dis anmuthige Gruppe, die Ilse mit seinen kindlich blühenden Töchtern bildete, die eben Beide mit weitgeöffneten Augen und vor Aufregung glühenden Wangen der Beschreibung des Osterfestes in Corfu lauschten.
„Ach, [rote das eigen sein muß," rief Elsbeth begeistert, „fo um die Osterzeit, wenn hier noch kauur die ersten Blättchen an den Bäumen sprießen oder gar noch Schnee auf den Bergen liegt, unter blühendem Lorbeer, Myrthen und Orangen zu wandeln, der Nachtigall zu lauschen und das Christusbild unter blühenden Rosen gebettet zu sehen. Und dann des Nachts die Procession mit den brennenden Kerzen und das wunderbare Meer und der Himmel mit seinem goldigglänzenden Monde, der doch hier auch von unseren Dichtern immer nur als der silberne Mond besungen wird, ach, Ilse, bist Du zu beneiden I"
Ilse nickte, aber ein so trübes Lächeln lag dabei um ihren Mund, daß es dem Pastor an's Herz ging.
„Quält unsere Ilse nicht länger mit Fragen," unterbrach er nun das Geplauder der Mädchen, „ich habe so wie so mit ihr allein zu sprechen."
„Ach, schon wieder allein, Papa? Wir haben sie kaum ein Stündchen erst für uns gehabt."
„Ihr Unersättlichen," mahnte nun auch die Mutter, „und wenn die Ilse den ganzen Tag hier wäre, Ihr hättet doch nicht genug. Kommt jetzt, setzt Euch die Hüte auf, wir wollen Fräulein Altwiel entgegengehen, die um diese Stunde kommen will, von uns Abschied zu nehmen."
Die Mädchen gehorchten, wenn auch mit betrübten Mienen; dann war Ilse mit dem Pastor allein.
„Sie haben mir noch etwas mitzutheilen von Wols?" fragte sie, mit zagendem Blick zu dem Pastor aufsehend. Vermochte sie doch seinen Namen selbst nicht ohne innere Bewegung auszusprechen. Und was konnte ihr von dort auch Anderes kommen als Aufregendes, Schmerzliches?
„Justizrath Heldreich war gestern Vormittag bei mir!" „Ah so, der Scheidung wegen!"
Trotz aller Selbstbeherrschung konnte sie es doch nicht verhindern, daß die Farbe auf ihren Wangen wechselte.
Der Pastor faßte ihre Hand und sah ihr theilnehmend in die Augen.
„Nicht gerade deshalb. Er hat einen Brief von dem Baron empfangen und bat mich in seinem Auftrage um meine Vermittelung bei der Ordnung der pecuniären Frage und ich habe diese Vermittelung gern übernommen, da ich weiß, wie Dir das Alles jetzt peinlich sein muß. Willst Du mir die Erlaubniß geben, für Dich das Nöthigs nach bestem Ermessen abzumachen?"
Ilses Lippen zitterten, sie war ganz bleich geworden.
„Herr Pastor, für mich giebt es keine pecuniäre Frage in dieser Angelegenheit. Ich habe den Baron des damals mir von ihm freiwillig gegebenen Wortes entbunden, damit ist für mich Alles erledigt. Ihm bleibt es überlassen, die Schritte zu thun, die zur Lösung der Ehe nothwendig sind."
Der Pastor schüttelte den Kopf.
„Nicht so, liebe Ilse; ich begreife, daß Du so fühlst und daß es Dir nicht leicht wird, von dem Manne, der Dich in tiefster Seele verletzt hat, etwas anzunehmen. Aber Du darfst dieser empfindsamen Regung nicht nachgeben; darin stimme ich Deiner Mutter vollkommen zu. Uebrigens handelt es sich vorläufig noch gar nicht darum, war der Baron bei einer etwaigen Scheidung Dir zuzubilligen hat, sondern um die Mittel, die er Dir jetzt zur standesgemäßen Lebensführung zur Verfügung zu stellen gedenkt, bi» die Differenz zwischen Euch so oder so gelöst worden ist."
„Sie können doch unmöglich glauben, daß ich jetzt noch, nach unserer Trennung, auch nur einen Pfennig von ihm annehmen würde? ' fiel sie ihm ziemlich heftig in'sWort. „Ich weiß ja, daß ich, obwohl den Namen seiner Gattin tragend, ihm doch nie etwas Anderes als eine Pflegerin gewesen bin. Diese meine Leistung ist beendet, ich habe damit nichts mehr zu beanspruchen."
