigneten Moment dazu findest."
Hatte der Vetter ihm angesehen, was er bei dieser Nach» richt empfunden? Er wußte er nicht. Wie ein Schwindel war eö über ihn gekommen, er hatte sich am Treppengeländer festhalten müssen, so schwarz war er ihm vor den Augen geworden. Adelme, deren Bild Tag und N^cht ihn umschwebte, die er in seinem Herzen schon als sein Eigenthum betrachtet hatte, die Braut eines Andere», dieses Axel, den er als Bewerber kaum in Betracht gezogen hatte O, dieser Heimtückische, der seine Abwesenheit am Krankenlager de» Onkels ausnutzte, um ihm die G-liebte seines Herzens zu rauben, durch schlaue Künste, vielleicht gar durch böswillige Ausstreuungen über den Character des tollen Wolf.
Seine Hände ballten sich noch in Gedanken an die durchlebte furchtbare Stunde.
Und dann war das Schwerste gekommen; er hatte seinem
treuesten Beschützer uud väterlichen Freunde, dem geliebten Dnfet, nach langem, unsäglichen Leiden die Augen für immer zudrücken müssen. Nun war er allein, ganz allein I Keine Seele mehr auf Erden, die ihn liebte, kein Herz, in das er seinen Schmerz auszuschütten vermochte. Allein! Fürchterliches Wort! Er hatte seinen ganzen Schrecken erfahren.
Er nahm seinen Abschied au« der Armer und zog sich nach Gattersberg zurück, um dort in der Stille und Arbeit de« Landlebens zu vergessen, was feine Seele mit Schmerz und Bitterkeit erfüllte.
Da war er durch einen Zufall beim Grafen Wolden unerwartet mit dem Vetter zusammengetroffen, der seinerseits allen Grund hatte, mit dem im Testaments de» Onkel» gegen ihn Bevorzugten zu grollen. Groll hier und Groll dort. Die Geister waren aufeinander geplatzt, wie es ja kaum ander« möglich war. Und nun hatte Der, der ihm die Braut weggeschnappt, ihn auch noch im Duell niedergestreckt und bereitete sich vor, über seine Leiche hinweg in da« ihm vom Onkel vorenthaltene Erbe einzuziehen.
Aber nein — mußte es denn sein? Noch war er ja nicht tobt, noch lebte er ja und konnte mit einem Federzuge verhindern, daß das Unerhörte zur Wahrheit wurde. War Gatterrberg denn nicht sein freies Eigenthum, über das er verfügen konnte, wie er wollte? Wenn er nur Einen, Einen gewußt hätte, den er mit einiger Berechtigung zu feinem Erben einsetzen durfte- Ja, wenn er verheirathet wäre, eine Frau hätte!
Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zuckte Wolf plötzlich empor. Konnte er denn nicht noch, jetzt noch, da» Versäumte nachholen?
Er hatte gebangt, die ihm sympathische Pflegerin zu verlieren. Wenn er sie zu seiner Frau, seiner Erbin und so allen Zweifeln und Bedenken ein Ende machte? Wonach hatte er, der dem Tode rettungslos Verfallene, denn noch ander» zu fragen, als nach seinem eigenen Wohlbehagen? Und wer würde es ihm verdenken, wenn er, der Einsame, dem keine Familie in seiner Noth und Krankheit zur Sette stand, die pflegende Hand, die seine Schmerzen linderte, an sich zu fesseln suchte bi» an'S Ende?
Aber sie, Schwester Ilse, würde sie auf seine Wünsche eingehen, sich zu dem Opfer entschließen, ihm, dem Sterbenden, ihre Tage, so lange es Gott noch gefallen würde, zu widmen?
Eine innere Stimme sagte ihm: Ja. Wenn Eine, so war dieses Mädchen zu solchem Opfer barmherziger Liebe fähig. Und er war ihr nicht gleichgiltig, zum mindesten hatte sie für ihn das Interesse der Pflegerin für einen Patienten, dessen Schicksal ihr Mitgefühl erregte- Und dieses Mitgefühl,
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wie ost hatte er es herzerquickend aus ihren Äugen sich entgegenleuchten sehen! Ja, er hoffte und er durfte das Außer» gewöhnliche wagen, da er e» ja hi der Hand hatte, ihr, war sie an ihm that, zu danken. Ec konnte sie frei, unabhängig, zur reichen Frau machen, eine gesicherte, ja äußerlich glanz, volle Zukunft war wohl ein nicht zu unterschätzendes Arqui« valent für die kurze Zeit, die sie seiner Pflege noch zu widmen haben würde.
