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Mm Gießener Anzeiger (General-AnMger),

Donnerstag den 26 November 189«.

Die Brüder.

Novelle von Reinhold Orlmann.

------- (Nachdruck verboten.)

I.

Am frühen Morgen schon drängte sich das Volk in den S trotzen, die der große Festzug passtren mußte. War doch seit Tagen kaum noch von etwas Anderem die Rede gewesen al» von ihm, und gab es unter den frohlebigen Bewohnern der schönen alten Kunststadt doch sicherlich keinen, der ohne die zwingende Nothwendigkeit auf den Anblick des mit Spannung erwarteten Schauspiels verzichtet hätte-

Diesmal soll es etwas besonders Schönes werden, hieß es überall, und wenn auch seit Menschengedenken Jahr für Jahr die nämliche Parole für das berühmte Frühlingsfest der Künstlerfchaft ausgegeben worden war, so klang sie darum doch nicht minder gläubig und zuversichtlich von Mund zu Mund. Auch durfte man heute vielleicht in der Thal be­sondere Erwartungen hegen, denn der Festzug sollte ja nichts Geringeres als einenTriumph der Phantasie" darstellen, und kein anderer Vorwurf schien so wohl geeignet als gerade dieser, der üppigen Erfindungsgabe des Künstlervölkchens eine beinahe schrankenlose Bethätigung zu gestatten.

Sie kommen I Sie kommen!" ging es durch die geduldig und wohlgelaunt harrende Menge, als sich von fern her schmetternde Trompetenfanfaren vernehme» ließen. Und wie nun die Spitze des Zuges in Gestalt dreier reich ge­schmückter Herolde hoch zu Roß vom Marktplatz her in die Hauptstraße einbog, flogen auch schon die Hüte in die Luft und winkten weiße Tücher in schönen Händen den Nahenden fröhlichen Gruß entgegen.

Die Hoffnungen, die sich auf eine seltene Augenweide gerichtet hatten, wurden nicht getäusckt. So Schönes, Prächtiges, Herzerfreuendes meinte man wirklich nie zuvor gesehen zu haben- Des Beisolljauchzen» und Tücherschwerkens war kein Ende. Au» den Fenstern wurden Blumen auf die Vorbei­ziehenden geworfen, und helle Zurufe flogen hin und wieder.

Aber wie lebhaft sich auch Angesichts mancher wohl­gelungenen Gruppe das bewundernde Staunen der Menge äußern mochte, zu einer wahrhaft enthusiastischen Huldigung

gestalteten sich diese Kundgebungen doch erst beim langsamen Herannahen des von zehn schneeweißen Raffen gezogenen, hoch aus dem bunten Gewimmel aufragenden Triumphwagens der Phantasie.

In kühnem, farbenreichem Aufbau stieg der luftige Thron der Göttin empor. Holde weibliche Wesen, die vom Scepter der Phantasie regierten Künste versinnlichend, saßen oder lagerten anmuthig hingestreckt auf seinen Stufen, und in sinn­verwirrender Mannigfaltigkeit umschwärmte das prunkhafte Gefährt eine wirbelnde Menge von Gestalten, die den ver­schiedensten Zeiten und Völkern zu entstammen schienen, in denen man aber bei näherer Betrachtung die lebendige Ver­körperung vieler weltberühmter Meisterwerke erkannte, wie die Phantasie begnadeter Künstler sie vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden geschaffen.

Es waren prächtige Erscheinungen in diesem Schwarm, edle, durchgeistigte Köpfe und jugendliche Leiber von klassischer Schönheit- Beinahe Jeder und Jede hätten voll berechtigten Anspruch auf die Bewunderung der Zuschauenden gehabt, und wenn sie dennoch die verdiente Beachtung nicht fanden, so hatten sie er einzig dem Alles überstrahlenden unvergleich­lichen Liebreiz des herrlichen Frauenbtldes zuzuschreiben, dem ihre Huldigungen wie die der Menge galten.

In weich niederfließende griechische Gewänder gekleidet, deren nachgiebiger Faltenwurf alle Wunder einer vollendet ebenmäßigen Gestalt offenbarte, den schimmernden Hals und die schlanken Arme, die schöner sicherlich nie unter dem Meißel eines griechischen Bildners hervorgegangen waren, unverhüllt den entzückenden Blicken des Volke» preisgebend, stand sie königlich stolz hoch droben unter dem purpursammeten Thron­himmel, aus großen, glänzenden, dunklen Augen träumerisch auf die Menge niederschauend, von einer Fluth nachtschwarzen, seidenweichen Gelocks umwallt und ein nixenhaftes, bezauberndes Lächeln auf den rothen Lippen. Von den goldenen Federn auf ihrem Haupte bis berab zu den Sandalen, die das zier­lichste Füßchen umschlossen, war Alles an ihr von Märchen- haster Holdseligkeit und von einer versührerischen Anmuth die bethörend auch auf die kältesten Sinne wirken mußte. Es gab keine Schönheit mehr neben der jihrigen, zünd der Eindruck des mit so verschwenderischem Pomp aufgebauten Prunkwagens würde nicht geringer gewesen sein, auch wenn