Ausgabe 
27.2.1896
 
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UnterlMungsblatL nim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

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Schwester Ilse.

Roman von Clarissa Lohde.

(Fortsetzung.)

Wolf boSte in aufwallendem Zorne die Hand.

Eie sollen sich hüten!" stieß er hervor.

Still," unterbrach ihn der Onkel,sie werden ihre Strafe erhalten. Ihre hochmüthige Unduldsamkeit hat das Band zwischen uns zerriffen. Ich habe keinen Bruder mehr. Du bist meinem Herzen der Nächste. Der Sohn dec Frau, die ich geliebt habe, die um mich, die für Dich gelitten hat, mehr ole die kaltherzige Welt es ahnt und zu fassen vermag, soll wenigstens an äußeren Glücksgütern erhalten, was ich ihm geben kann. Ich habe mein Testament bereits gemacht, Wolf, Du bist mein einziger Erbe."

Onkel, das wird den Verwandten vielleicht noch doppel« ten Vorwand zu jener Verleumdung geben."

Sei's d'rum! Auslöschen läßt es sich nicht. So will ich Dich denn auch als Sohn betrachten, wie Du mir ja im Herzen ein Sohn bist."

Und er war sein Erbe geworden. Gattersberg, bas der Onkel aus einem Lehn durch Auszahlung an die Lehnsberech» tigten zu seinem freien Etgenthum, das er durch unermüd­lichen Fleiß, durch gute Bewirthschaftung und Sparsamkeit zu einem der ertragreichsten Güter der Umgegend gemacht hatte, war jetzt sein. Alle äußeren Bedingungen zum Glück waren ihm gegeben und nun lag er da, ein gebrochener Mann, bett Tod vor Augen. So jung noch und schon sterben müssen, so sterben! Niedergemäht wie eine kaum erst in Samen geschossene Aehre, und von dem, den er seit Jugend an für seinen Neben­buhler, ja Feind betrachtet hatte, besiegt von dem lieber* milchigen int Kampf und in der Liebe, ja auch in der Liebe, und das hatte seinem Herzen den letzten, schwersten Stoß gegeben.

Ein Name kam über seine L'ppen und wie ein Glanz trat es in seine müden Augen.

Adeline!"

Wie er sie geliebt hatte, wie sicher er gewesen war, sie sich zu erringen.

Auf einem Ball beim amerikanischen Gesandten war es gewesen, als er ihr zum ersten Male begegnet war. Niemals glaubte er etwa» Schöneres gesehen zu haben. Die große schlanke Gestalt, die unnachahmliche Gracie ihrer Haltung, der reizende, von einer Fülle aschblonden Haares gekrönte Kopf und dazu diese Augen, Rehaugen, von jenem hellen, klaren Braun, die wie Crystall glänzen und doch wieder in Augenblicken der Erregung so feucht in Sehnsucht schimmern können.

Sie bewohnte mit ihrer Mutter Mrs. Graham ein Chambre garni in der Potsdamerstraße und empfing wöchent­lich einmal. Daß er gleich bei seiner ersten Visite seinen Vetter Axel, der al» Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt be­schäftigt war, wie einen alten Bekannten im Salon der Gra­ham» installirt fand, berührte ihn nicht angenehm, störte ihn aber weiter nicht.

Der kleine, zierliche, geistreichelnde Assessor bäuchte ihm kein zu fürchtender Nebenbuhler in der Gunst der Frauen.

Wie sehr er sich getäuscht, hatte er zu seinem Schmerz erfahren müssen!

Miß Adeline zeichnete ihn fast sichtlich aus und wenn sie auch gegen Axel sich stets liebenswürdig und zuvorkommend erwies, ja, ihre kleinen Koketterien mit ihm trieb, so fiel ihm das nicht weiter auf, da man an jungen Amerikanerinnen den freien Verkehr mit Männern gewöhnt ist. Durfte er es denn nicht als Beweis ihrer Zuneigung aufnehmen, daß sie ihm gestattete, was sonst.Keinem, fast täglich mit ihr auf der Rouffau-Jnsel oder dem Neuen See zum Schlittschuhlaufen zusammenzukommen? Welche seligen Stunden waren es ge- wesen, wenn er so Hand in Hand mit ihr über die glatte Fläche dahinschwebte, wenn er die schöne Gestalt leise näher an sich zog und in ihren Augen die Antwort auf die stumme Frage der seinen zu lesen suchte! Er glaubte sich geliebt, glaubte, nur das entscheidende Wort sprechen zu dürfen, um das Jawort von ihren Lippen zu küssen.

Aber ehe er dieses Wort sprach, mußte er des Onkel- Zustimmung sich holen.

Da wurde ihm die erschreckende Nachricht, daß er in Gattersberg schwer erkrankt fei. Ein Schlaganfall hatte ihn mitten in seiner Thätigkeit auf dem Felde getroffen. Wie