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er keinen anderen Schmuck hätte aufweisen tönnett als die ideale Vollkommenheit dieses köstlichen Menschenbildes.
Wohin auch der Zug auf seinem langen Wege bi» nach dem Ollthore kam, überall umbrauste sie derselbe überschwengliche Jubel und überall hieß es unter den Zuschauern mit neugieriger Frage:
„Wer ist ste? — denn Niemand erinnerte sich, daß er dies Antlitz und diese Gestalt, die man doch sicherlich nicht so leicht wieder vergaß, je zuvor gesehen, und nur ganz vereinzelt fand sich Einer im Publikum, der seine Umgebung darüber aufklären konnte, daß die Göttin der Pantasie Luigia Gozzoma sei, dieselbe italienische Sängerin, die vor einigen Tagen bei ihrem Auftreten im Stadttheater mehr durch den unwiderstehlichen Zauber ihrer Perlönlichkeit als durch ihre Kunst einen rauschenden Erfolg davongetragen.
Schon war der Zug bi» in die Nähe des Thores gelangt, als sich geilt Zwischenfall ereignete, der gar leicht zu einer traurigen Unterbrechung des verhängnißvoll begonnenen Festes hätte werden können. Ob das holprige Pflaster die Schuld daran trug oder ein im Wege liegendes Hinderniß, das die Voraufschreitenden übersehen, genug, der hochge- thürmte Aufbau des schwerfälligen Triumphwagens gerieth plötzlich so stark ins Schwanken, daß die Göttin das Gleich- gewicht verlor und mit einem Schrei von ihrer luftigen Höhe herabstürzte.
Wie ein einziger Angstruf ging es durch die Menge, denn man mußte ja erwarten, den schönen Körper im nächsten Moment blutig auf den kantigen Steinen der Straße liegen zu sehen. Und der staunenswerthen Geistesgegenwart eines einzigen wuthigen Mannes war es allein zu verdanken, wenn dieses Gräßliche nicht geschah. Selbst die in unmittelbarer Nähe befindlichen Personen hätten nachher kaum anzugeben vermocht, wie sich da» R-ttungswerk so blitzschnell hatte voll- ziehen können. Auch ste sahen eigentlich nur, daß ein hoch- gewachsener schlanker und kraftvoller Jüngling in jenem malerischen Costüm, welches Rubens auf dem bekannten Gemälde von der Befreiung der Andromeda dem Perseus gegeben, urplötzlich auf der halben Höhe des Wagens stand und die willenlos hingegebene Gestalt der gestürzten Phantaste mit seinen nervigen nackten Armen umschlungen hielt. Im Fallen mußte er sie aufgefangen haben, und er war glücklicherweise stark und gewandt genug gewesen, festen Fußes seinen Stand auf dem schwankenden Gefährt zu behaupten. Ein paar Secunden lang noch herrschte ringsum othemlose Stille dann aber, al» man erkannte, daß alle Gefahr vorüber fe brausten hundertstimmige Bravorufe zu dem tapferen jungen Recken empor, und der Jubel wuchs schier ins Unermeßliche, da sich Luigia Gozzoma jetzt lächelnd und erröthend aus der unfreiwilligen Umarmung losmachte, um wieder zu ihrem Throne emporzusteigen. Es war nur natürlich, daß sie sich dabei auf die dargebotene Rechte des ritterlichen Perseus stützte, und das Publikum konnte nach dem Voraufgegangenen kaum etwas Befremdliches darin erblicken, daß er nun auf dem letzten Absatz halb neben und halb unter ihr stehen blieb, wie um sie gegen alle weiteren Fährltchkeiten zu schützen. Ja, es war sogar außer Zweifel, daß die Gruppe auf dem Wagen durch diesen Zuwachs, wie wenig programmgemäß er auch sein mochte, noch um ein Bedeutendes gewonnen hatte. Der kühne, chäracteristische Kopf des höchstens Fünfundzwanzigjährtgen hatte in dem Schmuck des mächtigen, blinkende» Griechenhelmes etwa» imponirend Heldenhaftes, und seine breite, hochgewölbte Brust, seine schlanken, und doch muskelschwellenden Glieder einten sich zu einem Gefammtbllde edler Männlichkeit, daneben dem weiblichen Liebreiz seiner dunkelockigen Partnerin um so augenfälliger und sympathischer wirkte.
„Es ist der Bildhauer Werner Eggestorf/ wußten Diejenigen zu berichten, die nähere Beziehungen zu der Künstlerschaft unterhielten, „Derselbe, der vor drei Jahren für feine «Andromeda" den großen Rompreis erhalten. Wie es scheint, kann er die Sprachkenntniffe, die er sich während seines italienischen Aufenthaltes erworben, jetzt sehr gut verwerthen."