„Sei nicht thöricht, Ilse I Ich bitte Dich, sieh' die Dinge
einmal so an, wie sie sind und stelle Dich nicht auf einen so hyperidealistischen Standpunkt. Mag er Dich betrachtet haben als was er will, frctifch bist Du seine Gattin, für deren Unterhalt er die Pflicht hat zu sorgen."
„Unter gewöhnlichen Verhältnissen gewiß!" wiederholte sie. „Bei mir ist er aber etwas durchaus Anderes. Sie wissen ja überdem, daß ich, sobald ich von den Gründen gehört, die den Baron zum Eingehen der Ehe mit mir veranlaßt haben, fest entschlossen war, weder die mir zugedachtr Erbschaft anzutreten, noch unsere Ehe al» eine für's Leben bindende zu betrachten, im Falle er gesund werden sollte."
„Aber das ist ein Unding. Ja, wenn Du reich wärest! Doch Du bist es nicht und selbst wärest Du nur seins Pflegerin gewesen, so hättest Du doch auch ein Anrecht, für Deine Dienste ein Aequivalent zu erhalten, das dem Vermögsnsstande des Barons entspricht."
„Ich habe viel von ihm empfangen, mehr als ich je unter anderen Verhältnissen hätte beanspruchen dürfen. Und nun, lieber Herr Pastor, bitte, dringen Sie nicht weiter in mich, Sie wissen, wozu ich mich einmal entschlossen habe nach reiflicher Ueberlegung, davon gehe ich nicht ab. Jede weitere Geldspende von Seiten Wolfs würde mich tief verletzen, mich in meinen Augen erniedrigen, da es mir nicht gelungen ist, fein Herz zu gewinnen und er feine Liebe einer Anderen gegeben hat, sind meine Ansprüche an ihn erloschen."
„Was aber willst Du anfangen, unglückliches Kind? Hier bei Deiner Mutter bleiben, die diese — auch ich muß es so nennen — übertriebene Zartheit niemals verstehen und deshalb auch niemals verzeihen wird? Bedenke, was das für Dich heißt."
„Ich habe es bedacht, Herr Pastor, schon als ich von meiner Mutter die ganze niederschmetternde Wahrheit erfuhr. Sie bat mich damals, mein kleines Capital, das mir der Vater zur eigenen Disposition vermacht hat, meinem Bruder zu überweisen- Ich verweigerte es in der Voraussicht, daß schon bald die Zeit kommen könnte, in der ich es selbst brauchen würde. Mittellos bin ich also nicht und da ich entschlossen bin, mich wieder meinem Berufe zuzuwenden, den ich niemals hätte verlassen sollen, wird auch für meine Zukunft gesorgt sein."
„Du kennst das Leben nicht," meinte der Pastor kopfschüttelnd, „und ahnst nicht, wie schwer es für eine Frau ist, sich durchzubringen und wie sie Gott danken muß, wenn dar Schicksal sie so führt, daß ihre Existenz auf alle Fälle gesichert ist. Ich kenne die Höhe des kleinen Capital«, welches Dein Eigenlhum ist, es genügt kaum zum nothdürftigen Lebensunterhalte. Du [wirst mir antworten: Ich will mich auf eigene Füße stellen und werde, was ich gebrauche, hinzuverdienen. Gut, aber wenn Du krank wirst, sonst Dir ein Unglück zustößt, was dann? Deine Mutter hat vollkommen Recht, wenn sie eine Entsagung, wie Du sie hier üben willst, nicht dulden will. Es giebt Grenzen auch für die besten Empfindungen."
Ilse hob wie bittend die Hände gegen den Pastor.
„Wenn ich aber nicht kann, nicht kann," rief sie bebend. „Lieber Alles, Alles ertragen, als von ihm eine Bezahlung für die Dienste annehmen, die ich ihm geleistet habe. Er soll wenigstens wissen, daß ich nicht aus Interesse gehandelt habe. Seine Achtung, das ist ja das Einzige, was ich mir erringen kann, erringen muß, soll ich mir den Halt für das Leben bewahren."
Bewegt betrachtete der Pastor die leidenschaftlich erregten Züge der jungen Frau. „Wie sie ihn liebt," dachte er, „und solch' ein Herz stößt er von sich, der Thor!"
„Ich sehe wohl," bemerkte er dann milde, „daß es besser ist, über die Sache jetzt nicht weiter zu verhandeln. Du wirst später vielleicht ruhiger darüber denken."
„Nie, nie!"
„Und ich soll dem Justizrath wirklich in dem von Dir geäußerten Sinne antworten? Glaube mir, Niemand, weder der Baron noch sein Rechtsfreund wird diese Großmuth verstehen."