IV.
„Nun, wie geht e» Deinem Patienten? Man erzählt sich ja allgemein, daß er wieder gesund werden wird, ganz gesund."
Diese Frage tönte Ilse von der Matter schon entgegen, al« sie kaum die Thür des Wohnzimmers hinter sich geschloffen hatte und ihr die Hand zum Gruße entgegenstreckte.
„Gottlob ja, ein wenig beffer; doch ob er ganz gesund wird, das kann heute noch Niemand wissen."
Ilse rückte sich einen Stuhl an der Mutter Seite, die im Schaukelstuhl, in dem sie mit dem Lesen eines Romans beschäftigt gewesen war, sich leise hin- und herwiegte.
„Nun denn, wenn e» immerhin doch besser geht, wirst Du doch hoffentlich Deine» Amte» bald entbunden werden?"
„Das wohl kaum, der Baron wird noch lange einer sorgfältigen Pflege bedürfen!"
„Die Du doch aber nicht weiter leisten kannst!"
„Nicht leisten kannst?" wiederholte Ilse erstaunt. „Wie meinst Du das, Mama?"
„Nun, ich meine, daß ein junges Mädchen Deine» Standes wohl den todtkcanken, aber nicht den wiedergenesenen Wolf von Menzelen, den tollen Wolf, pflegen darf."
„Ich bitte Dich, Mama, bediene Dich nicht immer diese» Spitznamens, der für einen vom Schicksal so schwer Gebeugten wie den Baron rett häßlich klingt."
„Ob häßlich oder nicht, er h eß so und hat dielen Sp'tz« namen wahrscheinlich nicht obne Grund erhalten. Weißt Du übrigens, daß auch bei dem Duell zwischen den Vettern nicht allein die tobte Mutter, sondern auch eine höchst lebendige Schöne eine Rolle gespielt haben soll?"
„Ach laß das, Mama! Du weißt, ich liebe es nicht, allen Klatsch der Hertheimer zu hören," unterbrach Ilse die Mutter ein wenig schroff.
Diese lachte auf. „Beim Himmel, Du vertheidigst Deinen Patienten ja, al« hättest Du mit der Pflege die Pflicht übernommen, auch sein Tugendwächter zu sein. Ei, et, Ilse, halte Dein Herz fest, man sagt, dem tollen Wolf habe selten eine Frau widerstehen können."
„Mama!" ,
Ilse war da« Blut bi» zur Stirn geschossen, ihre Lippen zitterten vor Erregung. „Wie kannst Du — kannst Du so etwas nur denken?'
„Wie ich es kann? W-il es ganz natürlich wäre. Ein junges Mädchen von vieruavzwanzig Jahren wie Du, täglich mit einem jungen interessanten Kranken zusammen, da« ist gefährlich. Und deshalb, auch Bruno besteht darauf, wünsche ich, daß Du die Pflege in andere Hände legst."
„Verzeih', Mama," entgegnete Ilse nun und ihr Gesicht hatte wieder den Ausdruck stiller Festigkeit angenommen, der ihr so charakteristisch war, „wenn ich hierin Deinen und Bruno» Wünschen nicht Nachkomme. In dem, wa« meinen Beruf anbetrifft, entscheide ich allein."
„Und wirst auch weiter noch bei dem Baron bleiben?
„So lange es Doctor Balzer für nöthig hält und bet Baron mich wünscht." .
Es war roiebet ein Mißklaug, mit dem Mutter und Tochter von einander schieden. Ilse besonders fühlte sich tief niedergedrückt und beklommen. Bisher hatte sie noch nicht darüber nachgedacht, welcher Art ihre Gefühle für den Baron waren, den sie; wie alle ihre Patienten, mit dem Herzen pflegte, d. h. mit bet Theilnahme, die ihr menschliche» Lei» und menschliche Schmerzen jederzeit einflößten. Jetzt aber ging e» wie ein Bangen durch ihre Seele: Der Mutter Worte hatten etwa« in ihr geweckt, was unbewußt noch in ihr ge» schlummert hatte. Ja, sie gestand sich mit der ihr eigenen