Und so schien e» in der That. Was die Beiden da
oben miteinander sprachen, hörte allerdings Niemand; aber daß sie sich ebenso lebhaft wie angenehm unterhielten, ver- riethen sowohl das holdselige Lächeln der Sängerin als die feurigen, schier verzückten Blicke, mit denen die Augen de» ungen Künstler» unablässig an ihrem Antlitz hingen. Für hn war während dieses letzten Theiles der Fahrt offenbar Iberhaupt nichts Anderes mehr vorhanden als die schöne Göttin Phantasie, und als der Zug dann den eigentlichen Schauplatz des Festes, einen für das große Publikum abgesperrten Theil des Stadtwaldes erreicht hatte, ging e» über fein Gesicht wie ein Ausdruck der Ueberraschung und zugleich wie ein Schatten des Mißvergnügens über das all' zu frühe Ende dieses traulichen, ungestörten Zwiegespräches, das sie inmitten der tausendköpfigen Menge hatten führen dürfen.
Vor dem hoch ausragenden phantastischen Burgbau, der hier wie durch Zauberei gleichsam über Nacht ewporgewachsen war, und dem man es erst bei sehr genauer Betrachtung an- sah, daß er nicht aus cyklopPchem Gestein, sondern vornehm- lich aus Holz, Leinwand und Pappe gefügt worden, machte der Pi unk wagen Halt, und an der Hand ihres Beschützer« stieg Luigia Gozzoma herab, umringt und umjubelt von ihrer ganzen bunten Gefolgschaft. Unter einem reichgeschmückten Zeltdach, dem Burgportal gegenüber, war aus erhöhtem Podium ein vergoldeter Sessel aufgestellt, von dem aus ste dem jetzt beginnenden Festspiel zusehen sollte, und mit dem Anstand einer Königin begab sie sich auf diesen Platz, um den sie von allen weiblichen Anwesenden gewiß nicht weniger glühend beneidet wurde, als um die Rolle, die sie vorhin in dem Zuge gespielt batte.
Werner Eggestorf wich nicht von ihrer Seite, und wenn er auch nicht mit ihr plaudern, sondern ihr nur hier und da eine kurze Bemerkung zuflüstern konnte, so war doch allem Anschein nach die Möglichkeit, sich au» unmittelbarster Nähe in dem Anblick ihrer Schönheit zu versenken, für ihn noch immer ein köstlicher Genuß. , ,
Nach Beendigung de« Spiele, freilich mußte er sich ein wenig zurückziehen, denn eine erlauchte fürstliche Persönlichkeit, die das Künstlertest durch Ihr Erscheinen geehrt hatte, würdigte die holde Darstellerin der Phantaste gnädig einer längeren Unterhaltung, doch auch jetzt ließ der junge Bildhauer sie nicht au» den Augen, und bestürzt, wie ein zäh aus tiefem Traum Erweckter, fuhr er zusammen al» plötzlich eine ernste Stimme neben ihm sagte:
„Du kannst, wie es scheint, Deine Braut in dem Gewühl nicht wiederfinden. Ich sah ste soeben mit ihrem Vater drüben bei dem Blumenzelt, und ich hoffe, Du läffest sie da nicht länger auf Dich warten."
Der diese Worte gesprochen hatte, war ein Mann in einfachem schwarzem Scholarencostüm. Er mochte um drei oder vier Jahre älter sein als Werner Eggestorf, und so augenfällig auch eine gew'ffe Aehnltchkett ihrer Züge war, so grundverschieden war doch der Gesammteindruck ihrer Erscheinungen. Weder die strotzende Kraft, noch das Ebenmaß der Gestalt, noch das Feuer in Blick und Geberde, die da» Aeußere de» Jüngeren so feffelnd und imposant machten, waren dem Anderen eigen. Etwas Eckiges und Unbeholfene» war in feiner hageren Figur, und wenn er, wie in diesem Augenblick, mit gefurchter Stirn und fest zufammengepreßten Lippen vor sich hin sah, lag etwas beinahe abstoßend Finstere» auf seinem mehr intelligenten al» schönen Gesicht.
Auch die Miene de» Anderen, die eben noch da» hellste Entzücken gespiegelt hatte, verdüsterte sich zusehends.
„Ich danke für die freundliche Auskunft," erwiderte er kurz. „Vermuthltch ist es Margarethe selbst gewesen, die Dich mit diesem Auftrage geschickt hat."
„Nein. Aber Du könntest Pe vielleicht verfehlen. Komm mit mir; ich werde D>ch zu Ihrem Platze Wen.
Mit kaum noch verhehltem Unwillen schüttelte Werner den Kopf.
„Es bedarf dessen nicht — ich werde sie schon finden. Uebrigens muß sie sich ein wenig auf ihre eigene Hand zu


